Hexenglaube früher und heute

Wie die Hexen-Mythen bis heute weiterleben

Auch fast 300 Jahre nach dem letzten Hexenprozess in Europa  fesseln Geschichten über Frauen mit magischen Kräften die Massen. Sie haben Jahrhunderte des medialen Wandels überdauert – und erfinden sich auch heute wieder neu.

Wie die Hexen-Mythen bis heute weiterleben

Hexensabbat, Gemälde von Francisco de Goya, um 1797/98.

Von Markus Brauer/KNA

„Eene meene Mai, flieg los, Kartoffelbrei. Hex Hex.“ Seit den 1980ern schwirrt dieser Zauberspruch durch deutsche Kinderzimmer. Bibi Blocksberg ist 13 Jahre alt und eigentlich ein ganz normaler Teenager. Wären da nicht ihre Zauberkräfte, mit denen sie etwa ihrem Besen Kartoffelbrei das Fliegen befehlen kann.

Bibi Bloxberg, die kleine Hexe & Co.

Die Hörspielreihe über die junge Hexe ist bis heute ein riesiger Erfolg. Und das mit einer mythischen Figur, an der in der Vergangenheit so gar nichts Spaßiges war. 250 Jahre ist es her, dass in Deutschland der letzte Hexenprozess zu Ende ging. Über Jahrhunderte hinweg waren Frauen verfolgt und getötet worden, wenn ihnen magische Kräfte unterstellt wurden.

In Europa mag die Hexenverbrennung der Vergangenheit angehören. Das Phänomen der Hexerei versprüht aber weiter eine ungemeine Faszination, die sich in Medien niederschlägt. Angefangen mit William Shakespeare und den Gebrüdern Grimm, bei denen Hexen meist noch durchtriebene, gruselige Frauen waren, über harmlose, niedliche Hexen wie Bibi Blocksberg oder „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler, bis hin zu Mega-Hits wie der Harry-Potter-Reihe: In der Popkultur ist und bleibt Hexerei dauerpräsent.

Der letzte Hexenprozess

Anna Göldi,  geboren 1734 in Sennwald im heutigen Kanton St. Gallen, war eine  der letzten Frauen, die in Europa der Hexerei beschuldigt und mit dem Schwert hingerichtet wurden. Ihr Tod am 24. Juni 1782 im schweizerischen  Glarus war die letzte legale Hexenhinrichtung. Die letzten bekannten Hinrichtungen für Hexerei in Europa fanden 1793 in Posen (damals in Preußen) statt.

Geschichte der Hexenverfolgung

Grusel-Kostüm und Schimpfwort

Der Mythos werde heute sehr unterschiedlich gesehen, berichtet Meret Fehlmann, die an der Universität Zürich zu Populären Kulturen in Verbindung mit den Themen Hexen und Matriarchat forscht. „Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts haben die Hexenprozesse im gesamteuropäischen Raum aufgehört. Seitdem beobachten wir eine deutliche Veränderung des Hexenbildes.“

Als unheimliche Figur ist die Hexe ein beliebtes Grusel-Kostüm zu Halloween oder Karneval. Der Begriff wird auch heute noch als Schimpfwort für Frauen verwendet. Oft für jene, die eine starke Stimme haben.

Olaus Magnus Geschichte der nordischen Völker. Über die Bestrafung der Hexen, 1555: Der Gehörnte entführt die Hexe aus der Stadt, Foto: Imago/H.Tschanz-Hofmann

Umgang mit dem Mythos

In Europa, wo die Verfolgung angeblicher Hexen über Jahrhunderte besonders schrecklich tobte, ist der Umgang mit dem Mythos deutlich entspannter geworden. Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die Behandlung des Themas laut Fehlmann in drei große Stränge aufgespalten, die man bis heute beobachten kann.

„Eine Deutung von Hexen hat unterstellt, dass es durchaus recht gewesen sei, was mit den Hexen passiert ist, weil sie eben doch mit dem Teufel im Bunde stehen könnten. Eine andere besagte, dass das ganze Thema Magie alles Humbug war und Hexen einfach nur Opfer der Strafverfolgung waren.“

Heilerinnen statt Hexen

Einer dritten Deutung zufolge könnten die verfolgten Frauen Zugang zu altem, heidnischen Wissen gehabt haben – also eher Heilerinnen als Hexen gewesen sein. Diese unterschiedlichen Vorstellungen haben sich Fehlmann zufolge im Laufe der Zeit immer wieder vermischt und speisen bis heute die populären Hexenerzählungen.

Der Mythos Hexe wird immer wieder von verschiedenen Interessensgruppen vereinnahmt, die ihre ganz eigenen Vorstellungen und Wünsche in die Hexerei hineinprojizieren.

So habe sich beispielsweise die US-Frauenrechtsbewegung vom Idealbild der selbstbestimmten Frau inspirieren lassen und das Bild der Hexe aufgegriffen, berichtet Fehlmann. Populäre Filme und Serien wie „Charmed - Zauberhafte Hexen“ hätten ab den 1990ern ein modernes Frauenbild zu vermitteln versucht: Hier seien Hexen auch plötzlich wieder glamourös und verführerisch aufgetreten. Ein Bild, das unter negativen Vorzeichen auch schon zu Zeiten der Hexenverfolgung transportiert worden war.

Bücher als Brandbeschleuniger bei der Hexenverfolgung

Auch der Medienwandel hat das Hexenbild stark geprägt. Erst die Erfindung des Buchdrucks machte die flächendeckende Verbreitung von Hetzschriften wie dem „Hexenhammer“ möglich – und damit auch das Ausmaß der Hexenverfolgung in Europa.

In Volksmärchen hielt sich das Bild der bösen Hexe noch lange. Dass der Mythos überhaupt derart präsent blieb, daran habe die Wirkmächtigkeit des Mediums Film im 20. Jahrhundert entscheidenden Anteil gehabt, ist Fehlmann überzeugt.

Witch Tok: virtuelle Hexerei

Im Zeitalter des Internets haben wiederum Medien mit dazu beigetragen, dass „Hexe“ von einer Fremdbezeichnung zu einer Selbstbezeichnung wurde. „Als in den 1990er Jahren das Internet erstmals als Massenphänomen auftrat, waren auch Frauen, die sich selbst als Hexe bezeichneten, sehr angetan von diesem neuen Medium“, erklärt Fehlmann.

Man habe sich über weite Distanzen virtuell treffen und Gleichgesinnte finden können, selbst wenn man zum Beispiel in einem sehr konservativen Umfeld wohnte, wo niemand wissen durfte, dass man solche Interessen hat.

Auf der besonders bei jungen Menschen beliebten Kurzvideoplattform Tiktok gibt es heute eine kleine Community, die sich selbst „WitchTok“ nennt und auf der sich selbst ernannte Hexen präsentieren und vernetzen.

Von Fantasy zu Science-Fiction: „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“

Wie passt das in eine Gesellschaft, die eher auf belegbarem Wissen basiert? Eine mögliche Antwort findet sich in einem Kulturprodukt: Der Roman „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“ von Neal Stephenson und Nicole Galland aus dem Jahr 2017 erzählt von einer fiktiven Geheimbehörde der US-Regierung, dem „Department of Diachronic Operations“.

Diese hat herausgefunden, dass es Magie in der Vergangenheit tatsächlich gegeben hat. Durch den wissenschaftlichen Fortschritt war sie aber immer schwächer geworden, bevor sie durch die Erfindung der Fotografie – noch so ein Meilenstein im Medienwandel – ganz verschwand.

Postmoderner Hexen-Mythos

Die Hexen sind im Roman aber noch da, obwohl sich viele ihrer Fähigkeiten nicht mehr bewusst sind. Mithilfe von ein wenig fiktiver Quantenphysik, die den Eindruck von Wissenschaftlichkeit verstärken soll, und den wiederentdeckten Hexen schickt die Behörde schließlich ihre Mitarbeiter in der Zeit zurück, wo sie die Magie wieder zum Leben erwecken und in die Gegenwart mitbringen sollen.

Die Autoren Neal Stephenson und Nicole Galland tragen die Hexen also vom Fantasy-Genre in die Science-Fiction. Und liefern damit ein mediales Abziehbild für einen postmodernen Hexen-Mythos in aufgeklärten Zeiten.