Das 2:2 in Kiel zeigt, dass die Stuttgarter in der aktuellen Form internationalen Ansprüchen nicht genügen. Denn die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß präsentiert sich mit zu großen Leistungsschwankungen – und jetzt geht es gegen zwei Spitzenteams.
Nicht zu fassen: Stuttgarts Torhüter Alexander Nübel ist nach dem Remis in Kiel bedient.
Von Carlos Ubina
Kiel - Die Enttäuschungen mehren sich. Schon allein beim Blick auf die Ergebnisse. Aus den vergangenen sieben Spielen in der Fußball-Bundesliga hat der VfB Stuttgart nur vier Punkte geholt und dabei lediglich einen Sieg gefeiert. In der Tabelle bedeutet das zwar noch immer Rang acht, aber das Team von Trainer Sebastian Hoeneß kommt nicht voran. Seit Wochen verpasst es in seinen Begegnungen Chance um Chance, seit Wochen liefert es schon innerhalb von 90 Minuten keine Konstanz.
Auf und Ab mit (zu) hohen Ausschlägen für gehobene Ansprüche, so verlaufen die Partien, in denen sich gute Phasen mit schlechten abwechseln – oder umgekehrt. Bester Beleg: das 2:2 bei Holstein Kiel. Diesmal ließ die VfB-Elf (im Gegensatz zu den Vorstellungen gegen die TSG Hoffenheim/1:1 und den FC Bayern/1:3) im ersten Abschnitt elementare Tugenden vermissen, die „Basics“, wie die Trainer so schön sagen. „Energie und Intensität waren nicht auf dem Level, auf dem sie sein müssen“, sagt Hoeneß und bezieht sich auf die halbe Stunde nach der Führung durch Jamie Leweling (15.). Den Stuttgartern gelang es nicht, die Spielkontrolle zu behalten, Sicherheit und Souveränität aus der Führung zu ziehen.
Schlimmer noch. Mit einfachsten Mitteln kamen die Kieler zum Erfolg. Weite Einwürfe und lange Pässe brachten die Wende für den Aufsteiger aus dem hohen Norden. Zweimal schlug Steven Skrzybski (30./46.) zu und offenbarte die Schwächen der Gäste aus dem Süden der Republik. Denn der VfB schafft es ja auch nicht mehr, hinten zu null zu spielen. Zu viele Unzulänglichkeiten ermöglichen es den Gegnern, zu Treffern zu kommen. Recht leicht geht das am Ende, da im Trikot mit dem Brustring immer einer patzt oder sich gleich eine Fehlerkette ergibt. Siehe Ramon Hendriks vor den Gegentoren diesmal.
Die Chronologie des Spielverlaufs half den Stuttgartern dann im Holstein-Stadion auch nicht weiter. Nur neun Sekunden nach Wiederanpfiff senkte sich der Ball hinter Schlussmann Alexander Nübel ins Netz. Rekord. Acht Minuten später trottete Leonidas Stergiou nach einer Roten Karte vom Platz (53.). Eine symptomatische Szene: der Rechtsverteidiger hatte bei der Ballannahme technische Schwierigkeiten und wusste sich nach seinem Ballverlust in der Not als letzter Mann nur durch ein Foul an Skrzybski zu helfen. Ein Bärendienst an der Mannschaft.
So bringt sich der VfB selbst in die Bredouille, da Hoeneß’ neuer Plan für die zweite Hälfte damit über den Haufen geworfen war. Mit Ermedin Demirovic sollte mehr Wucht in die Angriffe, mit Jacob Bruun Larsen mehr Schwung über die Flügel in das Stuttgarter Spiel kommen. Für den erneut schwachen Deniz Undav und den mäßigen Chris Führich. Wenigstens die Einwechslung des Mittelstürmers machte sich schnell bezahlt, weil Demirovic in Unterzahl traf (55.).
Schließlich rettete der Vizemeister einen Punkt der Moral, da er plötzlich leidenschaftlich das Unentschieden verteidigte und auf einen glücklichen Moment vorne hoffte. „Ich möchte die Mannschaft dafür loben, wie sie diese schier aussichtslose Situation angenommen hat“, sagt Hoeneß. Die gleiche Mannschaft ist aber auch dafür zu kritisieren, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hat. „Wir brauchen keine Alibis zu suchen“, sagt Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „Auftrag und Anspruch waren es, in Kiel drei Punkte zu holen. Das ist uns nicht gelungen. Und das 1:1 ist zu wenig.“
In aller Klarheit sollen deshalb die Defizite angesprochen werden. Intern. Extern vermeidet Hoeneß die große Fehleranalyse, da er zunächst mit den Spielern sprechen möchte, um sie wieder in die Spur zu bringen. Und es wird spannend sein zu sehen, ob sich die Zeit der positiven Ansätze (zum Beispiel das 13. Tor nach einer Einwechslung) zu Ende neigt, da die Stuttgarter nicht nur hinter den eigenen Erwartungen bleiben, sondern den internationalen Ansprüchen in der aktuellen Form nicht gerecht werden.
Es bleibt somit ein Kampf, wieder nach oben zu kommen. Mit Abrutschgefahr, da dem VfB die Leichtigkeit abgeht, die im Moment der FSV Mainz als Überraschungself verspürt. Zum Vergleich: vor einem Jahr lagen die Rheinhessen zum gleichen Zeitpunkt mit 16 Zählern auf Rang 17, nun befinden sie sich auf Champions-League-Kurs (44 Punkte). Der VfB hatte nach dem 25. Spieltag der Vorsaison 53 Punkte, jetzt 16 weniger. Richtungsweisend ist deshalb der März, in dem es noch gegen Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt geht. Zwei Topteams.