Der Traum von Stuttgart als Wohlfühlort für alle

Wie fürsorglich ist die Innenstadt eigentlich gebaut? Ein Rundgang zum Thema geschlechtergerechte Stadt zeigt, dass es nicht nur in der Klett-Passage oder am Olgaeck Verbessserungsbedarf gibt.

Der Traum von Stuttgart als Wohlfühlort für alle

Wer hier die Straße überqueren will, muss sich beeilen.

Von Sarah Lange

Stuttgart - Kerstin Renz ist kaum zu verstehen. Ihre einleitenden Worte vor dem Eingang der Klett-Passage gehen unter im Lärm von Baustellen und Stadtverkehr. Es wird trotzdem klar, worauf die Studienleiterin der Evangelischen Akademie Bad Boll hinaus möchte: Ein Wohlfühlort sieht anders aus. Die wenigen Sitzgelegenheiten, vereinzelt und ohne Rückenlehne, laden nicht gerade zum Verweilen ein. Wer kann, will hier nur weiter. Wer hier sitzt, hat wahrscheinlich wenig andere Optionen.

Die untere Königsstraße zeige, wie eine Stadt, die an konfliktreichen Orten auf Verdrängung setze, letztlich all ihren Bürgern den öffentlichen Raum verleiden kann. Es sei schwer vorstellbar, dass sich hier eine Mutter mit ihren Kindern zum Eisessen niederlasse. Aus Sicht einer fürsorgenden und geschlechtergerechten Stadtplanung sollte aber genau das hier möglich sein, erläutert Kerstin Renz. Zusammen mit Vera Krimmer vom Amt für Stadtplanung und Wohnen hat sie vergangene Woche die Stuttgarter Innenstadt in dieser Hinsicht unter die Lupe genommen. Unter dem Stichwort „Gender Planning“ schauen Städte wie Wien schon seit den 1990er Jahren darauf, wie öffentliche Plätze aussehen müssen, damit sich dort mehr Menschen wohlfühlen. Nach Berlin ist Stuttgart nun seit einigen Monaten die zweite Großstadt in Deutschland, die dafür eine Stelle unterhält.

Der Blick darauf, was Frauen und Mädchen in der Stadt brauchen, ist dabei nur der Anfang. Letztlich gehe es darum, dass die Planer eine Vielzahl von Lebenswelten einbeziehen: Was brauchen Senioren, junge Familien oder Menschen mit Behinderung, um im öffentlichen Raum gut zurechtzukommen und sich gerne dort aufzuhalten?

Wohin es gehen könnte, zeigt sich wenige Meter vom Stuttgarter Bahnhof entfernt. Hinter der derzeit noch dunklen und unwirtlichen Theaterpassage öffnet sich das Grün des Schlossgartens. Fröhliche Grundschulklassen, die aus dem Schauspielhaus strömen, geben einen Vorgeschmack auf das jugendliche Treiben, das an wärmeren Tagen hier die Rasenflächen bestimmt.

Schon jetzt sonnen sich Passanten auf den Bänken aus Stahl oder Waschbeton. Ein guter Anfang, aber noch kein Angebot für alle. Für ältere Menschen seien diese Sitzgelegenheiten zu unbequem, zu tief und zu weit voneinander entfernt. Hier plädiert Kerstin Renz für mehr Aufenthaltsmöglichkeiten und eine weniger restriktive Parkpolitik: „Gerade eine klimageschädigte Stadt wie Stuttgart ist auf offene und lebendige Grünflächen in ihrer Mitte angewiesen.“ Vor fast hundert Jahren entstand die Vision Stuttgarts als „autogerechte Stadt“, die in den 1960er Jahren die Stadtentwicklung bestimmte. Noch immer prägen die Stadtautobahnen des Cityrings das Zentrum der Kesselstadt – für die einen sind das Wahrzeichen moderner Mobilität, für die anderen Hürden auf dem Weg durch die Innenstadt.

Wer hier versucht, mit Gehhilfe oder Kleinkind an der Hand die Straße zu queren, strandet meist auf halber Strecke im „brandenden Verkehr“. Auch die Stadtspaziergänger schaffen es an der Leonhardskirche nicht schnell genug auf die schmalen Verkehrsinseln. Ein lautes Hupkonzert unterstreicht, wer hier das Sagen hat, während die Gruppe mit zwei Zwischenstopps auf die andere Seite der Hauptstätter Straße gelangt.

In der Verkehrsplanung sieht Kerstin Renz derzeit das „dickste Brett“, das es auf dem Weg zu einer geschlechtergerechteren Stadt zu bohren gilt. Dazu gehöre auch die Entzerrung von Knotenpunkten wie dem Olgaeck, einem „Modellgelände für Verbesserungen“. Bundesstraße, Stadtbahn und Busverkehr treffen hier aufeinander, Fußwege und Wartebereiche ziehen den Kürzeren. Auf den abgerundeten und abgesenkten Gehsteigen der Kreuzung hofft man geradezu, dass die Grundschulklassen vorm Schauspielhaus einen anderen Heimweg haben mögen.