Großer Druck im hohen Norden

Nach nur einem Sieg in den vergangenen sechs Bundesliga-Spielen steht der VfB Stuttgart bei Holstein Kiel unter Zugzwang, um den Anschluss an die internationalen Startplätze zu halten. Der Trainer fordert den vollen Fokus auf Inhalte statt auf Zahlen.

Großer Druck im hohen Norden

Im Hinspiel gewann der VfB mit Deniz Undav (li., gegen Marvin Schulz) zu Hause gegen Holstein Kiel mit 2:1. Foto: imago /Robin Rudel

Von David Scheu

Stuttgart - Wer einen Eindruck gewinnen will von den Ambitionen des VfB Stuttgart, findet dafür in der vereinseigenen Saison-Dokumentation einiges an Anschauungsmaterial. Von Trainer Sebastian Hoeneß zum Beispiel, wie er nach dem Ausscheiden in der Champions League in der Kabinenansprache zurück und voraus blickt: „Wir haben Dinge erlebt, die unglaublich sind und die wir nie wieder vergessen werden. Aber ich hoffe, wir haben alle Blut geleckt, dass wir das ganz schnell wieder haben wollen.“

Oder von Mittelfeldspieler Enzo Millot, für den aufgrund der Größe des Vereins mit seinen Fans feststeht: „Stuttgart muss jedes Jahr international spielen.“ Nun wird das Ganze voraussichtlich nicht von einer offiziellen Pressemitteilung zum Thema Saisonziel flankiert werden, am Cannstatter Ehrgeiz ändert das nichts: Der VfB will sich wieder für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren.

Das Problem an dieser Stelle: Die vergangenen Ergebnisse reichen dafür nicht aus, nicht einmal ansatzweise. Vier Punkte aus fünf Bundesliga-Spielen bilden eine magere Februar-Bilanz – mit durchschnittlich 0,8 Zählern pro Partie. Um bei der Vergabe der internationalen Startplätze mitzureden, braucht es auf eine Saison hochgerechnet ziemlich genau die doppelte Ausbeute.

Noch ist natürlich alles eng zusammen und nichts verloren. Zwei Punkte fehlen dem VfB auf Platz sechs, fünf Zähler auf die Champions-League-Zone. Klar ist aber auch: Die Mannschaft hat sich in den vergangenen Wochen durch eine fahrlässige Chancenverwertung und defensive Patzer selbst unter Zugzwang gesetzt. Die Chancen auf Punkte werden Woche für Woche weniger, zehn Spieltage bleiben für das avisierte Klettern in der Tabelle.

Vor dem Auswärtsspiel bei Aufsteiger Holstein Kiel am Samstag (15.30 Uhr) geht der Interpretationsspielraum deshalb gegen null: Ein Sieg muss her. War in den vergangenen Wochen die ansteigende Formkurve nach einem Tief rund um das Aus in der Champions League Ende Januar noch Thema, rückt nun das reine Resultat mehr und mehr in den Fokus.

Den Ton hatte dabei der Stuttgarter Sportvorstand direkt nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Bayern in der Vorwoche gesetzt. „Wir wollen den Anschluss ans vordere Drittel festigen. Und dafür müssen wir in Kiel gewinnen“, sagte Fabian Wohlgemuth mit Blick auf die Partie an seiner ehemaligen Wirkungsstätte im hohen Norden, wo er von Sommer 2018 bis Oktober 2019 als Sport-Geschäftsführer gearbeitet hatte. Dass in den Wochen nach dem Kiel-Spiel zwei herausfordernde Aufgaben gegen den amtierenden Meister Bayer Leverkusen und beim Tabellendritten Eintracht Frankfurt warten, verleiht der Gemengelage zusätzliche Brisanz. Und führt zu einer Drucksituation für den VfB.

Das streitet auch der Cheftrainer nicht ab. „Ergebnisdruck gibt es immer, aber natürlich sind wir gerade in einer noch spezielleren Situation“, sagt Sebastian Hoeneß. Dessen seien sich alle bewusst, niemand schiebe das beiseite. Einerseits. Um das nötige Resultat aber einzufahren, will Hoeneß eben dieses Thema nicht zu sehr in den Fokus stellen: „Wenn du sagst, ich muss jetzt gewinnen, wirst du darauf die Chance nicht erhöhen. Nur durchs Erzählen geht es nicht.“

Stattdessen fordert der Coach den vollen Fokus auf das Inhaltliche. „Für mich ist es wichtig, das nicht irgendwie zu schaffen, sondern über die Performance zu kommen und das dann nachhaltig zu machen“, sagt Hoeneß. „Ich möchte, dass wir unseren Trend fortsetzen.“ Dabei sieht er seine Mannschaft auf dem richtigen Weg: Man habe eine gute Trainingswoche gehabt, müsse nun im Spiel wieder mehr Kaltschnäuzigkeit und Schärfe vor dem Tor an den Tag legen als zuletzt.

Damit fährt der VfB mit gleich zwei Zielen in den hohen Norden. „Ein Sieg über eine gute Leistung“, sagt Hoeneß, „kann uns in dieser Kombination einen Push geben.“ Der VfB braucht ihn dringend für seine Europa-Ambitionen.