Haben die Ermittler möglicherweise zu früh einen möglichen rechtsextremen Hintergrund der Amokfahrt von Mannheim ausgeschlossen? Jörg Kachelmann kennt den Staatsanwalt aus seiner Haftzeit – und sieht sich bestätigt.
Romeo Schüssler (links) war Direktor der JVA Mannheim, als Jörg Kachelmann dort im Jahr 2010 mehr als vier Monate in U-Haft saß.
Von Florian Dürr
Eine politisch motivierte Tat könne man „nach bisherigen Erkenntnissen“ ausschließen – das verkündete Romeo Schüssler, der leitende Oberstaatsanwalt der Amokfahrt in Mannheim, bei einer Pressekonferenz am Abend des 3. März, bereits wenige Stunden nach der Tat mit zwei Toten. Man habe vielmehr „konkrete Anhaltspunkte auf eine psychische Erkrankung“ des Tatverdächtigen, ein 40-jähriger Deutscher aus Ludwigshafen. „Deswegen“, so Schüssler, „konzentrieren sich die Ermittlungen auf diesen Aspekt“.
Kachelmann erinnert sich an Schüssler als Leiter der JVA Mannheim
Zuletzt wurde Kritik laut an dieser frühen Ankündigung der Ermittler. Denn in den Tagen nach jener Pressekonferenz erweckten Medienberichte und Recherchen zum mutmaßlichen Amokfahrer den Eindruck, als hätte sich die Anklagebehörde möglicherweise zu früh auf die psychische Erkrankung des 40-Jährigen fokussiert. So soll der Tatverdächtige etwa im Jahr 2018 an einem Aufmarsch von Rechtsextremen in Berlin teilgenommen haben, im Internet kursieren Bilder, die den Deutschen im Neonazi-Umfeld zeigen – und im selben Jahr soll der 40-Jährige auf Facebook ein Bild von Adolf Hitler mit „Sieg Heil from Germany“ kommentiert haben.
Auch in Juristenkreisen zeigte man sich verwundert. Die „sehr frühe Festlegung“ sei „doch irritierend“, sagte der Frankfurter Strafrechtsprofessor Matthias Jahn von der Goethe-Universität gegenüber dem ZDF. Jetzt meldet sich auch Wettermann Jörg Kachelmann zu Wort, er kennt den zuständigen Staatsanwalt aus seiner eigenen Haftzeit – und sieht sich bestätigt: „Der zuständige Staatsanwalt Romeo Schüssler war vor gut 15 Jahren ein großer Beschützer und Förderer von Hakenkreuzen in seinem Knast“, schreibt Kachelmann bei X: „Es muss nicht verwundern, was in Mannheim passiert.“
Kachelmann: „Duldung von Nazisymbolen“ durch die Anstaltsleitung
Der ehemalige ARD-Wettermoderator saß 2010 wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung für mehr als vier Monate in der JVA Mannheim in Untersuchungshaft, wurde später aber freigesprochen – und die Klägerin wurde wegen „wahrheitswidriger“ Beschuldigung verurteilt. Während der U-Haft war der jetzt ermittelnde Staatsanwalt Schüssler noch Leiter eben jenes Gefängnisses (2006 bis 2010). „So früh zu sagen, die Tat habe mit den rechtsextremen Verbindungen des Tatverdächtigen nichts zu tun“, wirft Kachelmann dem Staatsanwalt vor, „das passt zu dem, wie ich ihn damals erlebt habe“.
Der zuständige Staatsanwalt Romeo Schüssler war vor gut 15 Jahren ein großer Beschützer und Förderer von Hakenkreuzen in seinem Knast.Es muss nicht verwundern, was in #Mannheim passiert.https://t.co/EkZjOm42xvEs ist auch verrückt, wie man mit seiner Vergangenheit diese… https://t.co/SdIkChOdBD — Jörg @kachelmann anderswo: @realkachelmann (@Kachelmann) March 8, 2025
Bereits in seinem 2012 veröffentlichten Buch „Recht und Gerechtigkeit“ berichtete Kachelmann von Hakenkreuz-Schmierereien an zentralen Orten der JVA Mannheim, die nicht entfernt wurden („im Gegenteil: Während meiner Haftzeit kamen noch weitere dazu“) sowie Hitler-Postern in einzelnen Zellen. Die „Duldung von Nazisymbolen“ durch die Anstaltsleitung habe „durchaus zur ausländerfeindlichen Stimmung zwischen Beamten und Gefangenen in der JVA“ beigetragen, schreibt Kachelmann und sagt heute: „All diese Dinge passieren nicht ohne das Wissen des Direktors.“
Staatsanwaltschaft prüft rechtliche Schritte gegen Kachelmann
Doch weder dem Mannheimer Staatsanwalt Schüssler noch dem baden-württembergischen Justizministerium waren und sind die geschilderten Umstände bekannt, wie die Behörden auf Nachfrage mitteilen. „Sämtliche Vorwürfe sind zudem unzutreffend“, schreibt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Mannheim: „Wir werden nunmehr prüfen, ob rechtliche Schritte gegen Herrn Kachelmann wegen dieser Behauptungen einzuleiten sind.“ Damals aber konnte der Meteorologe sein Buch veröffentlichen, ohne dass es Klagen gab oder er Stellen schwärzen musste, berichtet Kachelmann. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärt weiter zur Amokfahrt: Ein politisches Motiv sei „nicht generell ausgeschlossen“ worden, sondern nach dem aktuellen Ermittlungsstand hätten sich „keine Anhaltspunkte für ein solches ergeben“.
Das Justizministerium teilt über einen Sprecher mit, dass „Hinweise auf die behaupteten Umstände in Bezug auf die JVA Mannheim“ nicht bekannt seien. Und weiter heißt es: „Die Annahme, der leitende Oberstaatsanwalt habe einen politischen Hintergrund der Tat kategorisch und für immer ausgeschlossen, trifft nicht zu.“
Kachelmann ging gerichtlich gegen die Staatsanwaltschaft Mannheim vor
Kachelmann reagiert fast spöttisch auf die Reaktion und die Ankündigung der Staatsanwaltschaft Mannheim, rechtliche Schritte gegen ihn zu prüfen. „Dass die das Buch nicht gelesen haben, ist sicher eine Lüge“, sagt Kachelmann und wirft der Anklagebehörde ein „traditionell schwieriges Verhältnis zur Wahrheit“ vor. Das belege auch die Unterlassungserklärung aus dem Prozess gegen ihn, die die Mannheimer Staatsanwaltschaft abgeben musste: Die Anklagebehörde hatte damals auch nach dem Freispruch behauptet, dass sich am vermeintlichen Tatmesser DNA-Spuren von Kachelmann befunden hätten. Der TV-Moderator ging gerichtlich gegen die Staatsanwaltschaft Mannheim vor und landete mit der Unterlassungserklärung einen juristischen Erfolg.
Kachelmann bleibt bei seinen Darstellungen der Umstände in der JVA. „Es gibt unendlich viele Zeugen von damals – und niemand hat sich gegen meine Berichte im Buch gewehrt, sie in Zweifel gezogen“, sagt er. Das interpretiert er als Eingeständnis. Vor diesem Hintergrund überrascht es Kachelmann, wie Romeo Schüsslers Berufsweg weiterging: „Es ist auch verrückt, wie man mit seiner Vergangenheit diese Karriere hinlegen kann. Deutschland halt“, schreibt der Wettermann in seinem X-Beitrag. Schüssler wurde nach seiner Tätigkeit als Leiter der JVA Mannheim im Jahr 2010 Präsident des Landgerichts Mosbach, ab 2015 war er leitender Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg, von wo er nach fünf Jahren 2020 nach Mannheim wechselte.