Der Vorsitzende Rolf Gaßmann wirft der Stadt vor, die Entwicklungen am Arbeitsmarkt zu unterschätzen. Er befürchtet, dass deshalb nicht genügend Wohnraum für zugezogene Arbeitskräfte geschaffen wird.
In Stuttgart müssen in den nächsten 15 Jahren für 30 000 Zugezogene Wohnungen gebaut werden. In Stuttgart müssen in den nächsten 15 Jahren für 30 000 Zugezogene Wohnungen gebaut werden.
Von Jörg Nauke
Stuttgart - „Vorausberechnungen sind keine Vorhersagen.“ Darauf weist das Statistische Amt der Stadt Stuttgart in seiner neuesten Erhebung zur Bevölkerungsentwicklung explizit hin. Es handele sich „vielmehr um Wenn-dann-Aussagen“. Vor dem Hintergrund einer weiterhin moderaten Zuwanderung könne von einem leichten Anwachsen der Bevölkerung ausgegangen werden, heißt es in dem Bericht. Voraussetzungen seien allerdings eine wirtschaftlich gute Lage, eine anhaltend hohe Nachfrage nach Arbeitskräften und ein ausreichendes, bezahlbares Wohnungsangebot. Fehlten diese, sei eher ein niedrigerer Zuzug zu erwarten, der sogar zu einer Abnahme führen könnte.
Im nächsten Jahrzehnt würden die älteren Bevölkerungsgruppen massiv wachsen. Die Zahl der potenziell Erwerbstätigen in Stuttgart könnte zwar dennoch dank der Zuwanderung weitgehend stabil bleiben. Es sei aber eine große Herausforderung, dann eine bedarfsgerechte Infrastruktur und zielgruppenspezifische Angebote zur Verfügung zu stellen. Ob es mehr Einwohner geben könne, hänge aber auch vom Neubau auf den durch S 21 frei werdenden Bahnflächen ab.
Der Vorsitzende des Stuttgarter Mietervereins, Rolf Gaßmann, zeigt sich verärgert über die Berechnung, die der Kommunalpolitik schließlich als Grundlage für wichtige Infrastrukturentscheidungen dient: „Das ist eine Prognose für wirtschaftlichen Abstieg“, schreibt er OB Frank Nopper (CDU) in einem Brandbrief. Er bezieht sich mit der Kritik auf die „mittlere Vorausberechnungsvariante“, nach der Stuttgart in 15 Jahren lediglich 9430 Einwohner mehr haben solle als heute (2023: 610 069). Das sei ein Anstieg von nur 1,5 Prozent über einen so langen Zeitraum. Damit weiche die Prognose stark von der bisherigen Einwohnerentwicklung ab: Zwischen 2011 und 2022 habe sich Stuttgarts Bevölkerung ausweislich des Statistischen Jahrbuchs der Stadt von 2022/23 trotz zweier Coronajahre immerhin um 37 000 Einwohner oder 6,5 Prozent erhöht.
Die Vorausberechnung der Stuttgarter Statistiker stehe auch in starkem Kontrast zu den Prognosen anderer deutscher Großstädte. So würde im gleichen Zeitraum Düsseldorf eine Zunahme um 60 000, Frankfurt um 150 000, München um 200 000 und Berlin um 460 000 Einwohner erwarten.
Zentrale Kritik des Mietervereins ist, dass die Prognose vergangene und zukünftige Entwicklungen am Arbeitsmarkt weitgehend vernachlässige. So sei die Anzahl der Erwerbstätigen in Stuttgart von 2010 bis 2021 um rund 60 000 gestiegen. Zwar seien angesichts der Umbrüche in der Automobilindustrie solch Zuwächse vorerst nicht zu erwarten. Doch auch in Stuttgart gingen in den nächsten 15 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge – im Umfang von 29 Prozent aller Beschäftigten – in Rente. „Und diese 155 000 Arbeitskräfte müssen ersetzt werden“, schreibt Gaßmann, der auf das Statistische Bundesamt verweist. Es ermittelte allerdings, dass die „Babyboomer“ lediglich zu 67 Prozent durch hier wohnende Menschen ersetzt werden könnten.
Erschwerend hinzu komme, dass während die neuen Rentner – rund 78 000 – mehrheitlich in ihren Wohnungen blieben, bis 2040 rund 30 000 zusätzliche Erwerbstätige durch Anwerbung und Zuzug nach Stuttgart gelockt und dort mit Wohnraum versorgt werden müssten. Mit dem von den Statistikern erwarteten minimalen Anstieg sei dagegen ein „rasanter wirtschaftlicher Abstieg der Landeshauptstadt programmiert“. Im Rathaus müsste das bekannt sein – dort ist der Aderlass besonders groß und die Mitarbeitergewinnung schwierig. Deshalb sollten sich OB Nopper und der Gemeinderat „umgehend der Frage stellen, wie angesichts der demografischen Entwicklung die Wirtschaftskraft der Landeshauptstadt erhalten werden soll“, so Gaßmann.
Er hält mehr bezahlbaren Wohnraum für den Knackpunkt. Der schon 2010 bestehende Mangel habe sich bis heute um weitere 6000 Einheiten vergrößert. Gleichzeitig sei die Zahl der Pendler um 60 000 gestiegen, womit eine höhere Verkehrsbelastung einhergehe.
Wer in Stuttgart keine Wohnung finde, wolle hier auch nicht arbeiten, habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC ermittelt. Demnach würden drei Viertel der befragten Arbeitnehmer kein neues Jobangebot annehmen, wenn die Miete an diesem Standort viel höher als ihre aktuelle wäre.
Der Mieterverein warnt den Oberbürgermeister deshalb davor, „im Vertrauen auf eine problematische Bevölkerungsprognose und angesichts extrem niedriger Wohnungsbauzahlen beim Bemühen um den Bau bezahlbarer Wohnungen die Hände in den Schoß zu legen“. Falsche Annahmen und Schlussfolgerungen hinsichtlich der Einwohnerentwicklung gefährdeten den Wohlstand. Gaßmann fordert von Nopper „eine Vision für Stuttgart mit einer Wachstumsperspektive für Wirtschaft und Wohnen“. Notwendig dafür sei aber eine realistische Einwohnervorausberechnung.
Womöglich nimmt die Politik die Statistik aber gar nicht so ernst, wie der Mietervereinsvorsitzende glaubt. Im „Statistischen Monatsheft“ heißt es mit Verweis auf unvorhersehbare globale Ereignisse wie Kriege oder Pandemien selbstkritisch: Aller Voraussicht nach werde die tatsächliche Bevölkerungszahl in der ferneren Zukunft nicht den errechneten Werten entsprechen.