Roma erfahren bis heute Diskriminierung. Die serbische Hiphop-Band Pretty Loud singt dagegen an – und kämpft für Frauenrechte.
Die Band Pretty Loud aus Belgrad rappt gegen Vorurteile gegenüber Roma und ermutigt Roma-Frauen.
Von Thomas Roser
Ihre Stimmen klingen einfühlsam und kräftig zugleich. „Versuch‘ mich zu verstehen, soll ich etwa schweigen?“, singen Elma und Selma Dalipi getragen, bevor sie Zlata Ristic mit einem schnellen Rap-Sprechgesang unterbricht: „Nein. Mach keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Es ist Zeit, dass ich sage, was ich habe: Ich habe dasselbe Recht wie Du!“
Lautstark machen sie von sich reden. Die Sängerinnen der ersten weiblichen Roma-HipHop-Band der Welt finden längst nicht mehr nur in den Mahale Gehör, den Roma-Vierteln der serbischen Hauptstadt Belgrad: Mit ihren Stimmen gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung sorgen Pretty Loud mittlerweile europaweit für Schlagzeilen – und Aufsehen.
Das schwere Los der Großmütter und Mütter
Am Anfang der Band stand 2014 ein Workshop. Mit Musik-, Tanz-, Schreib- und Fotografiekursen hilft die GRUBB-Stiftung in den Großstädten Belgrad und Nis Roma-Jugendlichen und Kindern, ihr kreatives Potenzial zu nutzen – und ihre Chancen zu verbessern. „Wir entwickelten damals die Idee, eine eigene Frauenband zu gründen, um über unsere Probleme zu singen,“ berichtet die heute 31-jährige Zlata – gemeinsam mit Silvia Sinani (28) die „Veteranin“ der Band. Sechs junge Frauen im Alter von 15 bis 27 Jahren gründeten damals mit der Starthilfe ihrer musikalischen Stiftungsmentoren Pretty Loud. Vor allem „das Los unserer Großmütter und Mütter“ habe die Sängerinnen zur Gründung der Band animiert, sagt Zlata: „Früher hatten Roma-Frauen keine Stimme. Die Küche und Kinder – das waren die Aufgaben, die ihnen zufielen.“
Manche der damaligen Bandgründerinnen sind mittlerweile ausgewandert, andere haben Familien gegründet oder die Band aus beruflichen Gründen verlassen. Es sei „völlig okay“, dass jede ihren eigenen Weg wähle, so Zlata: „Manche gehen, andere kommen: Bei uns ist jede Sängerin willkommen.“
Die Zusammensetzung der Band wandelt sich ständig, die Botschaften sind hingegen dieselben geblieben – egal, ob die jungen Frauen auf Romanes, Serbisch oder Englisch singen. „Die weibliche Roma-Stimme muss gehört werden,“ wird Pretty Loud auch wieder am 8. April fordern, dem Internationalen Tag der Roma.
Auf zehn bis zwölf Millionen Menschen wird Europas größte Minderheit geschätzt. Doch genaue Erhebungen über die Zahl der Roma liegen auch in Serbien keine vor. Die bei der Volkszählung von 2022 ermittelte Zahl von 147 604 Roma halten Roma-Organisationen für viel zu niedrig: Allein in Serbien beziffern sie die Angehörigen der Minderheit auf eine halbe Million Menschen.
Zwei Gedenktafeln erinnern in der Ulica Beogradska an Dusan Jovanovic. Nur weil er ein Rom war und eine dunkle Hautfarbe hatte, wurde der 14-Jährige im Herzen der Hauptstadt am 18. Oktober 1997 von älteren Jugendlichen zu Tode geprügelt. Seine Ermordung ließ Serbiens Roma erstmals für ihre Rechte auf die Straße ziehen: Ihr Kampf gegen Diskriminierung währt bis heute.
Mobben und meiden
Ob in oder außerhalb der EU: Nicht nur um die wirtschaftliche, sondern auch um die gesellschaftliche Stellung der Minderheit ist es in vielen Staaten Südosteuropas schlecht bestellt. Vorurteile gegenüber Roma gebe es in Serbien noch immer, so auch die Erfahrung der 18-jährigen Pretty-Loud-Sängerin Elma Dalipi. Schon in der Grundschule sei sie wegen ihrer dunkleren Hautfarbe von Mitschülern oft gemieden und gemobbt worden: „Die Vorurteile gegenüber uns Roma, dass wir ungebildet und kriminell seien, kommen oft von den Eltern,“ ist ihre Erfahrung. Erst an ihrer Grafikfachschule habe sie das Gefühl bekommen, dass ihre Mitschüler sie wirklich kennenlernen wollten: „Wenn die Leute älter werden, plappern sie nicht mehr nur nach, was sie zuhause hören, sondern machen eigene Erfahrungen und haben ihre eigene Meinung.“
Niemand werde mit Vorurteilen geboren, „das ist etwas, was man zuhause lernt“, ist Zlata überzeugt. Als diskriminierend empfinde sie es beispielsweise, wenn ihr jemand sagt: „Du bist wirklich eine Romni? Das hätte ich nie gedacht“. Sie wehrt sich gegen Vorurteile. „Ich weiß nicht, was die Leute erwarten, wie man als Romni auszusehen und zu sein hat. Doch niemand hat das Recht, mit dem Finger auf mich zu zeigen und Dinge über mich zu behaupten, die überhaupt nichts mit mir zu tun haben.“
Oft haben Romnja (Roma-Frauen) im Alltag mit einer doppelten Diskriminierung zu kämpfen: Da sind die Vorbehalte der Mehrheit gegenüber der Minderheit und, da ist das traditionelle Frauenbild in den Roma-Vierteln selbst. „Genau so, wie wir die Wahrnehmung der Roma ändern wollen, genau so wollen wir die Sicht unserer Roma erweitern“, sagt Zlata.
Als „Mix“ zwischen HipHop und traditioneller Roma-Musik umschreiben die Sängerinnen die Songs von Pretty Loud, die von ebenso energischen wie raschen Rapbotschaften geprägt sind. „Wir singen auch über die Liebe, aber versuchen zu vermitteln, dass Frauen nicht nur Kinder aufziehen sollen,“ sagt Zlata: „Dass die Ausbildung wichtig ist, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Ehen von den Eltern arrangiert werden, und vor allem, dass die Mädchen nicht zu früh heiraten und Kinder bekommen.“
Die in einer Arztpraxis beschäftigte Angestellte weiß, wovon sie spricht und singt. Mit 17 Jahren war sie verheiratet und bekam ihren heute 14-jährigen Sohn. Ihre früh gescheiterte Ehe sei allerdings nicht arrangiert gewesen, erzählt die alleinerziehende Mutter lachend: „Den Fehler machte ich selbst.“
Die Gesellschaft ändert sich
Laut einer 2024 veröffentlichten Unicef-Studie bringen in Serbien 31 Prozent der Roma-Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren ihr erstes Kind zur Welt. 80 Prozent der Roma-Kinder gehen in Serbien in die Grund- und Hauptschule – ein höherer Anteil als in anderen Balkanstaaten. Doch für den Großteil der serbischen Roma-Kinder endet der Schulbesuch mit 13, 14 Jahren: Nur 28 Prozent besuchen weiterführende Berufsfachschulen oder Gymnasien.
Zumindest in den urbanen Belgrader Mahale, wandele sich jedoch allmählich das traditionelle Frauenbild, sagen die Pretty-Loud-Sängerinnen. Von arrangierten Kinderhochzeiten höre sie in ihrer Mahala „nichts mehr“, versichert Zlata: „Das hat sich wirklich völlig geändert.“
Immer mehr junge Roma-Frauen in ihrem Bekanntenkreis würden sich um eine Ausbildung bemühen, berichtet Elma. Anfangs seien ihre Eltern skeptisch gewesen, als sie vor fünf Jahren mit ihrer Zwillingsschwester bei Pretty Loud zu singen begann, erzählt Selma: „Jetzt unterstützen sie uns, wo immer sie das können.“ Zunächst hätten es auch Freunde und Bekannte als „seltsam“ empfunden, dass sie als Mutter öffentlich tanzen, singen und rappen würde, sagt Zlata: „Jetzt sind die Leute in der Mahala auf uns stolz, wenn sie uns im Fernsehen sehen: Sie kennen und singen unsere Lieder.“
Ausgerechnet die Corona-Pandemie, die viele Roma-Musiker um den Großteil ihrer Einnahmen brachte, bescherte Pretty Loud den Durchbruch. Ein vom serbischen Dienst der Deutschen Welle produzierter Videoclip über die Band sorgte in der damals an die Computer- und TV-Schirme gefesselte Nation für ungekannte Webfurore. Bald folgten Einladungen zu TV-Talkshows, Liveauftritten und Konzerte – auch jenseits der Landesgrenzen: Von der New York Times und der Washington Post bis hin zu TV-Sendern im fernen Taiwan begannen sich auch die internationalen Medien für die starken Frauenstimmen aus den Belgrader Mahale zu interessieren und zu berichten.
In ihren Vierteln sind die Sängerinnen inzwischen populäre Vorbilder. Freudig werden die Pretty-Loud-Rapperinnen so auch in der Sutjeska-Schule von den Roma-Kindern umarmt, die dort das Stiftungsangebot der Hausaufgabenbetreuung nutzen. Aus Lernenden sind Lehrende geworden. Sie kenne die Schülerinnen und Schüler von den Grubb-Workshops, die sie nun selbst als Tanzinstruktorin betreue, erzählt die alleinerziehende Zlata.
Nicht immer ist es für die derzeit vier Sängerinnen leicht, Proben und Konzerte mit Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Doch Pretty Loud ist für sie zu einer Art Zweitfamilie geworden, sagt Selma. „Musik ist eine Botschaft, die die Leute am schnellsten erreicht. Und ein schöner Weg beim Kampf für die Gleichberechtigung dazu.“