Baden-Württemberg

Tödliche Mischung: So viele Drogentote wie lange nicht mehr

Über Jahre ist die Zahl der Drogentoten gesunken, jetzt steigt sie drastisch. An einer einzigen Droge liegt das nicht. Vielmehr ist es ein Phänomen, das immer mehr Leben kostet.

Tödliche Mischung: So viele Drogentote wie lange nicht mehr

Die Zahl der Drogentoten in Baden-Württemberg ist so hoch wie lange nicht (Symbolbild).

Von red/dpa

Sie werden per Mausklick bestellt und mit der Post in kleinen bunten Tütchen verschickt. Hier als vermeintliches Badesalz, dort vielleicht als Kräutermischung. Harmlos sehen die Sendungen aus, sie erinnern eher an das Sortiment im Drogeriemarkt als an hochgefährliche Drogen. 

Aber durch sogenannte Legal Highs oder synthetische Designerdrogen kamen im vergangenen Jahr deutlich mehr Menschen in Baden-Württemberg ums Leben als in allen Jahren zuvor. Die Zahl der Todesfälle durch diese sogenannten Neuen Psychoaktiven Stoffe (NPS) explodierte laut Sicherheitsbericht des Landes von 2 auf 26 Tote. NPS ahmen die Wirkung bekannter Drogen nach, sind aber chemisch leicht verändert. 

Zahl der Drogentoten so hoch wie lange nicht

Auch wegen der Zunahme solcher neuer, stark süchtig machender Drogen im Cocktail mit anderen Substanzen stieg die Zahl der Todesfälle durch Rauschgift in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr deutlich um mehr als 38 Prozent auf 195 - das ist der höchste Stand seit mehr als 20 Jahren. 

„Einer der Gründe für den jüngsten Anstieg dürfte der zunehmende Mischkonsum verschiedener Substanzen sein“, heißt es erklärend auch in der Statistik. Demnach kombinierten 126 Menschen vor ihrem Tod mehrere Drogen, das sind 49 mehr als im Vorjahr. 

Viele wissen nicht, was die Mischungen enthalten

Ein tödliches Risiko gehen Süchtige vor allem ein, weil sie solche Mischungen kaufen, ohne zu wissen, was darin ist. Das Opioid Fentanyl zum Beispiel, in den USA seit Jahren Hauptursache für Drogentote, gilt allein schon als äußerst schwer dosierbar. In Verbindung mit Heroin kann es viel leichter zur Überdosierung führen. Und viele Konsumenten können nicht einschätzen, in welcher Dosis sie die Droge zu sich nehmen dürfen, ohne ihr Leben zu riskieren.

Ein weiteres Beispiel: Laut Bericht der Polizei starb im Südwesten etwa jeder Vierte (50 Fälle) durch eine Mischung aus Benzodiazepinen (kurz „Benzos“ genannt) mit sonstigen Drogen. Das legal verschriebene starke Beruhigungs- und Schmerzmittel wird immer stärker als Partydroge missbraucht, weil es die eigene Wahrnehmung und unangenehme Empfindungen dämpft, Ängste blockiert und entspannend wirkt. Doch mit Alkohol, Antidepressiva oder anderen Substanzen konsumiert, sind Wechselwirkungen schnell unberechenbar.

Stellenwert von Heroin ist gesunken

Laut Bericht kamen durch einen Cocktail mit Kokain und anderen Substanzen zudem 36 Menschen ums Leben, weitere 40 kombinierten vor ihrem Tod Substitutionsmittel wie Methadon, Diamorphin oder Morphin mit anderen Drogen. Heroin verliert hingegen sein tödliches Risiko trotz des florierenden Handels, wie das Innenministerium dazu mitteilte. 

Das „synthetische Heroin“ Nitazen, das als noch gefährlicher als Fentanyl gilt und in Europa seit Kurzem auf dem Vormarsch sein soll, spielt in Baden-Württemberg hingegen noch keine große statistische Rolle. Die Pharmaindustrie hatte Nitazen in den 1950er Jahren eigentlich als Schmerzmittel entwickelt, zugelassen wurde die Substanz allerdings nie. 

Gespritzt, inhaliert oder als Tablette geschluckt ist die Wirkung kurz und intensiv. Es soll bis zu zehnmal stärker als Fentanyl und bis zu 100-mal stärker als Heroin wirken. Überdosiert kann es zu Atemdepressionen und Atemstillstand führen. „Die wirksame Dosis ist nicht weit entfernt von der tödlichen Dosis“, sagt Bernd Werse vom Institut für Suchtforschung in Frankfurt. 

Auch Landeskriminalamt hat Stoffmischungen im Visier

Auch das Landeskriminalamt hat die Gefahr durch Nitazen im Blick. „Wegen den neu entwickelten chemischen Strukturen dieser Stoffe gibt es keine Erkenntnisse, in welcher Konzentration die Stoffe welche Wirkung erzeugen“, teilen die Ermittler mit. Bereits eine geringe Überdosierung könnte der Gesundheit schaden und im schlimmsten Fall zum Tod führen. „Die Gefährlichkeit erhöht sich durch den gleichzeitigen Konsum mit anderen Betäubungsmitteln oder Medikamenten, da die Wechselwirkungen unkalkulierbar sind“, warnt das LKA weiter.

Laut einem Bericht des Instituts für Therapieforschung in München sind die Konsumenten von Nitazen eine eher kleine Gruppe junger, sehr experimentierfreudiger Menschen, die die Substanzen online bestellen. Auch das BKA berichtet von Konsumierenden mit „einschlägigem Erfahrungshorizont“. Nach Daten des Bundesdrogenbeauftragten konsumierten zuletzt etwa 1,3 Prozent der Erwachsenen bis 59 Jahre und 0,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren neue psychoaktive Stoffe. 

Suchtberater warnt vor naiven Konsumenten

Auch Oliver Kaiser, Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation, warnt vor allem vor unwissenden Konsumenten. „Gerade bei Jüngeren stellen wir eine große Konsumnaivität fest“, sagt er. „Die wissen oft gar nicht, was sie da bestellen und einnehmen, oder sie machen sich keinen Kopf.“ In einer Stuttgarter Einrichtung des Verbands würden gerade sogar zwei von Fentanyl abhängige Mädchen im Alter von 12 und 13 Jahren behandelt.

Die Landesregierung müsse sich bewusst sein, dass das Spektrum der Suchthilfe verästelt in viele andere Hilfebereiche hinein rage, darunter die Jugend-, die Wohnungslosen-, die Alten-, die Straffälligen- und die Migrationsdienste. Diese Hilfe stehe aber zunehmend auf tönernen Füßen, sagt Kaiser. „Land und Kommunen bewegen sich bei der Finanzierung im Bereich der Freiwilligkeitsleistungen. Das aber öffnet dem Status der Leistungen Tür und Tor.“ 

Suchtprobleme müssten aber möglichst rechtzeitig angegangen werden, mangelnde Prävention lasse sich zudem erst verspätet erkennen. „Es ist einfach: Je weniger Prävention es gibt, desto mehr Betroffene wird es geben.“