Was die Wärmeversorgung anbelangt, müssen die Innenstadt und alle Teilorte unter die Lupe genommen werden. Foto: Stefan Bossow
Von Christine Schick
Murrhardt. Auf den ersten Blick ist es ein abstraktes strukturelles Thema: Die Kommunen in Baden-Württemberg müssen qua Gesetz eine Wärmeplanung vorlegen. Hintergrund ist, dass das Heizen von Gebäuden mittelfristig von oft noch fossilen Brennstoffen auf eine umweltschonendere, klimaneutrale Weise umgestellt werden muss. Letztlich betrifft dies allerdings so gut wie jede und jeden – ob privat in Haus oder Wohnung oder bei der Arbeit, solange sie auch in geschlossenen Räumen stattfindet. Damit wird das Thema in der Umsetzung sehr konkret, nicht zuletzt in Bezug auf die Kosten. Schon mit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine und der Verteuerung des Gases wurde dies spürbar. Auch in Murrhardt machte sich die veränderte Weltlage unter anderem dadurch bemerkbar, dass mehr Kundinnen und Kunden als früher bei den Murrhardter Stadtwerken anklopften, ob sie ans städtische Wärmenetz angeschlossen werden könnten.
Stadtwerke müssen auch umstellen
Das wiederum setzt je nach Lage den Ausbau des Wärmenetzes voraus. Allerdings müssen auch die Stadtwerke kalkulieren, wo und in welcher Größenordnung er – finanziell und personell – möglich ist. Grenzen sind ihm dort gesetzt, wo sich beispielsweise enorme Steigungen befinden und das heiße Wasser zusätzlich nach oben gepumpt werden müsste. Außerdem müssen die Stadtwerke ebenso ihre eigene Transformation – auch sie verwenden noch Erdgas – angehen.
Um für die künftige Wärmeplanung solide Grundlagen und Umsetzungsstrategien zu erarbeiten, sind nun die von der Stadt beauftragte DME Consult GmbH sowie die netCADservice GmbH angetreten, die das Projekt mit Datenanalysen, Auswertungen von Fragebögen und Kartendarstellungen unterstützt. Bei einem ersten Treffen mit Projektleiter Alexander Siebold und seinem Stellvertreter Stephan Kittke von DME Consult sowie Klaus Gottschalk von netCADservice und Bürgermeister Armin Mößner sowie Stadtwerkegeschäftsführer Rainer Braulik und Günther Kübler skizzierte die Runde das Aufgabenpaket. Auch wenn sich angesichts der neuen politischen Konstellationen möglicherweise Veränderungen ergeben, nimmt Mößner an, dass die Wärmeplanung weiterhin gesetzt ist. „Also wollen wir in die Aufgabe einsteigen“, sagte er. Mit ihr verbunden sei die Frage, welche Gebiete in der Stadt ans Wärmenetz angeschlossen und wo möglicherweise weitere Netze aufgebaut werden könnten.
Den Rahmen bilden die bundesdeutsche Gesetzgebung, die vorsieht, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird, sowie das Klimawandelanpassungsgesetz in Baden-Württemberg, bei dem die Wärmeversorgung bereits fünf Jahre zuvor auf Klimaneutralität umgestellt sein muss, wie Stephan Kittke erläuterte. Die Aufgabe sei, dies auf lokaler Ebene zu entwickeln und mit den Akteuren umzusetzen. Angesichts einer Zahl verdeutlichte er, dass das Vorhaben sportlich ist: „Noch rund 80 Prozent der Fernwärmenetze arbeiten mit fossilen Brennstoffen.“ Vieles steht auf dem Prüfstand. Was passiert mit dem Gasnetz? Wo können Wärmepumpen oder Abwärme aus der Industrie helfen? Wo braucht es übergreifende Lösungen, vielleicht im Quartier?
Analyse von Bestand und Potenzialen
Die Fachleute werden nun in einzelnen Arbeitsschritten vorgehen. Am Anfang steht die Bestandsanalyse, sprich die privaten, öffentlichen und gewerblichen Gebäude werden in Bezug auf die Wärmeversorgung betrachtet, sodass ein Überblick über die verschiedenen Quellen wie Öl, Erdgas, Biogas, Holz oder Strom resultiert. Bei der Potenzialanalyse werden das Alter und Zustand sowie die Umgebung ins Visier genommen. So lässt sich besser abschätzen, welche Verbesserungen beispielsweise durch eine Sanierung erreicht oder welche künftigen Formen wie Geothermie, Solarenergie, Wärmepumpe oder Holzheizung sinnvoll und möglich sind. Dazu gehören auch Fragen, wie weit Versorgungsleitungen entfernt sind oder ob beispielsweise Betriebe mit Abwärme in der Nähe liegen.
Auf dieser Grundlage erfolgt die Erstellung eines Zielszenarios, bei dem die Stadt in bestimmte Gebiete unterteilt wird. Am Ende steht eine Umsetzungsstrategie mit einem Maßnahmenkatalog. Dabei kommen für die Fachleute vier Kriterien beziehungsweise Dimensionen zum Tragen, die eine wichtige Rolle spielen: ökonomische und ökologische Effizienz, Sozialverträglichkeit und Versorgungssicherheit.
Das Team wird bei der Datenerhebung mit den Stadtwerken Murrhardt zusammenarbeiten, die in vielen Fällen schon Teil der Versorgung sind. Zum Prozess gehört außerdem als weiterer Schritt eine Beteiligung der Öffentlichkeit sowie verschiedener Akteure wie Wohnungswirtschaft oder landwirtschaftliche Betriebe. Das Team hat auch noch eine Fragebogenaktion in Bezug auf Privatbesitzer und Unternehmen geplant. Mit Blick auf das spätere Konzept und die Veröffentlichung erläutert Klaus Gottschalk, dass der Verbrauch der Gebäude anhand von durchschnittlichen Erfahrungswerten ermittelt wird. Zudem sei dies nicht in Bezug auf einzelne Immobilien sichtbar, sondern es werden immer mindestens fünf Gebäude in größere Cluster zusammengefasst.
Die Projektleitung vonseiten der Stadt übernehmen die Stadtwerke als kommunaler Eigenbetrieb. Wie jeder Gebäudeeigentümer auf der Murrhardter Gemarkung ist es für die Stadtwerke wichtig, möglichst früh zu wissen, in welchen Gebieten eine zentrale Wärmeversorgung wirtschaftlich sinnvoll ist und wo nicht. Wie Braulik ergänzte, wird die Wärmeproduktion in den Heizwerken zu etwa 50 Prozent mit Holzhackschnitzeln geleistet, sprich mit erneuerbaren Energiequellen. Die kommunale Tochter muss bis 2026 ein Transformationskonzept vorlegen, wie sie bis 2045 insgesamt auf regenerative Träger umstellt.
Auftrag In Baden-Württemberg ist die kommunale Wärmeplanung für Stadtkreise und Große Kreisstädte schon seit einigen Jahren gesetzlich verpflichtend. Nach dem Wärmeplanungsgesetz des Bundes sind inzwischen auch kleinere Kommunen dazu aufgerufen, bis spätestens zum 30. Juni 2028 eine Wärmeplanung zu erstellen. Stadt und Gemeinderat haben die Ausarbeitung bei der DME Consult GmbH aus Rosenheim in Auftrag gegeben. Sie wird im Rahmen des Programms „Freiwillige kommunale Wärmeplanung“ vom Land gefördert.
Partner Die DME Consult GmbH aus Rosenheim ist rein inhabergeführt und 2009 aus einer Ingenieurgesellschaft für die Planung und den Bau von Wärmenetzen und Energiezentralen hervorgegangen. 2022 wurde sie zur Projektentwicklungsgesellschaft weiterentwickelt. Durch eigene Energieberater können auch Fragen zur energetischen Sanierung beantwortet werden.