100 von 180 Flügen in Stuttgart fallen dem Streik zum Opfer
Die Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi beeinträchtigen den Flughafen Stuttgart massiv, können ihn aber nicht lahmlegen. Bei den streikenden Arbeitnehmern zeigt sich Enttäuschung über die Teilnehmerzahlen.
Von Matthias Schiermeyer
Stuttgart - Demonstrationszüge in Flughafenterminals haben aus Sicht der Beteiligten einen unüberhörbaren Vorteil: Dort können etwas mehr als 100 Beteiligte mit Sprechchören und Trillerpfeifen einen Lärm machen, als seien es mehrere Hundert Protestierende. Angeführt von Funktionären der Gewerkschaft Verdi ziehen sie durch die Hallen und rufen ihre Parolen: „Zickezacke, Streik, Streik, Streik!“ Auch kann eine relativ kleine Zahl von Streikenden im Luftverkehr relativ viel bewirken – zahlreiche Flugausfälle vor allem, wie am Montag in Stuttgart.
„Cancelled“: Die große Anzeigetafel deutet während des Protestzugs am Vormittag an, dass gut die Hälfte der angeführten Abflüge gestrichen wurde. Später teilt der Flughafenbetreiber mit, dass von ursprünglich rund 180 geplanten Flügen die Airlines rund 100 Flüge streichen, auf einen anderen Tag verschieben oder an einen anderen Flughafen verlegen mussten. Rund 80 Flüge konnten durchgeführt werden, an den Sicherheitskontrollen habe es keine nennenswerten Wartezeiten gegeben.
Auch Ausstände andernorts wirken sich aus: Verdi hat mehr als ein Dutzend Flughäfen ins Visier genommen. Anlass ist nicht nur der Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst, der auch die Bodenverkehrsdienstleister betrifft. Auch die Tarifrunde für den Luftsicherheitsbereich – in Fluggastkontrolle, Personal-, Waren- und Frachtkontrolle – muss herhalten.
Folglich sind in Stuttgart zahlreiche Bereiche von der Passagierabfertigung bis zum Gepäcktransport betroffen. Tangiert sind neben der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) die Beschäftigten von Losch Airport Service, SGS Stuttgart Ground Services und SAG Stuttgart Airport Ground Handling.
Ungeachtet der allgemein entspannten Atmosphäre: Die Ankündigungen übers Wochenende haben viele Flugpassagiere schwer verunsichert. „Zwischen Hoffen und Bangen“ hätten sie seit Freitag leben müssen, berichtet ein älteres Ehepaar mit Ziel Mallorca. Nach einem Check im Internet und dem morgendlichen Anruf beim Flughafen seien sie eine Stunde früher gekommen, um nun die Tickets in Händen zu halten. Ein Paar aus Leonberg, ebenso mit Ziel Palma, zeigt sich überrascht: „Bis jetzt scheint alles in Ordnung zu sein.“ Tui habe sie informiert, dass der Flug möglich sei. Dennoch hat der von Verdi vorgezogene Streik am Sonntag in Hamburg beide noch mal gehörig zittern lassen – zu unberechenbar schien die Lage.
Eine Mutter und ihre Tochter vom Bodensee haben erlebt, dass der Abflug von München wegen der Streikankündigung von vornherein gestrichen, als Alternative aber Stuttgart angeboten wurde. So geht es nun von Echterdingen aus nach Istanbul und zurück am Sonntag wieder nach München – umständlich, aber noch erträglich, wenn der Kurzurlaub nicht mehr gefährdet ist.
Die Streikenden wiederum hätten gerne mehr Ausfälle bewirkt, weshalb sich bei der morgendlichen Kundgebung vor dem Terminal eine sonst selten vernehmbare Enttäuschung breitmacht. Denn gekommen sind lediglich etwas mehr als 100 Mitstreiter. „In der letzten Tarifrunde war der Flughafen während des Streiks zu – heute gibt es noch ein paar Flüge“, wendet sich die stellvertretende Landesvorsitzende Hanna Binder an die Beschäftigten. „Woran liegt das?“ Habe damals die noch neue Geschäftsführung „aus Angst, dass nichts mehr geht“, den Betrieb präventiv eingestellt? Oder liege es daran, dass die gewerkschaftliche Stärke nachgelassen habe? „Vermutlich ist es eine Mischung von beidem“, sagt Binder. Es sei in jedem Fall wichtig, „dass wir wieder wirkmächtiger werden“. Immerhin würden andere deutsche Flughäfen an diesem Tag ganz lahmgelegt, weil dort der Organisationsgrad der Gewerkschaft höher sei. Dies müsse auch das Ziel in Stuttgart sein.
Es fehlt, wie am Rande zu hören ist, an einer firmenübergreifenden Zusammenarbeit auf der Beschäftigtenseite – die starke Fragmentierung der Betriebe erschwere die Mobilisierung. Die stellvertretende Geschäftsführerin von Verdi Stuttgart, Jasmin Ahmed, macht Mut: Die Streikenden sollten sich „nicht grämen“, weil viele Kolleginnen und Kollegen „heute reingegangen sind“. Vielmehr sollten sie diese „wachrütteln“ und ihnen sagen, dass die Arbeitgeber von sich aus lediglich Mindestmaß zahlen würden. „Tarifverträge fallen nicht vom Himmel, sondern müssen erkämpft werden.“ Nicht streikende Beschäftigte sollten im Grunde auf die Tariferhöhungen verzichten.
Die am Flughafen oftmals befristeten Beschäftigten nimmt sie aus, denn die haben Sorge um ihre Weiterbeschäftigung, wenn sie sich beteiligen. Und insgesamt gibt sie sich kämpferisch: „Wir streiken weiter.“ Ob auch der Flughafenbereich zum Stuttgarter Streiktag am Donnerstag noch mal aufgerufen werde, „das besprechen wir die Tage“. Möglicherweise, so ist zu hören, solle zumindest eine Delegation vom Flughafen zur Demo in die Stadt kommen. Ein weiterer großer Ausstand ist demnach nicht wahrscheinlich.
Am Flughafen wird für diesen Dienstag wieder Normalbetrieb erwartet – allenfalls einzelne Änderungen im Plan sind möglich.