Abgefahrene Kapitel von Mercedes-Benz
Am kommenden Samstag feiert Mercedes-Benz mit einem Familientag für die Belegschaft das Jubiläum des Untertürkheimer Stammwerks. Dort wurden im Lauf von 120 Jahren keineswegs nur Autos produziert. Ein Rückblick mit unerwarteten Entdeckungen.
Von Peter Stolterfoht
Stuttgart - Die ganze Angelegenheit beginnt kurios. Und damit ist nicht gemeint, dass Gottlieb Daimler als Sohn eines Bäcker- und Gastwirtehepaars in Schorndorf zur Welt kommt, sondern dass er als solcher den Namen Gottlieb Däumler trägt. Wie kam es also, dass nicht Däumler-Benz, sondern Daimler-Benz in die Geschichte einging?
Auch die Antwort ist durchaus kurios: Gottlieb Däumler hat seinen Namen einfach ändern lassen. Als Erklärung für die amtlich genehmigte Änderung gilt, dass der neben Carl Benz als Urvater des Automobils geltende Konstrukteur nicht mehr als „Däumling“ verspottet werden wollte.
Die Geschichte um den Nachnamen Däumler ist eine von vielen abgefahrenen Episoden, die zur bewegten Geschichte von Mercedes-Benz gehört. Abzulesen auch am Stammwerk in Untertürkheim, dessen 120-jähriges Bestehen an diesem Samstag mit einem Fest für die Mitarbeitenden sowie deren Familien gefeiert wird.
Die Einweihung des Untertürkheimer Werks hat der im Jahr 1900 verstorbene Gottlieb Daimler nicht mehr erlebt. Dorthin wurde die 1890 von ihm und Wilhelm Maybach gegründete Daimler-Motoren-Gesellschaft verlegt, nachdem der erste Firmenstandort auf dem Seelberg in Cannstatt 1903 nach einem Großbrand zerstört worden war.
Aus dem Notfall wird ein Glücksfall. Das weitläufige Gelände am Neckar bietet den Raum, um sich in Stuttgart mit dem Mannheimer Konkurrenzunternehmen Benz & Cie. zu vereinigen und zum Weltkonzern mit dem heutigen Namen Mercedes-Benz zu entwickeln. Das 120 Jahre alte Untertürkheimer Stammwerk hat allein schon wegen der Historie zentrale Bedeutung. Charme verleihen der großen Konzerngeschichte aber erst die kleinen Episoden, von denen so manche heute sehr ungewöhnlich wirken. Dazu gehört etwa jene von einem Getränk, das einst im Zeichen des Sterns produziert wurde.
Dass in Untertürkheim schon früh eigene Limonade hergestellt und in Flaschen abgefüllt wurde, hatte einen guten Grund. Die Getränke mit Himbeer- oder Zitronengeschmack waren für die eigene Belegschaft bestimmt. Es war der Versuch, die Belegschaft davon abzuhalten, unter dem Einfluss des beliebten und selbst mitgebrachten Mosts (samt Alkohol) zu arbeiten.
Ob diese Limonaden-Maßnahme den gewünschten Erfolg erzielte, lässt sich auch mithilfe des bestens sortierten Konzernarchivs und der dort tätigen findigen Historiker und Historikerinnen nicht abschließend klären.
Das Firmenarchiv, in Fellbach beheimatet, trägt maßgeblich zum Erfolg des Mercedes-Museums bei. Der Bau wird seit der Fertigstellung 2006 auch als eine formvollendete Visitenkarte der benachbarten Konzernzentrale gesehen. In Vergessenheit gerät dabei fast schon die nächste Untertürkheimer Besonderheit, dass der Ausstellungsort einst im Herzen des Werksgeländes lag. Die Besucher mussten dorthin mit Bussen gefahren und ins Museum eskortiert werden.
Auf dem sich ständig baulich veränderten Mercedes-Gelände gibt es aber auch den Sonderstatus „Unantastbar“. Er gilt für das letzte übrig gebliebene Originalgebäude aus dem Jahr 1904. Dort war die sogenannte Handschmiede untergebracht. Noch heute werden die Räume für die Stahl- und Aluminiumproduktion genutzt.
Aber auch die Gießerei hat etwas Überraschendes zu bieten. Dort entstanden nämlich auch einmal Eisenteile für die Wilhelma. Deren Pavillons im Rosengarten waren im Zweiten Weltkrieg beschädigt und nur noch von Drähten notdürftig zusammengehalten worden. Damit die Pavillons nicht mehr länger am metallenen Faden hingen, bat die Stadt 2002 das Werk in Untertürkheim um Hilfe. In der Mettinger Gießerei wurden daraufhin individuelle Formen für Stuttgarts berühmten Zoologischen Garten gefertigt.
Flora und Fauna hat das Mercedes-Werk aber auch selbst zu bieten. Auf dem Betriebsgelände findet sich die „Neckarkiesbank“, zu der auch eine Biodiversitätswiese gehört, die rund 130 Wildbienenarten beheimat. Ebenfalls seit Jahrzehnten beherbergt der Werksteil Mettingen Mehlschwalben und Turmfalken, die dort Brutstätten gefunden haben. Was man auch nicht unbedingt vermutet, wenn von einer Industrieanlage die Rede ist.