Was geschah am . . . 19. März 1945?

Adolf Hitler erlässt seinen berüchtigten „Nero“-Befehl

Das „Tausendjährige Reich“ taumelt seinem Untergang entgegen. Adolf Hitler erlässt am 19. März 1945 den berüchtigten „Nero-Befehl“: Deutsche Truppen sollen beim Rückzug alle für den Feind nutzbaren Industrie- und Versorgungseinrichtungen.

Hitler besichtigt die Trümmer der Reichskanzlei nach einem Luftangriff: Dieses Foto gilt als letzte Aufnahme des Diktators. Vermutlich entstand sie bereits vor seinem Geburtstag am 20. April 1945.

© Imago/United Archives International

Hitler besichtigt die Trümmer der Reichskanzlei nach einem Luftangriff: Dieses Foto gilt als letzte Aufnahme des Diktators. Vermutlich entstand sie bereits vor seinem Geburtstag am 20. April 1945.

Von Markus Brauer

19. März 1945: Adolf Hitler unterzeichnet einen seiner letzten „Führererlasse“. Der auch als „Nero-Befehl“ bezeichnete Erlass wurde als „Geheime Kommandosache“ vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) verbreitet und ist als Fernschreiben an den zuständigen Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer dokumentiert.

„Geheime Kommandosache“: Der „Nero-Befehl“

Noch am selben Tag wird er an die militärischen Kommandostäbe, an Ministerien, obere Behörden und übergeordneten Parteidienststellen weitergeleitet. Schon im ersten Satz des Erlasses wird seine Zielsetzung unmissverständlich umschrieben: „Der Kampf um die Existenz unseres Volkes zwingt auch innerhalb des Reichsgebietes zur Ausnutzung aller Mittel, die die Kampfkraft unseres Feindes schwächen und sein weiteres Vordringen behindern.“

Und weiter heißt es: „Ich befehle daher: Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind zur Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“

Das „Tausendjährige Reich steht vor dem Zusammenbruch

Adolf Hitlers „Tausendjähriges Reich“ steht längst am Abgrund, als die Nazi-Führung die vom permanenten Bombenhagel verschreckt und unter Hunger und Kälte leidende Zivilbevölkerung mit fanatischen Durchhalteparolen zum letzten Widerstand zu anzutreiben versucht.

Die Truppen der Alliierten kämpfen schon auf deutschem Boden, wo sich die Wehrmacht in verlustreichen Schlachten verzweifelt gegen die Übermacht verteidigt. Doch in der „Reichskanzlei“ in Berlin herrscht noch immer der paranoide Machtwahn. Mit einer zutiefst menschenverachtenden Einstellung steuern der „Führer“ und seine Paladine das eigene Land bedenkenlos in den Untergang.

Kriegsmüdes Volk, demoralisierte Truppen

„Wir wollen lieber sterben als kapitulieren“, geifert Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels zwischen Warnungen vor neuen feindlichen Luftangriffen und fantasierten Siegesmeldungen über den Großdeutschen Rundfunk. Andere – ausländische – Sender durften die Menschen im braunen Reich schon seit lange nicht mehr hören, die ausführlich von den deutschen Niederlagen berichteten.

„Ich erwarte von jedem Deutschen, dass er . . . seine Pflicht bis zum Äußersten erfüllt, dass er jedes Opfer, das von ihm gefordert wird und werden muss, auf sich nimmt . . .  Indem wir eine so verschworene Gemeinschaft bilden, können wir mit Recht vor den Allmächtigen treten und ihn um seine Gnade und seinen Segen bitten.“ Mit diesem „Befehl“ hatte sich Hitler Ende Januar 1945 zum letzten Mal im Radio an das kriegsmüde Volk und die demoralisierten Truppen gewandt.

Fanatische „Gauleiter“, allmächtige Regionalchefs der Nazi-Partei, folgen mit den noch verbliebenen Gesinnungsgenossen blindlings und überlieferen Zweifler gnadenlos den Schergen. Erst unmittelbar vor dem Zusammenbruch suchen viele ihr Heil in der Flucht.

Todesstrafen für „Schwäche vor dem Feind“ bis zuletzt

Der Chef der parteieigenen Elite-Truppen SS und des Nazi- Sicherheitsapparates, Heinrich Himmle, lässt seit Ende Februar „Sonderstandgerichte zur Bekämpfung von Auflösungserscheinungen“ wüten. Hitler selbst verfügt kurz darauf den Einsatz von „Fliegenden Standgerichten“ für die Wehrmacht, die vom Gnadenrecht keinen Gebrauch machen dürfen und die meist die Todesstrafe verhängen.

Ein anderer Befehl holt den Jahrgang 1929 zu den Waffen. Die Jugendlichen stehen nach kurzer Ausbildung an der Front. „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein“, wird Hitler zitiert. Was nach dem Kampf übrig bleibe, seien ohnehin nur die „Minderwertigen“, die „Guten“ seien gefallen.

„Nero-Befehl“ für verbrannte Erde

Als im Westen die Alliierten gegen das industrielle Herz Deutschlands, das Ruhrgebiet, vorrücken, gibt Hitler den wahnsinnigen „Nero-Befehl“. Die zurückweichenden deutschen Kräfte sollen alle dem Feind irgendwie nützlichen Einrichtungen wie „Verkehrs-, Nachrichten- , Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte“ zerstören – wie einst der römischen Imperator Nero, der seine Hauptstadt niederbrennen sah.

Doch der Nerobefehl wird teils bewusst unterlaufen – unter anderem durch Albert Speer – oder ist im Chaos der letzten Tage des Krieges nicht mehr ausführbar. Karl Dönitz als Reichspräsident untersagt schließlich am 6. Mai 1945 die endgültige oder zeitweise Zerstörung von Industrie- und Infrastrukturanlagen und hebt damit den Befehl zu „Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet“ auf.

„Das Volk hätte sich als das schwächere erwiesen“

Albert Speer verfasst unter Datum vom 29. März 1945 ein Gesuch an Hitler, in dem er bittet, den Zerstörungsbefehl zurückzunehmen. Speer gibt dort nach dem Einschub – „wenn ich Sie nicht missverstanden habe“ – in indirekter Rede wieder, was Hitler ihm am Abend des 18. März erklärt habe:

„Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein . . . Es sei nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil sei es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hätte sich als das schwächere erwiesen und dem stärkeren Ostvolk gehöre dann ausschließlich die Zukunft. Was nach dem Kampf übrigbliebe, seien ohnehin nur die Minderwertigen. Denn die Guten seien gefallen.“

„Hass ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei“

Heinrich Himmler lässt unterdessen „Schwäche vor dem Feind“ bis zuletzt mit dem Tode bestrafen. In Häusern mit weißen Fahnen seien alle männlichen Personen zu erschießen, ordnet er Anfang April an.

Im Radio werden die Deutschen zur Partisanenbewegung „Werwolf“ aufgefordert. „Wir brauchen keine Rücksicht zu nehmen auf veraltete Vorstellungen einer bürgerlichen Kampfführung . . . Hass ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei.“ Doch es finden sich, abgesehen von ein paar Fanatikern, keine Gefolgsleute mehr.

„Krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen“

Als sich die Rote Armee den Ring um Berlin schließt, erklärt der „Reichsbevollmächtigte für den totalen Kriegseinsatz“ Joseph Goebbels auf seiner letzten Pressekonferenz zynisch: „Das deutsche Volk hat versagt, es hat das Schicksal verdient, das es jetzt erwartet.“

Er wiederholt nur, was Hitler zuvor schon noch drastischer einmal einem hohen SS-Offizier gesagt hat: „Unterliegt das deutsche Volk, dann soll es krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen.“ Dieser „Führer“ und sein Propagandachef entziehen sich schließlich am 30. April (Hitler) und am 1. Mai (Goebbels) durch Selbstmord ihrer Verantwortung.

Zum Artikel

Erstellt:
19. März 2025, 10:08 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2025, 10:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen