Neuer Bundestag
Das Parlament entfernt sich von der Bevölkerung
Im neuen Bundestag sind Abgeordnete mit Migrationshintergrund deutlich unterrepräsentiert. Damit verspielt die deutsche Politik eine ihrer Stärken, meint Hauptstadtkorrespondent Tobias Heimbach.
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© AFP/JOHN MACDOUGALL
Reichstagsgebäude in Berlin: Im neu gewählten Parlament beträgt der Anteil der Abgeordneten mit Migrationsgeschichte 11,6 Prozent.
Von Tobias Heimbach
Vergleicht man Politiker in Deutschland mit denen anderer Ländern, so fallen einem viele Unterschiede auf. In Frankreich waren gleich mehrere Staatspräsidenten Absolventen derselben Universität. In den USA ist ein großer Teil der Abgeordneten Millionäre. Oft sind Herkunft, die richtigen Verbindungen oder Geld eine entscheidende Eintrittskarte in die Politik.
Deutschlands Politik scheint durchlässiger: Ein gelernter Erzieher mit Wurzeln in der Türkei brachte es zum Landwirtschaftsminister (Cem Özdemir, Grüne), ein Malermeister zum Vorsitzenden der größten Oppositionspartei (Tino Chrupalla, AfD), der Sohn einer Putzfrau zum Bundeskanzler (Gerhard Schröder, SPD).
Menschen fordern von der Politik Bürgernähe – zurecht
Die Menschen hierzulande fordern von ihren Politikern Bürgernähe – und das zu Recht. Doch der neu gewählte Bundestag entfernt sich nun ein Stück weit davon. Denn in diesem Parlament haben nur 11,6 Prozent der Abgeordneten einen Migrationshintergrund – womit gemeint ist, dass sie selbst oder ein Elternteil bei der Geburt keinen deutschen Pass hatten. In der Gesamtbevölkerung trifft das auf ein Drittel der Menschen zu. Stieg der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund bei vergangenen Wahlen an, stagniert er nun zum ersten Mal. Dazu haben besonders AfD und Union beigetragen, in deren Reihen sich übrigens auch weniger Frauen wiederfinden.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Es ist Unsinn zu glauben, dass ein Parlament die Bevölkerung und jede ihrer Gruppen abbilden muss. Ein nach Quoten abgezirkelter Bundestag wäre undenkbar – und auch nicht nötig. Um etwa effektive Familienpolitik zu machen, muss man keine Kinder haben.
Dennoch sollten die Parteien genau schauen, wen von den kompetenten Kandidaten sie fördern und zur Wahl aufstellen. Eine gute Durchmischung ist wichtig. Bürgernähe war immer eine Stärke der deutschen Politik. Das sollten die Parteien pflegen.