Was geschah am . . . 5. April 1534?
Der Prophet des Wiedertäuferreichs von Münster, Jan Matthys, wird getötet
Ein tausendjähriges Imperium der Heiligen sollte es werden. Doch sehr schnell erstickte das irdische Königreich Gottes im Blut und bestand nur 16 Monate. Käfige am Turm der Lambertikirche im westfälischen Münster zeugen vom kolossalen Scheitern der Wiedertäufer.

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Der König der Wiedertäufer, Jan van Leiden, tauft in Münster 1534/35 ein junges Mädchen (Gemälde von Johann Karl Bähr, 1801-1869).
Von Markus Brauer/dpa
5. April 1534: Jan Matthys, selbst ernannter Prophet und Führer des münsterschen Täuferreiches, wird bei einem Ausfall aus der von Fürstbischof Franz von Waldeck belagerten Stadt getötet.
Ein König, 16 Geliebte und jede Menge Blut: Die fast 500 Jahre alte Geschichte der Münsteraner Wiedertäufer mit ihren charismatischen Führern Jan Matthys und Jan van Leiden ist neben dem Religionskonflikt mit reichlich Sex and Crime gewürzt. Dies fasziniert nicht nur Historiker: Das Schicksal der religiösen Reformer in Münster bot über die Jahrhunderte hinweg viel Stoff für Mythen und Schauergeschichten.
Anhänger einer radikalen reformatorischen Bewegung
Die Wiedertäufer oder Anabaptisten waren Anhänger einer radikalen reformatorischen Bewegung, die nach 1520 in den deutsch- und niederländischsprachigen Teilen Europas entstand und zum linken Flügel der Reformation zählt. Mehrere tausend der radikalen Kirchenreformer hatten an mehreren Orten Europas kleine Gemeinden gebildet, obwohl auf die Wiedertaufe seit 1529 die Todesstrafe stand.
Einer ihrer prägenden Gestalten war der niederländische Bäcker Jan Matthys (geboren um 1500 in Haarlem). Im Januar 1534 entsendet Matthys, der damals in Amsterdam predigt, Jan Bockelson, einen 1508 geborenen Schneider, der sich Jan van Leiden nennt und den er im November 1533 selbst getauft hat, als Apostel nach Münster. Am 2. März folgt er ihm nach und erklärt Münster zum neuen Jerusalem.
Die Täufer predigen in einer erschütterten Welt
Die Täufer sind Kinder ihrer unruhigen Zeit. Der Verlust der Glaubenseinheit in der Reformation, der Ritteraufstand von 1522/23, die Bauernkriege 1524/26, die Plünderung Roms durch die Soldateska Kaiser Karls V. 1527 und das Vorrücken der Osmanen, die 1529 erstmals vor Wien stehen, haben die Fundamente der abendländischen Welt erschüttert.
Wirtschaftskrisen, Hungersnöte und Seuchen steigern die Heilssehnsucht der Menschen. Viele deuten all diese Ereignisse als Hinweise auf die Apokalypse und den Weltuntergang. Himmelserscheinungen wie Kometen, Sonnen- und Mondfinsternisse scheinen das Ende anzukündigen.
So greift das Volk begierig Erlösungsversprechen auf, wie die der Wiedertäufer, die in Mitteleuropa zahlreiche Gemeinden bilden. Aber auch Abenteurer sehen in der Stimmung solcher Endzeiten ihre Chance.
Am 5. April 1534 soll die Welt untergehen
In Münster, Hauptort Westfalens und Sitz eines Fürstbischofs, finden die Wiedertäufer starke Verbündete, welche die Allmacht von Bischof und Rat brechen wollen. Im Frühjahr 1534 können sie in Münster erste Anhänger um sich scharen.
Sie proklamieren die Erwachsenentaufe und sagen den Weltuntergang für Ostersonntag, den 5. April 1534, voraus. Münster wird von den Wiedertäufern zum „Neues Jerusalem“ und Sammlungsort der „Auserwählten Gottes“ ausgerufen. Nur sie würden das „Strafgericht Gottes“ überleben. Das Volk liegt den Propheten Jan Matthys und Jan van Leiden zu Füßen und opfert ihnen das letzte Hemd, soll doch künftig allen alles gehören.
Jan Matthys wird von Landsknechten zerstückelt
Fürstbischof Franz von Waldeck belagert ab Frühjahr 1534 mit katholischen Truppen das Reich der Täufer. Die haben sich innerhalb der Stadtmauern verschanzt und halten der Belagerung stand, obwohl dem Bischof auch Truppen der Nachbarfürsten zu Hilfe eilen.
Am 5. April 1534, dem Tag des Osterfestes, hält Jan Matthys auf dem Marktplatz von Münster eine Predigt, in der er von seiner Vision eines vorgezogenen Gottesgerichts berichtet. Noch am selben Tag reitet er mit einer Handvoll Getreuen unbewaffnet aus der Stadt. Vor den Mauern wird er von den Landsknechten des Bischofs in Stücke gehackt.
Jan van Leiden übernimmt die Herrschaft des Täuferreiches
Obwohl das prophezeite Ende der Welt ausbleibt, können die Täufer ihren Einfluss noch ausbauen. Sie übernehmen die Herrschaft in der Ratsversammlung und rufen den 24-jährigen Jan van Leiden zum Anführer aus. Andersgläubige lassen sie hinrichten, verwüsten die Kirchen und rufen die Vielweiberei aus.
Jan van Leiden nennt sich fortan König Johann I., der das „Königreich Zion“ beherrscht und sich einen eigenen Hofstaat hält. „12 Apostel“ bilden den Rat, der zusammen mit dem Statthalter und Scharfrichter Bernd Knipperdolling sowie seinem „Reichskanzler“ Heinrich Krechting ein Schreckensregime ausübt und jeden Widerstand blutig im Keim erstickt.
Die drei Anführer werden gefoltert und gerichtet
Im Sommer 1535 werden die Lebensmittel langsam knapp. Viele der rund 4000 Frauen und 1000 Männer in der Stadt leiden Hunger. Der Widerstand wächst, doch Aufmüpfige werden hingerichtet. Elisabeth, eine seiner Frauen, köpft der König eigenhändig. Sie hat geäußert, man treibe angesichts des hungernden Volkes zu viel Aufwand.
Zweimal scheitert der Sturm der Belagerer. Beim dritten Mal haben sie – durch einen Verräter in der Stadt – Erfolg. Ein fürchterliches Gemetzel folgt. Die Sieger beenden grausam das Münsteraner Täuferreich. Sie vertreiben und töten einen Teil der Bevölkerung und foltern die Anführer Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechtinck. Am 24. Juni 1535 werden sie auf dem Marktplatz hingerichtet.
Die berühmtesten Relikte der Wiedertäuferzeit – und eines der Wahrzeichen der Stadt Münster - sind die schmiedeeisernen Käfige am Turm der Lamberti-Kirche. Die Leichen der drei „Hauptketzer“ werden 1536 zur Abschreckung an den Kirchturm gehängt. Damit ist die Herrschaft der Täufer nach nur 16 Monaten beendet.
Jeder Totalentwurf endet im Terror
Der 2006 verstorbene Zeithistoriker und Publizist Joachim Fest („Die Wiedertäufer in Münster“, Münster 1986) stellt das Täuferreich von Münster in einen größeren historischen Kontext. Der Traum von einem Endreich der Fülle und des Friedens ist demnach so alt wie der Mensch selbst. Wo immer er jedoch einen Totalentwurf zu verwirklichen sucht, ende dieser im Terror.
Die Episode des theokratischen Königtums der sündenlosen Auserwählten ähnele manchmal bis in Einzelheiten wie Bücherverbrennung und Bildersturm dem Ablauf moderner Versuche, Heilslehren und Macht zu vereinen. „Der Aufruhr kann zwar das Recht haben, doch das Heil, auf das er sich mit Vorliebe beruft, hat er nicht“, schreibt Fest.