Auf Tour mit Vogelkundlern im Rheintal

Der Seeadler kommt!

Ornithologen erwarten, dass der größte Greifvogel unserer Breiten bald auch wieder in Baden-Württemberg brütet.

Im Januar  segelte dieser mächtige Seeadler über dem Ostalbkreis.

© Albert Schäfer

Im Januar segelte dieser mächtige Seeadler über dem Ostalbkreis.

Von Torsten Schöll

Scharfer Nordwind fegt durchs Rheintal. Die Köpfe tief in den Jackenkrägen vergraben, gehen an diesem Freitagvormittag Gabriele Weber-Jenisch und ihr französischer Kollege Marc Keller, ausgerüstet mit Fernglas und Spektiv, auf einem Damm am sogenannten Restrhein entlang. Der Damm, der hier mitten durch den Wald führt, schützt die jenseits des Naturschutzgebiets Taubergießen liegenden Wiesen, Felder und Siedlungsflächen vor Überflutungen.

Auch wenn sich in diesem Jahr der mächtige Greifvogel noch nicht gezeigt hat, hoffen die beiden, den Seeadler an diesem Morgen anzutreffen. Das Tier lässt sich seit mehr als zehn Jahren im Spätwinter zwischen Mitte Januar und März auf derselben Pappel an diesem Stück Altrheinarm nieder. Eigentlich ist seine Ankunft überfällig. Warum er regelmäßig auftaucht, obwohl er hier noch nie einen Brutpartner gefunden hat, können die Ornithologen sich nicht erklären.

Der Restrhein bildet südlich der Naturschutzstation Taubergießen eine Art See. Der Pavillon an der Fähre zwischen Kappel und dem französischen Rhinau wird gemeinsam vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der französische Partnergesellschaft Ligue pour la Protection des Oiseaux (LPO) betrieben. Um seinen Arbeitsplatz auf der deutschen Rheinseite zu erreichen, muss Keller nur kurz mit der Fähre übersetzen. „Er hat es näher zur Station als ich“, sagt die Nabu-Mitarbeiterin Weber-Jenisch.

Die Tiere gelten als ausgesprochen störungsempfindlich

Ziel ihrer kleinen Wanderung auf dem Rheindamm ist ein hölzerner Vogelbeobachtungsturm. Neben dem stattlichen ausgewachsenen Seeadler, der sich hier regelmäßig zur Balz- und Brutzeit aufhält, sei nur ein einziges Mal ein weiteres jüngeres Tier aufgetaucht, berichtet der französische Ornithologe. Inmitten des Gewässers rumpelt an diesem Morgen eine Förderanlage zur Kiesgewinnung und verursacht dabei einen Heidenlärm. „Das scheint die Vögel nicht zu stören“, sagt Marc Keller. Anders wäre es, wenn Menschen sichtbar auftauchen und dem scheuen Seeadler zu nahekommen würden. Die Tiere gelten als ausgesprochen störungsempfindlich.

Auf beiden Seiten des Oberrheins hoffen die Vogelschützer seit Jahren, dass sich die Seeadler nicht nur kurz zeigen und wieder verschwinden, sondern in den Auwäldern wie dem Taubergießen auch zu brüten beginnen. Seeadler werden mit vier bis fünf Jahren geschlechtsreif und vagabundieren dann für gewöhnlich in einem relativ begrenzten Raum von mehreren hundert Kilometern auf der Suche nach einem Geschlechtspartner oder einem geeigneten Nistplatz umher. In höherem Alter sind sie zum Teil sogar standorttreu.

Das 1700 Hektar große Naturschutzgebiet Taubergießen mit seinen vielen offenen Wasserflächen, so erklärt Gabriele Weber-Jenisch, sei nicht nur ein perfektes Seeadlerhabitat, sondern liege auch nur ungefähr 90 Kilometer vom nächsten bekannten Brutpaar in Ostfrankreich entfernt. „Das ist überhaupt keine Distanz für einen so großen Vogel“, ergänzt Marc Keller. Mit bis zu 2,40 Meter Spannbreite ist der Seeadler der größte Greifvogel unserer Breiten.

Gebrütet hat er in Baden-Württemberg schon seit etwa den 1840er-Jahren nicht mehr. Weil er bereits vor dem Beginn der systematischen vogelkundlichen Dokumentation als Brutvogel praktisch ausgerottet war, sind so gut wie keine historischen Brutvorkommen des Seeadlers aus dem Südwesten überliefert. Die einzige bekannte Quelle nennt im Jahr 1855 rückblickend eine Brut im Donaumoos im Grenzgebiet zwischen Württemberg und Bayern.

„Der genaue Zeitpunkt seiner Ausrottung als Brutvogel im Südwesten ist schwer zu benennen“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund, Greifvogelexperte und Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums in Mössingen. Historische Jagdstatistiken belegten eine jahrhundertelange intensive Bejagung des Seeadlers, so zum Beispiel am Neckar bei Tübingen. Schmidt-Rothmund ist sich sicher, dass Baden-Württemberg heute kurz vor einer Wiederbesiedlung steht. Mehr als 30 Seeadler-Brutpaare seien zuletzt in Bayern gezählt worden, davon einige im Grenzgebiet zu Baden-Württemberg. In Ostfrankreich, jenseits der Vogesen, waren es im vergangenen Jahr sieben Paare, die erfolgreich gebrütet haben.

Die Sensation im Jahr 2023

Als 2023 die Ornithologen im Land zum ersten Mal seit 100 Jahren die Brut eines Fischadlerpaares in Baden-Württemberg vermelden konnten, war die Freude unter den Vogelschützern groß. Jetzt gibt es aufgrund der wachsenden Populationen östlich und westlich des Bundeslandes wieder begründete Hoffnung, dass auch der wesentlich größere Verwandte des Fischadlers als Brutvogel zurückkehrt.

Der Vorfreude einen heftigen Schub versetzte kürzlich eine Sichtung im Ostalbkreis. Dort hatte der Hobby-Naturfotograf Albert Schäfer gleich zwei Seeadler beobachtet und fotografiert. Dass der erweiterte Donauraum im Osten Baden-Württembergs ganz oben auf der Erwartungsliste steht, bestätigt auch Schmidt-Rothmund. Die unmittelbare Nähe zu der großen Zahl bayrischer Brutpaare sei hierfür ausschlaggebend.

Die Donau, der Oberrhein und der Bodensee sind ideale Brutgebiete für den Seeadler. Obwohl der riesige Greifvogel stets das Wasser sucht, ernährt er sich, anders als der kleinere Fischadler, nicht etwa ausschließlich von Fisch. „Das Nahrungsspektrum des Seeadlers ist viel größer“, sagt der Greifvogelexperte Daniel Schmidt-Rothmund. Neben Fisch stehen Wasservögel und Aas auf dem Speiseplan des Seeadlers. Und auch sein Nest baut er, anders als der Fischadler, nicht nur auf hoch aufragenden Bäumen. Ob Pappeln, Kiefern, Buchen oder Eichen, „der Baum muss nur stabil genug sein und einen freien Anflug ermöglichen“.

Hat ein Seeadlerpaar ein Nest gebaut, legt das Weibchen gegen Mitte Februar zwei bis drei Eier, die rund 40 Tage lang ausgebrütet werden. Nach weiteren 60 bis 70 Tagen sind die Jungen flügge und verlassen erstmals das Nest. Während im vergangenen Jahrhundert in Deutschland vor allem Umweltgifte den Vögeln zugesetzt hatten, seien die größten Gefahren für Seeadler inzwischen Stromleitungen und vor allem Windräder. „Rotoren, die an ihrer Spitze mehr als 200 Stundenkilometer schnell sind, kann der Vogel nicht entkommen“, sagt Schmidt-Rothmund.

Zu erkennen sei ein ausgewachsener Seeadler auch für Laien vergleichsweise einfach, erklärt der Ornithologe aus Mössingen. „Die schiere Größe unterscheidet ihn von allen anderen heimischen Greifvögeln.“ Seine extrem ausladenden Schwingen lägen zudem wie ein Brett in der Luft. Vor allem aber sei ein Seeadler an seinen reinweißen Schwanzfedern zu bestimmen. „Zudem besitzt er einen leuchtend gelben Schnabel“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund.

Am Restrhein im Taubergießen suchen unterdessen, gut versteckt im Beobachtungsturm, Gabriele Weber-Jenisch und Marc Keller die Umgebung ab. Die große Pappel, auf der der Seeadler so gerne Platz nimmt, um von dort seine Jagdflüge übers Wasser zu starten, ist übersät mit Nestern. „Das sind Kormorannester“, sagt Keller mit einem Blick durchs Spektiv. Von einem Adlerhorst keine Spur.

Ein gut gedeckter Tisch für den Seeadler

In diesem Jahr war der Seeadler vom Taubergießen bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht beobachtet worden. Letztes Jahr, im Spätwinter 2024, wurde das mächtige Exemplar noch fünfzehnmal gemeldet. Doch an diesem Freitagvormittag tummeln sich auf der Wasseroberfläche des Altrheinarms und an den Ufersäumen lediglich Reiherenten, Blesshühner, die unvermeidlichen Nilgänse, Graureiher und Haubentaucher. Für den Seeadler wäre das ein gut gedeckter Tisch.

Elf Jungtiere, berichtet der Elsässer Vogelschützer Keller, seien im vergangenen Jahr in den nahen Seeadlerrevieren in Ostfrankreich gezählt worden. Hinzu kämen bis zu zehn Exemplare, die der französische Wildpark Les Aigles du Léman jedes Jahr am Genfer See im Rahmen eines Wiederansiedlungsprogramms auswildere. Eines dieser Tiere könnte theoretisch irgendwann der Gefährte oder die Gefährtin des Seeadlers vom Taubergießen werden. Ob das unberingte Exemplar ein Männchen oder ein Weibchen ist, konnten die Ornithologen bisher nicht ermitteln.

An diesem kalten Freitag bleibt die Suche nach dem Seeadler am Rhein erfolglos. Vier Tage später erreicht Gabriele Weber-Jenisch dann plötzlich eine erfreuliche Nachricht: Ein Nabu-Mitarbeiter aus Lörrach habe einen Tag zuvor den Seeadler zum ersten Mal in diesem Jahr im Taubergießen entdeckt. Die Umstände waren kurios: Just in dem Moment, als der Nabu-Mitarbeiter im Beobachtungsturm einen ebenfalls anwesenden französischen Ornithologen gefragt hat, ob er diesen Winter den Seeadler schon gesehen habe, flog der große Greifvogel filmreif übers Wasser.

Im Schlepptau drei Mittelmeermöwen, die über die Anwesenheit des Nahrungskonkurrenten offenbar nicht so glücklich waren wie die staunenden Beobachter.

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Erstellt:
7. März 2025, 20:12 Uhr

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