Werksschließung

Der traurige Abschied von Audi in Brüssel

Monatelang haben die Mitarbeiter für ihr Werk gekämpft – am Ende vergeblich. Nun ist es endgültig geschlossen worden und 3000 Menschen stehen auf der Straße.

Fast 40 Jahre hat Mario in dem Brüsseler Werk Autos zusammengeschraubt. Nun steht er zusammen mit 3000 Kollegen  auf der Straße.

© Knut Krohn

Fast 40 Jahre hat Mario in dem Brüsseler Werk Autos zusammengeschraubt. Nun steht er zusammen mit 3000 Kollegen auf der Straße.

Von Knut Krohn

Mario sprudelt wie ein Wasserfall. Das Reden scheint eine Art Therapie für ihn, um den Schmerz und die Enttäuschung auf Distanz zu halten. Fast 40 Jahre lang hat er in Brüssel Autos montiert und in dieser Zeit einen Berg von Erinnerungen angehäuft. Lächelnd erzählt der 58-Jährige von seinem ersten Tag am Fließband in dem Werk im Stadtteil Forest. Damals wurde dort noch der VW Golf produziert. Danach folgten viele zufriedene Jahre, doch nun steht Mario in seinem Fußballtrikot der Audi-Werksmannschaft vor dem Haupteingang am Boulevard de la Deuxième Armée Britannique 201. Um den Hals trägt er ein selbstgemaltes Pappschild, zu lesen sind zwei Daten: 28. April 1986 bis 28. Februar 2025. Sie markieren für ihn den Anfang und das Ende seines Arbeitslebens. „Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll“, sagt Mario, „in meinem Alter finde ich doch keine neue Stelle mehr.“ In seinen Augen spiegelt sich blanke Fassungslosigkeit, dass nun Wirklichkeit wird, was über Monate angekündigt worden war. Das Audi-Werk in Brüssel ist am Freitag endgültig geschlossen worden, rund 3000 Beschäftigte stehen nun auf der Straße.

Lange haben die Männer und Frauen um ihre Jobs gekämpft und am Ende doch alles verloren. Bis zuletzt haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es doch noch irgendwie weitergehen könnte an diesem Standort mit seiner jahrzehntelangen Tradition. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Forest die ersten Autos zusammengeschraubt. Zuerst der US-amerikanische Studebaker und dann, als in Deutschland das Wirtschaftswunder einsetzte, ab 1954 der VW-Käfer. Bis 1975 wurden dort 1 143 664 Exemplare dieses symbolträchtigen Autos produziert.

Eine Erfolgsgeschichte in Brüssel geht zu Ende

Forest war eine Geschichte des ständigen Wachstums, bis sich Ende der 1990er Jahre die ersten Wolken über dem Standort zusammenbrauten. Das Werk liegt eingeengt zwischen einem Wohngebiet und einer Bahnlinie, was die weitere Modernisierung immer mehr erschwerte. Der erste große Schock kam im Jahr 2006, als die Angestellten erfuhren, dass der VW-Konzern in Brüssel die Produktion des Golf einstellen und tausende Stellen Streichen würde. Zur Rettung wurde dann der Einstieg von Audi, ab 2010 lief in Forest der A1 vom Band. Die Zukunft des Werkes schien schließlich gesichert, als das Unternehmen aus Ingolstadt ankündigte, das Werk in Brüssel zur Speerspitze beim Umstieg auf die Elektromobilität zu machen. Mehr als 600 Millionen Euro wurden ab 2016 investiert, um die Fabrik von Grund auf umzugestalten, inklusive der Batteriemontage.

Ab 2021 wurde in Brüssel das Luxusmodell Q8 e-tron gefertigt – und damit begann die endgültige Misere. Die notwendigen Verkaufszahlen sind offenbar nie erreicht worden. Im Jahr 2024 war noch von einer angestrebten Produktionszahl von 48 000 Fahrzeugen die Rede. Diese Zahl wurde dann aber nach unten korrigiert und war auf 36 000 gesunken. Nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen sollen allerdings nur 25 000 Autos vom Band gelaufen sein. Dann hieß es, dass man auch von diesen Stückzahlen weit entfernt gewesen sei.

Großer Zorn über die deutsche Geschäftsführung

„Die Geschäftsführung hat uns über Jahre belogen“, sagt Michel und gräbt seine Fäuste tief in die Taschen seiner Daunenjacke. Von dem Unternehmen sei zu keiner Zeit mit offenen Karten gespielt worden und nun „spukt man die Menschen einfach auf die Straße“. Dabei gehe es auch um Respekt gegenüber Menschen, die viele Jahre für die Marke geschuftet haben. Der ehemalige Fertigungsleiter wirft Audi vor, die Umstellung auf Elektromotoren verschlafen und dann auch noch auf zu teure Luxusmodelle gesetzt zu haben. Natürlich stecke die gesamte Automobilbranche in einer tiefen Krise, räumt Michel ein, aber viele Probleme seinen hausgemacht.

Der 47-Jährige ist nicht nur aus Solidarität mit seinen Kollegen am Tag der Werksschließung vor das Haupttor gekommen. Es sei für ihn nach all den Jahren auch eine Art Abschied, allerdings ein sehr trauriger Abschied. „Aber ich hatte Glück“, sagt Michel, „ich habe eine neue Arbeitsstelle hier in Brüssel gefunden.“ Und dann schiebt er fast erleichtert hinterher: „Aber nicht in der Autobranche.“

Die Politik macht eine unglückliche Figur

Kaum ein gutes Haar lässt der Ingenieur an der Politik. Die hatte erfolglos versucht, mit einer extra eingerichteten Taskforce das Unheil noch abzuwenden. Aus dem Büro des Premierministers der Region Brüssel hieß es im vergangenen Sommer, dass im Rahmen der Gespräche mit Audi mögliche Investitionshilfen angesprochen worden seien, Unterstützung bei der Ausbildung von Fachkräften oder auch Flexibilisierung bei der Reglung für Nachtarbeit. Erinnert wurde das deutsche Unternehmen dabei auch an die 18 Millionen Euro an Regionalbeihilfen, die seit 2015 auf den Tisch gelegt worden seien, um die Ausbildung der Arbeitnehmer und Investitionen in Innovationen am Standort zu unterstützen. Doch am Ende räumte Barbara Trachte, Wirtschaftsstaatssekretärin der Region Brüssel, sichtlich resigniert ein, dass man gegen die Entscheidung der Muttergesellschaft Volkswagen machtlos sei.

Was mit dem Gelände nun passiert, steht in den Sternen. „Unser oberstes Ziel ist es, dass dort weiter Industriebetriebe angesiedelt bleiben“, beteuert Alain Mugabo, der in Brüssel zuständige Stadtrat für Stadtplanung. Er versucht, den Rückzug von Audi auch als Chance zu sehen. Denn ähnlich wie in anderen Großstädten fehlt es in Brüssel an Platz für die Ansiedlung von kleinen und mittleren Unternehmen. Im Gespräch ist auch, dass auf dem rund 54 Hektar großen Gelände stadtnahe Wohnungen entstehen könnten, doch es gibt keine potenten Interessenten. Stadt, Region und Bund haben als mögliche Bauinvestoren bereits abgewunken, ihnen fehlt schlicht das Geld.

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Erstellt:
28. Februar 2025, 15:42 Uhr
Aktualisiert:
28. Februar 2025, 15:50 Uhr

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