Wehrbericht

Die Bundeswehr schrumpft – doch ihre Aufgaben wachsen

Die Bedeutung der Bundeswehr ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Doch trotzdem fehlt der Nachwuchs. Der Jahresbericht der Wehrbeauftragten zeigt, vor welchen Herausforderungen die Truppe steht.

Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr: Der Truppe fehlt der Nachwuchs, viele Dienstposten sind unbesetzt.

© dpa/Michael Matthey

Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr: Der Truppe fehlt der Nachwuchs, viele Dienstposten sind unbesetzt.

Von Tobias Heimbach

Eva Högl hat keine guten Nachrichten. „Die Bundeswehr schrumpft und wird älter“, sagt die Wehrbeauftragte des Bundestages, als sie am Dienstag ihren Jahresbericht vorstellt. Seit langem ist das Thema Nachwuchs die wohl größte Baustelle der Truppe. Eigentlich soll die Zahl der Soldatinnen und Soldaten bis 2031 auf 203 000 steigen. Derzeit steht man bei 181 000. Das spürt die Truppe: Rund 20 Prozent der Dienstposten für Unteroffiziere und Offiziere waren im vergangenen Jahr unbesetzt. Bei den Mannschaften waren es sogar 28 Prozent. Gleichzeitig hat sich das Durchschnittsalter der Truppe erhöht. Ende 2019 lag es bei 32,4 Jahren, Ende 2024 bei 34 Jahren.

Dabei wachsen die Herausforderungen der Truppe. Unter Donald Trump scheinen die USA immer weniger für die Sicherheit in Europa garantieren zu wollen. Europa und Deutschland müssen wohl mehr Verantwortung übernehmen.

Schon jetzt ist die Situation der Bundeswehr laut Högl nicht einfach. „Die Truppe ist sehr gefordert und an der Belastungsgrenze“, sagte die Wehrbeauftragte. Die Bundeswehr hat viel Material an die Ukraine abgegeben und mehr als 10 000 ukrainische Soldaten ausgebildet. Weitere Aufgaben sind absehbar. Die Brigade, die Deutschland in Litauen stationieren will, soll in zwei Jahren mit 5000 Soldaten voll einsatzbereit sein.

Für all diese Aufgaben braucht es mehr Soldaten. Högl nennt zumindest einige Punkte, die Hoffnung machen. „Rund 51 200 Personen und damit 18,5 Prozent mehr als im Vorjahr haben sich im Jahr 2024 für eine militärische Tätigkeit beworben“, heißt es im Wehrbericht. 20 290 Soldatinnen und Soldaten haben demnach ihren Dienst begonnen, ein Plus von acht Prozent.

Doch 25 Prozent brechen den Dienst in der Probezeit ab. Diese Quote sei zu hoch, kritisierte Högl. „Das größte Problem ist Langeweile“, sagte Högl. „Wenn junge Leute in einem Panzerbataillon sind, dann müssen Panzer da sein, dann muss geübt werden, dann müssen Ausbilder da sein.“ Ein weiteres Problem sei der sehr schlechte Zustand vieler Kasernen.

Seit Jahren wird gehofft, dass sich mehr Frauen für den Dienst bei der Bundeswehr entscheiden. Bisher vergeblich. 2024 leisteten 24 675 Soldatinnen Dienst – 13,62 Prozent. „Das Ziel von 20 Prozent ist in weiter Ferne. Auch hier gibt es Handlungsbedarf“, sagte Högl. Eine Wehrpflicht hält sie nicht für ein Allheilmittel. Eine Wiedereinsetzung würde die Truppe derzeit überfordern. „Die Bundeswehr hat nicht genug Stuben, nicht genug Ausbilderinnen und Ausbilder“, sagte Högl. Daher befürworte sie den Kurs von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der einen Vorschlag für einen neuen Wehrdienst gemacht hatte. Dieser sieht vor, allen jungen Menschen einen Fragebogen zuzusenden, der von den Männern verpflichtend auszufüllen ist. Die Hoffnung ist, dass sich so mehr Menschen freiwillig zum Dienst verpflichten. Die Ausbildungskapazitäten sollen dann schrittweise angehoben werden. Doch nach dem Auseinanderbrechen der Ampelkoalition wurde dieser Vorschlag nicht mehr vom Bundestag verabschiedet. Was die künftige Koalition plant, steht noch nicht fest.

Högl sagte auch, sie befürworte eine Grundgesetzänderung hin zu einem Gesellschaftsjahr – für alle Geschlechter. „Ich fände es sehr gut, dass auch Frauen mit einbezogen werden“, sagte sie. Angesichts der Sperrminorität von AfD und Linkspartei scheint es aber kaum möglich, ein solches Vorhaben umzusetzen.

Bei der Ausrüstung sieht Högl ebenfalls Probleme. „Die Bundeswehr hat nach wie vor von allem zu wenig“, sagte sie und mahnte besonders Investitionen in Zukunftstechnologien wie Drohnen und Satelliten an. Für eine bessere Ausstattung brauche es mehr Geld – aber auch beschleunigte Verfahren bei der Beschaffung.

Möglicherweise war es der letzte Jahresbericht, den Högl vorgestellt hat. Ihre Amtszeit läuft im Mai ab. Sie würde wohl gern weitermachen. Ob sie es darf, wird auch Teil der Koalitionsverhandlungen sein.

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Erstellt:
11. März 2025, 17:18 Uhr

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