Polizisten nach der Amokfahrt in Mannheim

„Die Kollegen sind viel Leid gewohnt, aber am Ende sind auch sie Menschen“

Im vergangenen Jahr verlieren Polizisten in Mannheim einen ihrer Kollegen durch einen Messerangriff. Am Montag holt eine Amokfahrt die Erinnerungen hervor. Mannheims Sprecher der Gewerkschaft der Polizei berichtet über die Verarbeitung der erneuten Tat.

Polizisten in Mannheim: Wieder eine Tat im Herzen Mannheims nach dem tödlichen Messerangriff auf ihren Kollegen Rouven Laur im vergangenen Jahr.

© imago//Michael Bihlmayer

Polizisten in Mannheim: Wieder eine Tat im Herzen Mannheims nach dem tödlichen Messerangriff auf ihren Kollegen Rouven Laur im vergangenen Jahr.

Von Florian Dürr

Schon wieder Mannheim – diese Worte hat man in dieser Woche von vielen Menschen gehört. Die Amokfahrt am Rosenmontag, bei der ein 40-Jähriger zwei Menschen getötet haben soll, hat Erinnerungen an den tödlichen Messerangriff auf Rouven Laur am 31. Mai des vergangenen Jahres hervorgeholt – auch bei Polizisten, die damals einen ihrer Kollegen verloren haben und nun wieder eine schreckliche Gewalttat verarbeiten müssen.

Thomas Mohr, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Mannheim, ist seit 1990 in der Stadt im Dienst und berichtet, wie Polizeikolleginnen-und kollegen mit der Tat von Montag umgehen.

Herr Mohr, nach dem Angriff auf Rouven Laur im vergangenen Jahr müssen Polizisten in Mannheim erneut eine schreckliche Tat verarbeiten. Wie geht es den Kollegen wenige Tage nach der Amokfahrt?

Im laufenden Dienst gibt es wenig Zeit zu überlegen, man ist gut abgelenkt. Als ich von der Tat gehört habe, musste ich sofort an den schlimmen Tag mit Rouven denken – und dass es schon wieder Mannheim getroffen hat. Das macht ja auch was mit den Bürgern der Stadt. Aber wenn Kollegen Redebedarf haben, Unterstützung oder sogar eine Auszeit brauchen, dann ist die Betreuung durch das Polizeipräsidium Mannheim vorbildlich.

Wie verarbeiten die Polizisten, die am Rosenmontag im Einsatz waren, das Erlebte?

Es werden natürlich viele Gespräche auf der Dienststelle geführt, man spricht viel miteinander – und auch die Familie ist ein wichtiger Rückhalt. Aber natürlich beschäftigt das Erlebte die Einsatzkräfte: Zwei Kollegen haben noch versucht, die eine Person zu reanimieren, die leider an den schweren Verletzungen verstarb, die anderen mussten Gaffer und Handyfilmer mit Sichtschutzmaßnahmen vom Tatort fernhalten oder waren bei der Fahndung und dann bei der Festnahme des Tatverdächtigen dabei. Die Kollegen sind viel Leid gewohnt, aber am Ende sind auch sie Menschen, die das verarbeiten müssen – und manchmal treten noch Monate später posttraumatische Belastungsstörungen auf.

Wieder Mannheim, wieder im Herzen der Stadt an einem belebten Platz. Was macht das mit den Menschen vor Ort?

Viele Bürger haben durchweg gesagt: ‚Wir hatten doch sowas erst vor ein paar Monaten.’ Irgendwie kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Ich habe auch aus anderen Orten Nachrichten bekommen mit dem Tenor: ‚Was ist bei euch in Mannheim schon wieder los?’ Mir tun die Opfer und ihre Angehörigen leid, aber auch die vielen Bürger, die das mit ansehen mussten, es waren ja auch Kinder unterwegs.

Sie waren einen Tag vor der Amokfahrt noch in der Stadt, um an den getöteten Rouven Laur zu gedenken.

Genau, mit der gesamten Blaulichtfamilie haben wir vor dem Fasnachtsumzug am Marktplatz einen Kranz für Rouven niedergelegt. Ich habe mir noch die Absperrmaßnahmen angeschaut, da war alles mit LKW abgeriegelt, da hätte der Amokfahrer keine Chance gehabt, durchzufahren.

Was sagen Sie zum Eingreifen des Taxifahrers, der den mutmaßlichen Täter gestoppt hat?

Er hat meine höchste Anerkennung und Hochachtung, das war sehr mutig. Zum Glück ist das gut ausgegangen. Aber natürlich würde ich davon abraten, sich selbst in Gefahr zu bringen. Der Tatverdächtige hätte statt der Schreckschusspistole auch eine scharfe Waffe dabei haben können. Seine Aussage ‚Ich bin kein Held, sondern Mannheimer’ fand ich super, das nimmt jenen den Wind aus den Segeln, die solche Taten politisch instrumentalisieren wollen.

Wie beurteilen Sie die Abläufe vor Ort?

Ich war oft bei solchen Einsatzlagen, da sieht man erst einmal ein großes Chaos vor sich, dann wird eingeteilt: Wer kümmert sich um die Verletzten, wer nimmt die Zeugenaussagen auf? Aber ein riesen Problem für die Ermittlungsarbeit sind die Fake News, die am Montag kursierten: Es war von mehreren Tätern die Rede – und dass Schüsse fielen. Und was mich ebenfalls gesellschaftlich enttäuscht hat: Diese Gier nach dem Gaffen, dass wie wild fotografiert und gefilmt wird, um dann im Netz die Klicks zu generieren.

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Erstellt:
7. März 2025, 17:02 Uhr

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