Weissenhofsiedlung Stuttgart
Endlich – freie Sicht auf Le Corbusiers Einfamilienhaus
Nachdem die Büsche geschnitten sind, zeigen sich beide Wohnhäuser von Le Corbusier in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung in ihrer ganzen architektonischen Schönheit.

© SWSG
Beide Häuser von Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung in Stuttgart sind jetzt von der Straße aus gut zu sehen.
Von Nicole Golombek
Wer dieser Tage einen Frühlingsspaziergang beispielsweise zur Weissenhofsiedlung im Stuttgarter Norden unternimmt, weil der blaue Himmel so hervorragend zur Bauhaus-Architektur und den sie umgebenen Kiefern passt, staunt: Frisch zurückgeschnittenes Grün ermöglicht jetzt einen freien Blick auf das Einfamilienhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret neben dem Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier – besonders eindrucksvoll sind: hohen Fenster des zweigeschossigen Wohnbereichs, das zurückgesetzte Hanggeschoss darunter, das Gebäude scheint fast zu schweben.
Stuttgarter Le-Corbusier-Häuser sind Weltkulturerbe
Die Gebäude im Bruckmannweg 2 und in der Rathenhaustraße 1-3 stehen ja nicht nur unter Denkmalschutz wie die gesamte Siedlung, seit Juli 2016 gehören das Doppelhaus und das Einfamilienhaus von Le Corbusier zum Welterbe der Unesco. Unter dem Titel „Das architektonische Werk von Le Corbusier – Ein außergewöhnlicher Beitrag zur Moderne“ zählen diese Häuser ebenso wie sechzehn weitere Bauensembles des Architekten zu einer Welterbestätte. Neben Stuttgart befinden sich die Bauten in Argentinien, Belgien, Frankreich, Indien, Japan und der Schweiz.
Auf der Homepage zum Unesco-Welterbes ist nachzulesen, wie das Wohnhaus im Inneren konstruiert ist: „Die Wohnhalle öffnet sich mit einem großen Südfenster zum Garten hin. Ursprünglich enthielt dieses Fenster über die ganze Breite einen schmalen Wintergarten. Das oberste Geschoss umfasst einen Dachgarten mit einer Attika sowie weitere Zimmer und eine Toilette. Der freie Grundriss zeigt sich in nach oben offenen und zum Badezimmer hin gekurvten Zwischenwänden sowie Einbaumöbeln.“
Während das lang gestreckte Doppelhaus als Weissenhofmuseum auch von innen zu besichtigen ist, ist das Wohnhaus daneben nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, es ist bewohnt und bleibt es auch. Die Stuttgarter Wohn- und Städtebaugesellschaft (SWSG) hat die Siedlung 2019 vom Bund gekauft, der Bund hat weiterhin Belegrecht für die Vermietung der Wohnhäuser. Die SWSG verwaltet und saniert peu à peu die Siedlung – mit finanzieller und wissenschaftlicher Unterstützung der Wüstenrot Stiftung.
Bis 2027, wenn sich die Entstehung der Siedlung zum hundertsten Mal jährt und die Internationale Bauausstellung IBA ’27 in Stuttgart stattfindet und in der Siedlung auch das neue Besucherzentrum errichtet sein wird, werden sicher nicht alle Straßen, Mäuerchen, Gehwege, Häuser im neuen Glanz auferstanden sein.
Doch es geschieht einiges: aktuell werden die Mart Stam Reihenhäuser von außen saniert, dann folgen bald die nächsten Häuser aus dem Jahr 1927 – und auch die nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Satteldachbauten. Denn diese Mietshäuser sind ebenfalls denkmalgeschützt, als Zeichen auch dafür, wie die Siedlung sich verändert. Sie ist ja kein Museum, sondern die wohl berühmteste Wohnsiedlung der Welt.
Weitere Bilder der Häuser von Le Corbusier und der Weissenhofsiedlung Stuttgart finden sich im Bilderordner.

© Lichtgut /Leif Piechowski
In dem Haus, entworfen von Le Corbusier, ist das Weissenhofmuseum zu Hause.

© Lichtgut/Achim Zweygarth
Im Hölzelweg in der Siedlung finden sich auch . . .

© dpa/Sebastian Gollnow
. . . Einfamilienhäuser von anderen berühmten Architekten, Hans Scharoun etwa. Und . . .

© LichtgutAchim Zweygarth
. . . der Niederländer Pieter Oud hatte Reihenhäuser für Familien entworfen, die jeweils nur 73(!) Quadratmeter Wohnfläche beanspruchen. Sie werden saniert in den nächsten Jahren.

© Lichtgut/Zophia Ewska
Ludwig Mies van der Rohe hat ebenfalls Wohnhäuser für die Weissenhofsiedlung entworfen. Sie wurden inzwischen saniert, auch innen auf den brandschutztechnisch aktuellen Stand gebracht von der SWSG, die bei der Sanierung finanziell und wissenschaftlich von der Wüstenrot Stiftung unterstützt wird.

© Lichtgut/Zophia Ewska
Im Gebäude von Peter Behrens hat die Architekturgalerie am Weissenhof ihr Zuhause.

© LichtgutAchim Zweygarth
Die drei benachbarten Reihenhäuser aus dem Entwurf des Niederländers Mart Stam . . .

© Lichtgut/Max Kovalenko
. . . werden derzeit saniert. Dies ist ein Zwischenstand vom Oktober 2024.

© LichtgutAchim Zweygarth
Viele der Wohnhäuser von 1927 sind während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden, eine Schautafel in der Siedlung informiert darüber. In der Nachkriegszeit wurde . . .

© Lichtgut /Leif Piechowski
. . . die Siedlung nachverdichtet, da, wo Gebäude aus der Siedlung zerstört waren, wurden neue Häuser gebaut (rechts) – sie sind architektonisch vergleichsweise unspektakulär, stehen als Zeitzeugen aber auch unter Denkmalschutz.

© dpa/Franziska Kraufmann
Die Häuser von Le Corbusier sind nicht nur denkmalgeschützt – das ist die komplette Siedlung –, sondern auch Unesco Weltkulturerbe.

© Lichtgut/Leif Piechowski
Das Doppelhaus kann von innen besichtigt werden, inklusive . . .

© Lichtgut/Leif Piechowski
. . . Aussicht auf Stuttgart.

© SWSG
Das Einfamilienhaus nebenan ist weiterhin bewohnt und kann nur von außen bestaunt werden.

© Wüstenrot Stiftung
Seit das viele Grün etwas beschnitten wurde, ist . . .

© SWSG
. . . ein freierer Blick auf das Gebäude Haus 13 mit seinen 120 Quadratmetern Wohnfläche von Le Corbusier und Pierre Jeanneret möglich.

© Werner Sobek/Zooey Braun
Mitten in der Siedlung ist eine Baulücke, die Grundmauern stehen noch und sind denkmalgeschützt, daher durfte das experimentelle Aktivhaus B10 von Architekt und Ingenieur Werner Sobek auch nur für eine bestimmte Zeit dort stehen und wurde wieder abgebaut.

© Rendering /Barkow Leibinger
2027 zur Eröffnung der IBA ’27 soll es fertig sein: Das BIZ – Besucher- und Informationszentrum der Weissenhofsiedlung. Die renommierte Stuttgarter Architektin Regine Leibinger gestaltet mit ihrem Geschäftspartner Frank Barkow das Begrüßungszentrum auf der Weißenhofsiedlung. Zugleich soll der Bau neben der Kunstakademie im Jahr 2027 Anlaufstelle für die Besucher der Internationalen Bauausstellung IBA ’27 sein.