Internationales Bachfest Stuttgart
Erinnerungskultur mit Barockmusik aus Peru
Das erste Internationale Bachfest Stuttgart wirft vom 9. bis 23. März Schlaglichter auf die reiche lateinamerikanische Musikgeschichte. Mit dabei: Los Temperamentos aus Bremen mit „Fiesta Peruana“.

© Patric Leo
Das Alte-Musik-Ensemble Los Temperamentos aus Bremen mit „Fiesta Peruana“ und Tanzprofis des Ballet Folclórico del Perú
Von Verena Großkreutz
Peruanische Barockmusik? Stellt in unserer eurozentristischen Wahrnehmung der Musikgeschichte eine der vielen Leerstellen dar. Beim ersten Internationalen Bachfest Stuttgart, das am kommenden Sonntag startet und sich dann für zwei Wochen dem Thema „Bach und Lateinamerika“ widmet, wird diese Leerstelle gefüllt. Denn dann präsentiert das Bremer Alte-Musik-Ensemble Los Temperamentos sein Programm „Fiesta Peruana“: mit Musik, die im 18. Jahrhundert in Peru erklang, in Zeiten, als das Land nach blutiger Eroberung unter spanischer Krone stand. Eine durch ihren rhythmischen Drive faszinierende Musik, die unterschiedlichste Stile in sich vereint: die Musik der indigenen Kulturen, die europäische der Konquistadoren und jene der afrikanischen Sklaven, die von den Spaniern nach Peru verschleppt worden waren. Dem Ensemble aus Streichern, Cembalo, Flöten, Gesang, Gitarren und viel Perkussion stehen dann acht Tanzprofis des Ballet Folclórico del Perú zur Seite, die die Musik in farbenfrohen authentischen Kostümen und mitreißenden Choreographien tanzen werden.
13 Jahre lang wurde an der Rekonstruktion dieser Musik gearbeitet
Die Musik stammt aus dem Kodex Martinez Compañón, einer neunbändigen Riesensammlung, die Baltasar Jaime Martínez Compañón, Bischof von Trujillo (Peru), verfasst hat. Im Auftrag von Spaniens König reiste er in den 1780er Jahren mit Schreibern und Malern durchs Land, um Flora und Fauna, Architektur und Lebenskultur der Menschen zu dokumentieren. 20 Seiten widmen sich der Musik: Tanzlieder, gehört und gesehen auf Volks- und Kirchenfesten und in Hafenspelunken, darunter religiöse Lieder, Protestmusik, Alltagsgesänge bis hin zu vulgären Liedern.
Der künstlerische Leiter von Los Temperamentos, Néstor Fabián Cortés Garzón, der das Ensemble 2009 in Bremen gegründet hat, arbeitete 13 Jahre an der Rekonstruktion und dem Arrangement dieser Musik. Das überlieferte Material sei karg, bestehe bestenfalls aus der Melodie- und der Bass-Linie, erklärt er. Rückschlüsse etwa auf die Besetzung ließen sich aber aus den zahlreichen Aquarellen des Kodex ziehen, die Tanzende und Musizierende zeigten. „Den afrikanischen Sklaven war per Dekret verboten, ihre traditionellen Trommeln zu spielen“, erklärt er, „weswegen sie auf alles andere, was irgendwie verwendbar war, zurückgreifen mussten, sogar auf Unterkieferknochen von Eseln“.
Traditionelle Musik aus Kolumbien in europäischer Barockmusik
Néstor Garzón, gebürtiger Kolumbianer, studierte klassisches Cello am Konservatorium in Bogotá. In der europäischen Barockmusik entdeckte er seine eigenen Wurzeln: die traditionelle Musik Kolumbiens. Seine Erkenntnis: Was in Europa heute Alte Musik heiße, sei in der Musik Lateinamerikas nach wie vor gegenwärtig. Als sei damals die „Pausentaste“ gedrückt worden. Da höre man heute aus dem Gesang eines Kindes gelegentlich Vivaldi heraus, aus den Klängen einer Harfe Scarlatti, und auch das Continuo, das harmonische Grundgerüst europäischer Barockmusik, sei in der Musik Kolumbiens omnipräsent. Sein Forscherdrang führte ihn nach Bremen, an die Hochschule für Künste, wo er sich auf die historische Aufführungspraxis spezialisierte. Seitdem recherchiert er neben dem Konzertleben intensiv zur Barockmusik Lateinamerikas und rekonstruiert und arrangiert ihre Werke.
Die Vorstellung, was Barockmusik ist, dürfte sich durch den Auftritt von Los Temperamentos erweitern. „Man wird in Alltagsszenen hineingeworfen“, erklärt Nadine Remmert, die im Ensemble Cembalistin ist, „Texte wie gesungene Zeitungsartikel.“ Da werde in einer Barszene geflirtet, getrunken, gespielt, bis jemand hereinkomme, der verkünde, dass der König jetzt Steuern auf Tabak erhebe. „Und das alles in Tanzmusik verpackt. Das unterscheidet sich sehr von den europäischen Werken.“
Spricht man von europäischer Barockmusik, denkt man vor allem an Hof- und Kirchenmusik, obwohl sich die Komponisten von der Volksmusik natürlich inspirieren ließen. „Wenn man in Deutschland heute eine Volta spielt“, sagt Remmert, „denkt doch kein Mensch mehr an ein Fest oder das Tanzen. Das ist automatisch erstmal ‚klassische‘ Musik.“ Und wem ist heute noch bewusst, dass die Sarabande, ein beliebter Tanz des Barock, eigentlich aus Lateinamerika stammt und die Chaconne vermutlich aus Mexiko?
Geschichte bleibt lebendig
Volksmusik habe in Lateinamerika einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, wo ihre Wertschätzung vor allem verloren gegangen sei durch die krasse Unterscheidung in E- und U-Musik, sagt Nestór Garzón. Für ihn bedeutet die Beschäftigung mit der peruanischen Barockmusik aber auch ein wichtiges Stück Erinnerungskultur, was die brutale Kolonialgeschichte angeht. Durch die Wiederbelebung der Musik aus dem Kodex „bleibt unsere Geschichte lebendig“.
Termine
Peruanisches Fest „Fiesta Peruana“ mit Los Temperamentos und dem Ballet Folclórico am 16. März, ab 19 Uhr im Theaterhaus.
Start Am 9. März, 18 Uhr, eröffnet das Festival mit Bachs Matthäuspassion, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann (Leitung) im Beethovensaal der Liederhalle.
Weitere Termine 10. März, 19 Uhr, Landesmuseum Württemberg: „Canciones Argentinas“, Mariana Flores und Quito Gato würdigen in Volksliedern ihrer Heimat die Frauen Lateinamerikas. 12. März, 19 Uhr, Johanneskirche: „Bachs Söhne: Sinfonien und Konzerte“, Orchester der Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann (Leitung). 13. März, 19 Uhr, Stiftskirche: „Bach Consort Wien: Sarabanda“. 14. März, 19 Uhr, HDMK Stuttgart: Vokalwerke von Bach und aus Lateinamerika, JSB Ensemble mit Kathy Saltzman Romey. 19. März, 19 Uhr, Mozartsaal: Bach & Schostakowitsch mit Alexander Melnikov (Klavier) und dem Australian Chamber Orchestra . 20. März, 19 Uhr, Stiftskirche: „La Grande Chapelle: Aus der Neuen Welt“ mit Sakralmusik des 17. Jahrhunderts aus den Kathedralen Mittelamerikas.
Tickets www.bachfest-stuttgart.de , Tel. 0711 / 619 21 61 und www.easyticket.de