Immobilien in Baden-Württemberg
Fast jeder Fünfte im Südwesten kann sich die Energiekosten nicht mehr leisten
Wie entwickeln sich Europas Wohnimmobilien und von welchen Häusern und Wohnungen träumen Menschen in Baden-Württemberg? Ein Trendreport birgt Überraschungen.

© IMAGO/rnulf Hettrich
Traum vom Wohnen in Metropolen wie Stuttgart: Die Menschen in Baden-Württemberg zieht es in die Städte, doch hohe Preise und Energiekosten vereiteln oft den Umzug.
Von Nicole Golombek
Schaut man sich regelmäßig auf Immobilienportalen um, sieht man, welche Objekte besonders lange auf neue Eigentümer warten oder bei gleicher Quadratmeterzahl deutlich günstiger sind als andere. Oft sind es solche mit veralteten Heizungssystemen, Wohnungen ohne Balkon und ohne Aufzug, dafür mit vielen Treppen sowie Gebäude in Gegenden mit schlechter Anbindung an Bus und Bahn.
Diese Beobachtung deckt sich weitgehend mit den Ergebnissen des Europa-Wohnimmobilien-Trendreports des international tätigen Immobilienmakler-Netzwerks Remax. Wie und wo wollen die Menschen gern leben? Wie umzugslustig sind sie? Worauf achten sie beim Haus- und Wohnungskauf? Wie reagieren sie auf die steigenden Energiekosten? Derlei Fragen wurden 20 000 Erwachsenen in 21 europäischen Ländern gestellt, darunter waren 1000 Befragte in Deutschland.
Hohe Preise in Baden-Württemberg
Die Untersuchung zeigt: In Deutschland sagen 77 Prozent der Befragten, sie seien sehr zufrieden oder zufrieden mit ihrer Wohnsituation, 76 Prozent sind es in Baden-Württemberg. Damit liegt Deutschland europaweit im oberen Mittelfeld: Am unzufriedensten sind Menschen in Irland (67 Prozent), am zufriedensten in den Niederlanden und Rumänien (84 Prozent). Und akute Umzugspläne für die kommenden zwölf Monate verfolgten nur 17 Prozent in Deutschland, im Land noch weniger: 13 Prozent. Gründe gegen einen Umzug sind in Europa größtenteils hohe Kauf- oder Mietpreise (60 Prozent), in Baden-Württemberg nennen sogar 67 Prozent der Menschen dies als Grund fürs Bleiben, wo man ist.
Dazu passt, dass gerade in Baden-Württemberg knapp die Hälfte der Umzugswilligen auf niedrigere Wohnkosten hofft – 48 Prozent (31 Prozent im Bund). Denn die Nebenkosten sind gestiegen in der vergangenen Zeit, vor allem Strom und Kosten fürs Heizen. Das betrifft alle Länder. Jeder Fünfte in Europa hat Schwierigkeiten, seine Energiekosten zu begleichen, sagt Samina Julevic, CEO des Immobilienmakler-Netzwerks Remax Germany und Vorstandsmitglied des BVFI (Bundesverband für die Immobilienwirtschaft) bei der Vorstellung der Studie.
Viele Menschen schränken sich ein, sparen beim Reisen oder beim Alltagskonsum. Auch in Baden-Württemberg ist das so – dort ist mit 44 Prozent der Anteil derer sogar deutlich höher als im Deutschlandschnitt (36 Prozent), die Energiekosten zwar bezahlen können, aber Einsparungen an anderer Stelle machen müssen.
Die Zahl jener, die die Energiekosten „bequem oder sehr bequem“ bezahlen können ist mit 38 Prozent im Land geringer als im Bundesschnitt (44 Prozent). Nur von den Menschen, für die Energiekosten kaum mehr zu stemmen sind, finden sich im Land (17 Prozent) etwas weniger als im Bund (20 Prozent).
Was energetische Standards betrifft ächzen viele über die Preise: Nachrüsten mit Wärmepumpen und Solarpanels würden 53 Prozent der Befragten Immobilienbesitzer im Land (50 Prozent im Bund), wenn die Preise günstiger wären.
Mitten in die Stadt oder raus aufs Land?
Überdurchschnittlich viele Immobilienbesitzer in Baden-Württemberg sind interessiert, aber auch verunsichert hinsichtlich der nachhaltigen Energiesysteme: 33 Prozent würden nachrüsten, wenn sie die Auswirkungen auf Umwelt und Klima besser messen könnten, bundesweit beantworteten 21 Prozent der Befragten da mit Ja. Die Immobilienbranche, so die Expertin, reagiere darauf durch Schulungen für die Mitarbeiter, damit sie beim Thema energetische Sanierung Hinweise und erste Hilfestellungen geben könnten.
Wer sich verändern will, hat freilich Wünsche: Der Trend, raus aufs Land zu ziehen, wie es noch zu Coronazeiten zu beobachten war, sei vorbei, sagt Samina Julevic – zumindest in Deutschland. Knapp ein Viertel (24 Prozent im Bund und in Baden-Württemberg sogar 26 Prozent) derjenigen, die einen Umzug in den kommenden zwölf Monaten geplant haben, sucht in Städten nach einer Bleibe. 29 Prozent möchten in städtische Vororte ziehen – im Land sind es nur 21 Prozent. Nur 17 Prozent planen einen Umzug in ländliche Räume – da ist die Landlust der Baden-Württemberger mit 21 Prozent etwas höher.
Mitten in die Stadt oder ganz raus aufs Land – so oder so aber bitte mit Entspannungsmöglichkeit im Freien, das schätzen die Baden-Württemberger: Was die Wunschliste für Immobilien betrifft, steht ein Platz an der Sonne weit oben. In Baden-Württemberg ist der Anteil derer, bei denen Balkon, Terrasse und Garten entscheidend bei der Wohnungssuche sind, mit 65 Prozent nochmals höher als im Deutschlandschnitt (54 Prozent).
Deutschland liegt da an der Spitze bei der europaweiten Länderauswertung. Samina Julevic: „Der Wunsch nach einem privaten Freiraum ist in allen befragten Ländern ausgeprägt, in Deutschland aber besonders stark. In Irland und Ungarn spielen Balkon, Terrasse und Garten beispielsweise nur für 36 Prozent die wichtigste Rolle bei der Suche nach einer Immobilie.“
Deutschland ist ein Mieterland
Praktische Gründe wie eine kürzere Entfernung des neuen Wohnorts zu einer neuen Arbeits- oder Ausbildungsstätte spielen nur für jeden fünften Umzugswilligen (20 Prozent) eine Rolle, in Baden-Württemberg hingegen ist hier die Zahl mit 31 Prozent doch höher. „Die Zahlen legen nahe, dass sich viele Menschen mit der Idee des Home Office angefreundet haben. Vor der Pandemie hatte die Nähe der Wohnung oder des Hauses zur Arbeitsstätte noch einen deutlich höheren Stellenwert. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob sich diese Haltung weiterhin durchsetzen lässt“, sagt Samina Julevic.
Weiterhin bleibt Deutschland ein Mieterland – wer sich verändert, sucht vor allem Mietwohnungen, in Baden-Württemberg sind das 64 Prozent (Bund: 49 Prozent), kaufen wollen im Land nur 21 Prozent der Menschen eine Immobilie (Bund: 29 Prozent). Das mag auch am guten Mieterschutz in Deutschland liegen, sagte Samira Julevic. Nur in der Schweiz (22 Prozent) und in Finnland (27 Prozent) ist der Anteil derer, die ein Kaufobjekt suchen, noch geringer als in Deutschland.
In Ländern wie Kroatien und Bulgarien – sie liegen dagegen an der Spitze jener, die mehr als eine Immobilie besitzen (46 Prozent – im Vergleich: Deutschland 14 Prozent, Niederlande nur acht Prozent) – sei Besitz wichtig, sagte Samira Julevic. Dafür schränke man sich dort eher bei Konsumausgaben ein, um den Kauf eines Hauses zu finanzieren.
Die einen kaufen, die anderen mieten – und dies wieder mehr als noch 2022. In ihrer Branche insgesamt, so Julevic, habe sich nach dem Einbruch vor zwei Jahren – mit Vermittlungszeiten einer Immobilie von neun statt drei bis vier Monaten – die Situation entspannt: „Der Krieg in der Ukraine, der Terroranschlag in Israel, Zinsanstieg, Heizungsgesetz all das hat eine totale Verunsicherung nach sich gezogen, Menschen haben mit Kauf und Verkauf gewartet.“
Inzwischen habe eine gewisse Akzeptanz der neuen Situation eingesetzt. Neues Kaufverhalten werde beschleunigt durch die Hoffnung auf politische Stabilität. „Vergangenes Jahr haben wir zehn Prozent Wachstum verzeichnet, dieses Jahr erwarten wir bis zu 20 Prozent. Das Warten ist vorbei.“