Fernstudium im Aufwind
Fernstudium wächst rasant und fordert traditionelle Hochschulen heraus
Das Fernstudium gewinnt in Deutschland an Bedeutung. Dabei haben private Hochschulen die Nase vorn. Immer mehr Studierende entscheiden sich für flexible, digitale Angebote.

© dpa/Rolf Vennenbernd
Der Massenbetrieb im Hörsaal ist angesichts digitaler Studienformate heute für viele Studierende nicht mehr attraktiv.
Von Bärbel Krauß
Neun Prozent der Studierenden in Deutschland absolvieren aktuell ein Fernstudium. Das klingt nicht nach viel. Aber die 250 000 jungen Männer und Frauen, die laut einer Untersuchung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zuletzt ein Studium gewählt haben, das komplett oder in Teilen digital und aus der Distanz absolviert werden kann, markieren einen der interessantesten Trends in den Hochschulen. Er ist, wie Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) einräumt, auch im Land eine Herausforderung. „Wir spüren auch in Baden-Württemberg die stärker werdende Konkurrenz privater Hochschulen“, erklärt sie auf Anfrage.
Das Wachstum beim Studieren auf Distanz ist rasant und es geht trotz der zum Teil hohen Studiengebühren fast ausschließlich auf das Konto privater Hochschulanbieter. 2006 wählten erst knapp 68 000 Studenten ein Fernstudium, zehn Jahre später waren es bereits 164 000.
Laut Studienautor Marc Hüsch verzeichnet der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz unter 21 200 Studienangeboten in ganz Deutschland etwas mehr als tausend Fernstudienangebote – das entspricht einem Anteil von knapp fünf Prozent – in unterschiedlichen Formen an etwas mehr als 114 Hochschulen.
Auffällig ist ein hoher Anteil an Bachelorstudiengängen, ein Schwerpunkt bei den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (38 Prozent) und ein hoher Anteil an Fernstudenten (30 Prozent), denen nicht das Abitur, sondern eine alternative Qualifikation die Möglichkeit zum Studium eröffnet hat.
In den Jahren der massiven Fernstudienexpansion hat sich die private, kurz vor der Jahrtausendwende gegründete International University (IU) mit Sitz in Erfurt zur mittlerweile größten deutschen Universität entwickelt: Sie bietet 141 Fernstudienangebote, hat neben ihrem virtuellen Campus mehr als 30 Standorte und 45 Prüfzentren in ganz Deutschland und inzwischen 130 000 Studenten. Zum Vergleich: An der größten Universität Baden-Württembergs in Heidelberg sind etwas weniger als 30 000 Studierende immatrikuliert.
Die International University ist der neue Platzhirsch
Bei der IU absolvieren 88 000 Männer und Frauen ein Fernstudium, etwa 40 000 sind in dualen Studiengängen eingeschrieben. Laut Marc Hüsch sind drei private Hochschulen die größten Anbieter von Fernstudiengängen in Deutschland. Neben der IU zählen auch die 1959 gegründete Akad in Stuttgart mit 72 Fernstudiengängen und 6200 Studierenden und die Wilhelm-Büchner-Hochschule in Darmstadt mit 52 Studienangeboten und 4900 Studierenden zu den Großen der Branche. Die klassische Adresse für Fernstudenten, die 1974 gegründete staatliche Fernuniversität Hagen, hat laut Hüschs Untersuchung noch 33 Fernstudiengänge im Angebot und bindet knapp 63 000 Studierende. Ihre frühere Dominanz als Anbieterin in diesem universitären Nischenmarkt hat sie verloren. 2011 studierten noch 53 Prozent der Fernstudenten in Hagen, 2022, dem Zeitpunkt von Hüschs Untersuchung, waren es noch 25 Prozent. Der Studienautor nennt mehrere Gründe für die Expansion des Studiums auf Distanz. Ohne die Erfahrungen der Corona-Jahre, in denen es wegen der Kontaktbeschränkungen zu einem Ausbau digitaler Lehrveranstaltungen an den Hochschulen kam, wäre die Entwicklung kaum denkbar. Außerdem hätten die Privatanbieter sich stark auf studierwillige Berufstätige konzentriert, für die sich ein flexibles Fernstudium gut mit dem Beruf vereinbaren lasse, schreibt der Autor.
Wissenschaftsministerin Petra Olschowski hat die Entwicklung genau im Auge. Immerhin sind in den vergangenen drei Jahren die Studentenzahlen in Deutschland wie im Land um knapp drei Prozent gesunken, und der demografische Trend wird den Wettbewerb um den Nachwuchs der Studierenden noch verschärfen. „Wir spüren die stärker werdende Konkurrenz privater Hochschulen“, sagt Olschowski. „Anders als in Corona-Zeiten, als digitale Ersatzlehrangebote der Hochschulen von vielen verteufelt wurden, sind genau diese digitalen Seminare und Vorlesungen heute begehrt.“ Mindestens hybride Lehrveranstaltungen – also Seminare, die online oder digital absolviert werden können – sind für die heutige Studentengeneration eine Ausweis von Modernität und Qualität. „Fehlen diese Formate in einem Studiengang ganz, wird immer öfter ein anderer genommen“, berichtet die Ministerin.
Wünsche der Studienanfänger haben sich geändert
Aus ihrer Sicht sind die Wünsche der nachwachsenden Generation im Wandel: „Viele Studienanfänger wollen nicht mehr zuhause ausziehen, sie wollen ihre Freunde und ihre Jobs behalten und für das Studium nicht von der Familie weg.“ Dass auch die hohen Mieten in den Universitätsstädten das Studium auf Distanz attraktiver machen, räumt Olschowski ein. „Aber das ist es nicht allein: In Stuttgart gibt es Hochschulen, deren Studiengänge überlaufen sind, und andere mit sinkenden Studierendenzahlen. Das zeigt, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen.“ Die Privathochschulen hätten schneller erkannt, dass sie sich wandeln müssen, bescheinigt die Grünen-Politikerin der Konkurrenz und zieht eine klare Schlussfolgerung für den Südwesten: „Unsere staatlichen Universitäten und die Hochschulen für angewandte Wissenschaften müssen bei der Digitalisierung noch schneller werden, sonst verlieren sie den Wettlauf um Attraktivität bei den jungen Leuten.“
Fernstudium an Privathochschulen
SemestertarifeIm Mittel liegen die Kosten für ein Fernstudium laut dem CHE-Experten Mark Hüsch bei 2207 Euro pro Semester. Allerdings gibt es laut seiner Untersuchung erhebliche Unterschiede. Die Spreizung der Gebühren reicht von 500 Euro bis zu 9000 Euro pro Semester.
GesamtkostenMehr als drei Viertel der Fernstudienangebote schlägt laut seinen Recherchen mit tausend bis 3500 Euro je Semester zu Buche. Auch wenn Kosten für das Wohnen in der Unistadt oder das Pendeln zum Campus entfallen, sind nach Angaben von Hüsch „in vielen Bachelor- und Masterstudiengängen Gesamtkosten von mehr als 10000 Euro für das Fernstudium zu erwarten“. luß