Polizistenmord in Mannheim

Islamkritiker sollte ermordet werden

Im Verfahren um den Mord an Hauptkommissar Rouven Laur sagt Islamkritiker Michael Stürzenberger aus. Ihn wollte der mutmaßliche Attentäter nach eigener Aussage im vergangenen Jahr auf dem Mannheimer Marktplatz töten.

Islamkritiker Michael Stürzenberger bei einer Veranstaltung 2022: „Manchmal wird es leidenschaftlich.“

© /IMAGO/Sachelle Babbar

Islamkritiker Michael Stürzenberger bei einer Veranstaltung 2022: „Manchmal wird es leidenschaftlich.“

Von Franz Feyder

Den ersten Angriff, die ersten Messerstiche und Verletzungen bemerkte Michael Stürzenberger nicht einmal. Er hantierte gerade auf dem Mannheimer Marktplatz an Plakaten seines Informationsstandes, als er „zu Boden ging. Ich wusste nicht, was passiert war“. Dass der 60-jährige wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt durch zwei Messerstiche verletzt war – „ich habe es nicht gespürt. Auch keine Schmerzen.“ Zwei Männer stürzten sich auf den mutmaßlichen Attentäter Sulaiman A. – beide verletzte der Afghane mit seinem Messer. Während Stürzenberger sein rechte Hand nach hinten stützte, sich nach oben drückte und wieder aufstand.

Und Sulaiman A. ihn erneut angriff: „Das habe ich bewusst wahrgenommen. Ich sah das Messer, habe noch versucht, den Angeklagten abzuwehren. Da gingen wir zusammen wieder zu Boden“, schildert Stürzenberger dem Richterquintett des 5. Strafsenats. Es ist der achte Verhandlungstag dieses Verfahrens am Stuttgarter Oberlandesgericht. Geklärt werden soll, was genau am 31. Mai vergangenen Jahres in Mannheim passierte, als mutmaßlich Sulaiman A. den Polizeihauptkommissar Rouven Laur erstach, vier weitere Männer und Stürzenberger zum Teil lebensbedrohlich verletzte.

Er habe an diesem Freitag, gestand Sulaiman A. den Richtern, Stürzenberger töten wollen: „Er sollte sterben!“ In einem ersten Angriff sei sein Opfer zu Boden gegangen. „Ich war überrascht, als er wieder aufstand.“ Er entschied sich für eine zweite Attacke.

„Mit Händen und Füßen habe ich versucht ihn abzuwehren“, beschreibt Stürzenberger diesen Kampf mit A. am Boden. Todesangst, antwortet er dem Vorsitzenden Richter Herbert Anderer, habe er erst gehabt „als ich die Videos von dem Anschlag gesehen habe. Da ist mir bewusst geworden, was für ein unfassbares Glück ich hatte.“

Drei lange Schnitte im linken Oberschenkel, zwei im Gesicht, an der linken Achselhöhle ein Stich in den Oberkörper. „Der war wohl der gefährlichste, weil er bis kurz vor die Lunge ging“, sagt Stürzenberger. Fünf, sechs Meter links von ihm hat Sulaiman A. den Kopf leicht nach rechts geneigt, die Hände unter dem weißen Tischlein vor ihm im Schoß wie zum Gebet verschränkt. Nur die Daumen bewegen sich, drücken in die Handrücken.

Scheinbar unbeteiligt lauscht er Stürzenberger. Wie der erzählt, dass er im Liegen zwei weitere Personen herbeieilen sah, die an A. zerren. „Das Stechen hört auf, dann ist er weg. Einen Schuss habe ich gehört“, erzählt Stürzenberger. Von dem Polizisten, der ihm das Bein abband. Das dafür genutzte Tourniquet sei gerissen. Der Schutzmann habe ein zweites genommen. Eine herbeieilende Sanitäterin. „Ich hatte nicht das Gefühl, lebensgefährlich verletzt zu sein.“ Die Ärzte in der Ludwigshafener BG-Klinik sahen das anders.

Er habe sich nach dem Vorfall „gänzlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen“, sagt der Frontmann der Bürgerbewegung Pax Europa (BPE). Seit 15, 16 Jahren ist Stürzenberger deren Gesicht. Tingelt über die Marktplätze Deutschlands, um über den „politischen Islam“ aufzuklären. Darunter versteht der frühere Pressesprecher der CSU München und der Tochter von Franz-Josef Strauß, Monika Hohlmeier, „einen Islam, der ideologisch versucht, der sich im offenen Gegensatz zum Grundgesetz befindet“. Was das genau bedeute, will Richter Herbert Anderer wissen. „Ein ideologischer Islam, der eine totalitäre Staatsform, das Kalifat, anstrebt und nach den Regeln der Scharia lebt“, sagt Stürzenberger. Wer die Scharia als gottgegebene Rechtsordnung über das demokratisch verabschiedete Grundgesetz stelle, der sei im politischen Islam verhaftet.

Alle Muslime über einen Kamm geschert?

Anderer konfrontiert Stürzenberger mit Zitaten aus den Jahresberichten des bayrischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Aus früheren Gerichtsurteilen gegen Stürzenberger. Allesamt attestieren sie, dass er und die BPE „den Islam insgesamt als vorsteinzeitliche, nazistische und frauenverachtende Ideologie’“ sehen. Das machen sie fest an Sätzen aus Stürzenbergers Reden wie diesem: „Der Islam verletzt unser Grundgesetz und unsere Verfassung mit all seinen Bestimmungen.“ Oder „Was guckst Du? Wisst Ihr, was das bedeutet, wenn ein Moslem Dir sagt, was guckst Du? Du sollst unterwürfig auf den Boden den Blick senken, weil er der Herrenmensch ist. Du darfst ihm nicht in die Augen schauen.“

Oder: „Wenn Sie mit gläubigen Moslems zu tun haben, wird’s lebensgefährlich. Gläubige Moslems, die sich mit dem Koran beschäftigen, die die Tötungsbefehle lesen und die Diffamierung von allen Andersgläubigen, da wird’s brandgefährlich.“ Er beschreibe kollektiv seine „Kritiker und Muslime als generell aggressiv und konfliktorientiert“, schreiben die Verfassungsschützer Stürzenberger ins Stammbuch. Anders ausgedrückt: Er schere alle Muslime über einen Kamm. Richter Anderer hält ihm das vor. „Da wird vieles aus dem Zusammenhang gerissen“, antwortet der. „Wir könnten jetzt Videos anschauen, Herr Stürzenberger.“ „Manchmal wird es leidenschaftlich“, sagt der und lächelt verstohlen. Seit 2022 fänden weder er noch die BFE mehr Erwähnung im Verfassungsschutzbericht Bayerns.

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Erstellt:
2. April 2025, 13:46 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2025, 15:50 Uhr

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