DFB-Team gegen Italien
Drei Lehren aus dem Spektakel
Die deutsche Nationalmannschaft zeigt beim 3:3 in der Nations League gegen Italien in Dortmund zwei Gesichter. Der Blick geht aber klar nach vorne.

© dpa/Federico Gambarini
Kapitän Joshua Kimmich (li., mit VfB-Spieler Maximilian Mittelstädt) macht gegen Italien ein starkes Spiel.
Von Marco Seliger
Am Ende dieses flirrenden Fußballabends wurde Julian Nagelsmann grundsätzlich. „Wir sind ja ein bisschen ein Land der Meckerer, aber wir können stolz sein auf die Einheit zwischen Fans und Mannschaft“, sagte der Bundestrainer nach dem 3:3 nach 3:0-Pausenführung gegen Italien am Sonntagabend: „Die Mannschaft wirft alles rein – das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre.“
Nagelsmann war begeistert. Er wirkte fast ein bisschen beseelt von dem, was er da in Dortmund gesehen und gehört hatte auf dem Platz und von den Rängen. Da war es ein Leichtes für den Coach, auf die seit dem vergangenen EM-Sommer wieder existente Bande zwischen der Nationalmannschaft und dem Fußballvolk hinzuweisen. Nagelsmann ritt auf der Welle der Emotionen, die seine Mannschaft mit einem mitreißenden und fast perfekten Auftritt in der ersten Halbzeit ausgelöst hatte.
So überraschte es kaum, dass das Wechselspiel mit dem enthusiastischen Dortmunder Publikum funktionierte. Es herrschte in der Nations League eine Stimmung wie zu guten Zeiten bei einem Bundesliga-Heimspiel des BVB. Ein Beispiel: Die berühmte Südtribüne feierte Innenverteidiger Antonio Rüdiger nach einer spektakulären Abwehraktion mit Sprechchören ab und jubelte fast so laut, als sei vorne gerade ein Tor gefallen. Nagelsmanns Spieler rissen die Fans mit. „Die erste Halbzeit war sehr beeindruckend, die beste meiner Amtszeit“, sagte der Bundestrainer hinterher: „Ein Fußballspiel ist nie perfekt, es war aber unfassbar ansehnlicher Fußball.“
Drei Erkenntnisse aus dem Nations-League-Viertelfinale
Nagelsmanns wieder mal bärenstarker Kapitän Joshua Kimmich wurde dann am Ende ebenso grundsätzlich, er widmete sich in seiner Analyse der sportlichen Lage. „Für uns ist es wichtig, dass wir spüren, dass wir gegen die Topteams in Europa mithalten und gewinnen können“, sagte der Anführer der DFB-Elf: „Wir haben das Gefühl, dass wir solche Mannschaften dominieren und schlagen können. Das muss hängen bleiben, das muss in unseren Köpfen sein.“
Im Kopf des Bundestrainers wiederum waren nach den beiden Partien im Nations-League-Viertelfinale gegen die Italiener in Mailand (2:1 nach 0:1 zur Pause) und nun in Dortmund drei Erkenntnisse: „Wir können nach einem Rückstand zurückkommen. Wir können tollen Fußball spielen. Und ein Spiel ist in der Halbzeit noch nicht vorbei.“ Daher, so Nagelsmann weiter, sei es für die Entwicklung seiner Elf vielleicht besser, „als wenn wir jetzt das Rückspiel 4:0 gewonnen hätten – die Erkenntnis aus beiden Spielen ist Weltklasse und für unsere Entwicklung super“.
Leon Goretzka glänzt gleich zweimal
Was Nagelsmann meint, liegt auf der Hand. Nachlassen steht künftig auf dem Index, denn gegen starke Gegner sind dann selbst klare Führungen in Gefahr, so wie jetzt gegen die Italiener in Dortmund. „Der große Unterschied zur ersten Halbzeit war, dass wir in der zweiten fast nur noch nach hinten gespielt haben und fast nur noch durch die Mitte“, analysierte der Trainer: „Es lag nicht nur an dem Fehlpass vor dem ersten Gegentor. Es war zu viel Freestyle.“ Wenn man die Struktur verliere, tue ein Fehlpass wie der von Leroy Sané vor dem ersten Gegentor in der eigenen Hälfte noch viel mehr weh, ergänzte der Coach: „Wenn es länger 3:0 steht, dann kapituliert der Gegner. So kippt das Momentum.“
Das übergeordnet aber seit der Heim-EM im vergangenen Sommer und den meist starken Länderspielauftritten danach klar aufseiten der DFB-Elf ist. Nagelsmann also darf sich im Frühjahr 2025 auf seinem Weg bestätigt fühlen. Der Bundestrainer erntet weiter die Früchte seines Radikal-Umbaus im März 2024 – personell wie taktisch. Das Leistungsprinzip zählt obendrein mehr denn je. Radikal, ohne Rücksicht auf Namen und vergangene Entscheidungen. Bestes Beispiel hierfür ist der bei der EM noch ausgebootete und nun nach 16 Monaten reaktivierte Mittelfeldmann Leon Goretzka, der gegen Italien zwei überragende Partien machte und jeweils der beste deutsche Feldspieler war.
Taktisch stellte Nagelsmann in der zweiten Halbzeit des Hinspiels in Mailand auf Dreierkette in der Defensive um und leitete so die Wende ein. In Dortmund ging es mit der gleichen Ausrichtung ins Rennen, wieder von Erfolg gekrönt. Die Taktik bildete den Rahmen für das Spektakel, das die Spieler lieferten: Flexibel, griffig, zupackend und bedingungslos offensiv, so überrannten die Deutschen in Dortmund die Italiener in der ersten Halbzeit. Und das ohne die derzeit verletzt fehlenden Unterschiedsspieler Florian Wirtz und Kai Havertz.
Lob von Rudi Völler für Tim Kleindienst
Dafür starten andere durch – Torjäger Tim Kleindienst etwa, der gegen Italien in Hin- und Rückspiel per Kopf traf und in diesen Wochen offenbar drei Entwicklungsschritte auf einmal geht, was Spielverständnis und Kombinationssicherheit angeht. Dafür gab es ein Sonderlob vom früheren Weltklassestürmer Rudi Völler: „Das muss man echt sagen – es ist ja immer einfach, wenn man ein Tor erzielt, hat man als Stürmer seine Aufgabe erfüllt“, sagte der Sportdirektor des DFB: „Aber die Art und Weise, wie Tim vorne Bälle gehalten hat, ist auch wichtig.“
Das wird es für das deutsche Team wieder Anfang Juni, beim Final Four um den Nations-League-Titel, das in München und Stuttgart ausgespielt wird. „Wir freuen uns auf das Turnier im eigenen Land“, sagte Nagelsmann. „Ein Titel würde uns guttun.“