Was geschah am . . . 6. März 1475?
Magier der Malerei: Michelangelo wird geboren
Der Renaissance-Biograph Giorgio Vasari stilisierte ihn als „göttlich“, ja als den Zielpunkt der Kunstgeschichte. Er selbst beschrieb sich als „armseligen und irren Mann“. Doch es war genau diese Leidenschaft, die Michelangelo unsterblich machte.

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Michelangelo Buonarroti: Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter, ein Pessimist von unbändiger Schaffenskraft, ein Freidenker und doch von tiefer, geistvoller Frömmigkeit.
Von Markus Brauer/KNA
Über sieben Jahrzehnte hat er als Künstler unzählige Energieleistungen vollbracht; trotzdem wurde er fast 89 Jahre alt. Vor 550 Jahren, am 6. März 1475, wurde das Renaissance-Genie Michelangelo Buonarroti geboren. Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter. Ein Pessimist von unbändiger Schaffenskraft, ein Freidenker und doch von tiefer, geistvoller Frömmigkeit.
Mit Talent, Eifer und Glück in Florenz
Gegen den Widerstand seines Vaters wird Michelangelo mit 13 Jahren bezahlter Schüler des Malers Domenico Ghirlandaio (1449-1494). Hier lernt er die Technik der Freskomalerei. Sein Talent, Eifer und etwas Glück bringen ihn schon bald an die Florentiner Hofschule.
Die feinsinnige Bildung bei den Medici, auf deren geistigem Höhepunkt unter Lorenzo dem Prächtigen, prägt den jungen Michelangelo tief. Ab 1491 unternimmt er heimlich anatomische Studien an Leichen. Das ist zu dieser Zeit noch streng verboten, bringt ihm aber bei der Darstellung des menschlichen Körpers unschätzbare Fortschritte.
Düstere Vorahnungen
Doch die Lehrjahre im Florentiner Elysium der Kunst sind nicht von langer Dauer. Bald nach dem Tod Lorenzos spürt Michelangelo, zu dessen vielfältigen Gaben auch düstere Vorahnungen gehören, den nahenden Sturz der Medici. Er setzt sich 1494 rechtzeitig nach Bologna ab.
Bei seiner Rückkehr nach Florenz hat sich der Charakter der Stadt völlig geändert: Der Bußprediger Girolamo Savonarola hält sie in einem Klammergriff von religiöser Diesseitsverachtung und Endzeitermahnungen, die auch Michelangelo tief beeindrucken. Für den Kunstbetrieb ist dort wenig Platz. So folgt er einem Ruf nach Rom.
Ungebärdige und übermenschliche figurale Kraft
Aus den äußerst widersprüchlichen Erfahrungen der frühen Florentiner Jahre, gepaart mit seinem ohnehin impulsiven Naturell, entsteht in Michelangelo ein sehr fruchtbarer Gegensatz: Der Libertinismus der Schule der Medici und die fromme Bußfertigkeit des Bekehrten setzen in ihm Energien frei, sich den Konventionen seiner Künste und sogar dem Willen seiner Auftraggeber zu widersetzen.
Die ungebärdige, übermenschliche Kraft von Michelangelos Figuren bringen Unordnung und Dynamik, wo die klassische Komposition der toskanischen Renaissance noch wohlgeordnete Ruhe verlangen.
Rom: Zweiter Schicksalsort
Die Stadt der Päpste wird zu Michelangelos zweitem Schicksalsort. Hier schafft er seine wichtigsten Werke, sieht man vom monumentalen David in Florenz (1504) und dem Programm der dortigen Medici-Kapelle (1524-1533) ab. Von Haus aus Maler, fühlt er sich doch immer stärker zur Bildhauerei hingezogen.
Wie beim David, den er aus einem riesigen, von seinen Vorgängern eigentlich schon verhauenen Marmorblock schafft, hält sich Michelangelo zugute, die Figur bereits im rohen Stein zu erkennen und lediglich daraus zu „befreien“.
Die Pieta im Petersdom (1499) gehört wohl zum Ergreifendsten, was die abendländische Kunstgeschichte hervorgebracht hat.
Spannungen mit dem Papst
Michelangelo erlebt 13 Päpste. Am spannungsreichsten ist das Dienstverhältnis zu Julius II. (1503-1513), der ebenso unnachgiebig, aufbrausend und energiegeladen ist wie er selbst. Erst setzt ihn der Papst auf ein gigantisches Marmorgrabmal für sich selbst an. Später zieht er ihn davon wieder ab und verpflichtet ihn zur Ausmalung der Decke der Sixtinischen Kapelle (1508-1512). Ein Mammutwerk auf 520 Quadratmetern, das ihn auch als Maler unsterblich machen wird.
In seinen Aufzeichnungen hält der ebenso sensible wie stolze Michelangelo fest, wie sehr er unter dem fordernden und sprunghaften Wesen Julius II. leidet. Bildlich verewigt hat er seinen Peiniger mit der kolossalen Marmorstatue des Mose in der Titelkirche des Papstes, San Pietro in Vincoli.
Ein Medici-Papst, Clemens VII. (1523-1534), nötigt ihn 1532 zu einem weiteren malerischen Meisterwerk: 20 Jahre nach der Decke der Sixtina wird Michelangelo beauftragt, ein Altargemälde für die Wahlkapelle der Päpste zu schaffen. Das mehr als 200 Quadratmeter große „Jüngste Gericht“ mit seinen fast 400 Personen prägt bis heute die Wahrnehmung der Papstwahlen.
Gequält und ausgepumpt
Ein tief empfundenes Selbstbildnis hinterlässt Michelangelo im Jüngsten Gericht: Er selbst in der schlaffen, leeren Haut des heiligen Bartholomäus, gequält und ausgepumpt von diesem Großprojekt. Mit 66 Jahren, angefeindet ob der Vehemenz und Schockwirkung seines Weltengerichts, steigt der Künstler 1541 vom Gerüst.
Papst Paul III. (1534-1549) stellt sich schützend vor Michelangelo, nicht ohne ihm bald darauf eine weitere Großbaustelle aufzudrücken. Gegen seinen Willen übernimmt der 71-Jährige 1547 die Bauleitung am Petersdom und dessen Kuppel. Parallel arbeitet er an seiner „Pieta von Florenz“, deren Figur des Josef von Arimathäa wiederum seine eigenen Züge zeigt. 1555 gibt er diese Arbeit entnervt auf.
„Armseliger, infamer und irrer Mann“
Schon vom Todesfieber geschüttelt, arbeitet Michelangelo bis zum Schluss an seiner letzten, unvollendeten Pieta. Er stirbt, umgeben von seinen Freunden, am 18. Februar 1564 in Rom. Sein Leichnam wird auf seinen Wunsch hin heimlich nach Florenz überführt.
Der Architekt, Maler und Chronist Giorgio Vasari (1511-1574), der als „der erste Kunsthistoriker“ und „Vater der Kunstgeschichte“ gilt, stilisiert Michelangelo als „göttlich“, ja als den Zielpunkt der gesamten Kunstgeschichte. Er selbst beschreibt sich als „armseligen, infamen und irren Mann“. Doch es ist genau diese Leidenschaft, die ihn unsterblich machte.