Neu im Kino: „Bolero“
Maurice Ravel in sinnlicher Mission
Heute erklingt alle 15 Minuten irgendwo auf der Welt Maurice Ravels „Bolero“. Bis das Musikstück auf Papier war, hat es jedoch sehr viel länger gedauert, wie der gleichnamige Kinofilm erzählt.

© X-Verleih/Pascal Chantier
Eine Melodie wird kommen: Der Komponist Maurice Ravel (Raphaël Personnaz) wartet auf eine zündende Idee.
Von Andrea Kachelrieß
Wie kommt Kunst in die Welt? Welch schwere Geburt das sein kann, zeigt Anne Fontaine in ihrem neuen Film „Bolero“ am Beispiel von Maurice Ravel und seinem Klassikhit. Blockaden, viel zerknülltes Notenpapier, schlaflose Nächte, Nervosität wegen der nahenden Deadline, Drogenkonsum: „Bolero“ hat alles, was Kreativen den kalten Schweiß auf die Stirn treibt.
Doch Ravels Nöte dringen nicht zum Zuschauer durch. Das Happy End des „Bolero“-Dramas, das 1928 mit einem Auftrag der Tänzerin Ida Rubinstein seinen Lauf nimmt, ist schließlich bestens bekannt. Alle 15 Minuten erklinge irgendwo auf der Welt Ravels Hit, unterstreicht Anne Fontaine im Abspann die Bedeutung ihres Stoffs. Schon die Titelsequenz deutet an, welche Reise Bolero bis heute zurückgelegt hat. In Clips tritt die kleine Melodie mal als Jazznummer an, mal afrikanisch gefärbt oder mit Reggae-, Rock-, Rap-Attitüde interpretiert.
75 Krawatten reisen mit auf USA-Tournee
Nur schade, dass der Film dazwischen dem Bolero-Faszinosum nicht so recht auf die Spur kommt. Sein Publikum finden wird das Biopic mit Raphaël Personnaz in der Hauptrolle dennoch. Am 7. März jährt sich Ravels Geburtstag zum 150. Mal, jede Annäherung ist da willkommen. An die Ticks des Komponisten zum Beispiel, die auch „Bolero“ dankbar streift. So weigert sich Ravel, eine Probe zu dirigieren, weil seine Lackschuhe fehlen; die Haushälterin trägt sie ihm atemlos nach. Für eine USA-Tour füllt er Schrankkoffer; wie man in Jean Echenoz‘ Roman „Ravel“ nachlesen kann, sind am Ende 60 Hemden, 20 Paar Schuhe und 75 Krawatten drin.
Etwas überraschungsarm ist nicht nur Anne Fontaines Blick auf die Launen der Kreativität. Auch Ausstattung und Kostüme sind erwartbar erlesen. Gedreht wurde zum Teil an Originalschauplätzen wie der Villa „Le Belvédère“ westlich von Versailles, in der Ravel von 1921 bis zu seinem Tod 1937 lebte. Dass sich Anne Fontaine in dieser Zeit wohlfühlt, zeigte bereits ihr Biopic über Coco Chanel.
Mr. Ravel – stets in Anzug und Weste verpackt
Auch den Mythos Ravel hat sie als feines Zeitgemälde bebildert, will aber den Ängsten dieses Mannes nicht so recht unter die Haut. Fast tut’s einem leid um den Schauspieler Raphaël Personnaz, denn er darf kaum mehr tun, als, stets in Weste oder Anzug verpackt, die Fassade eines Mannes rissfrei zu halten, der ausschließlich für die Kunst lebt.
Die Avancen der schönen Misia Sert kommen da nicht durch. Doria Tillier spielt die Muse mit mütterlicher Geduld; ein dem erschreckten Komponisten auf die Wange gehauchtes Küsschen auf einer Parkbank, ein Tanz und ein vierhändig gespieltes Klavierstück sind die Höhepunkte, die Ravel ihr gönnt. Die Ursache für seine Scheu lässt der Film im Dunkeln. Ein zu behütetes Muttersöhnchen? Asexualität? Dass „Bolero“ mit dem Crescendo des Orchesters und dem explosiven Finale so sinnliche Assoziationen auslösen kann, wie sie die Tänzerin Ida Rubinstein bei der Uraufführung auf eindeutige Weise bebildert, sorgt bei Ravel jedenfalls für Irritationen. „Sind wir im Bordell?“, raunzte er die Tänzerin bei einer Probe an.
Sinnlich wie der Süden, so Rubinsteins Auftrag
Dabei hätte der Komponist vorgewarnt sein müssen. Rubinstein, auch mit Anfang vierzig der exaltierten Performance treu, die sie bekannt machte, hatte eine klare Bestellung bei ihm aufgegeben: sinnlich, glühend solle die Musik für ihr nächstes Ballett sein. Die hagere Tänzerin, von Jeanne Balibar mit Witz verkörpert, lässt sich von den Ausflüchten Ravels nicht schrecken. Nein, kein Aufschub! Das Opernhaus sei reserviert, lässt sie ihn wissen.
Ravel will sich mit der Orchestrierung von Albéniz‘ Pianostück „Ibéria“ aus der Affäre ziehen. Aber zuerst ist er auf Tournee. Wir sehen, wie er sich solo am Piano durch die Konzerthallen von Boston, Chicago, Detroit, New York spielt. Manchmal warte er lange auf Inspiration, antwortet er auf die Fragen von Journalisten; wenn sie komme, setze er sie souverän um wie ein Schweizer Uhrmacher.
Ein Marsch der vorrückenden Zeit
Mechanik ist auch der Schlüssel, den Ravel seiner Auftraggeberin zum „Bolero“-Verständnis reicht. In der allerersten Szene schleppt er Ida Rubinstein in eine Halle, in der Maschinen dröhnen und den hartnäckigen „Bolero“-Rhythmus vorwegnehmen. Gleich wird er ihr vor diesem „Marsch der vorrückenden Zeit“ seine doch noch vollendete Komposition überreichen.
Eine Hirn-OP überlebt Ravel nicht
Bevor „Bolero“ in Rubinsteins Maschinenraum des Menschlichen zu Tanz wird, sorgt Anne Fontaine mit Sprüngen durch Ravels Leben für Extra-Drama. Vom Bolero-Jahr geht’s mal zurück zu Ravels Scheitern am Prix de Rome oder in den Ersten Weltkrieg, den der Komponist im Sanitätsdienst erlebt, mal nach vorn in die letzten Lebensjahre, die von einer neurodegenerativen Erkrankung geprägt sind. Und so endet der Film, wie auch Ravels Leben, nach einer Hirn-OP leider abrupt.
Film „Bolero“: Frankreich 2024, Anne Fontaine, mit: Raphaël Personnaz, Doria Tillier
Jeanne Balibar, 120 Minuten, ab 6 Jahren.
Info
WerkIm Film verhandelt Maurice Ravel über jede Minute von „Bolero“, unter 17 Minuten wollte Auftraggeberin Ida Rubinstein aber nicht gehen. Auch für das übrige Schaffen Ravels gilt: Qualität ging bei ihm vor Quantität; lediglich etwa 60 Werke sind von ihm überliefert sowie einige Dutzend unvollendete Kompositionen, Studien und Skizzen.
Künstler Maurice Ravel wurde am 7. März 1875 in Ciboure nahe der spanischen Grenze geboren. 1889 nahm er das Studium am Pariser Konservatorium auf, unter seinen Lehrern war Gabriel Fauré. Ravels Vorliebe für Mechanik zeigte sich bereits in seinem ersten Opern-Einakter „Die spanische Stunde“, dessen Handlung in einem Uhrmachergeschäft beginnt. Die Uraufführung 1911 stieß wie auch bei „Histoires naturelles“ (1907) und anderen Kompositionen auf Ablehnung. Kritiker bemängelten Ravels „mechanische Kälte“.
Kontext Ravel zählt neben Debussy zu den Hauptvertretern des Impressionismus. Um das Momenthafte zu betonen, liegt die Aufmerksamkeit auf dem Klangbild statt auf der Form. (ak/epd)

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Jeanne Balibar spielt die Tänzerin Ida Rubinstein, die 1928 Ballettmusik bei Maurice Ravel bestellt – und ordentlich Druck machen muss, damit der Komponist die Deadline einhält.

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Zu Beginn des „Bolero“-Jahres 1928 ist Maurice Ravel auf dem Höhepunkt seines Ruhms – und auf mehrmonatiger USA-Tournee.

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Außer einem Wangenküsschen läuft nichts: Maurice Ravel (Raphaël Personnaz) mit seiner Misia Sert (Doria Tillier).

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Auch unter Freudenmädchen berührt er höchstens Tasten: Raphaël Personnaz als Maurice Ravel.

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Die Tänzerin Ida Rubinstein macht aus der Choreografie zu „Bolero“ zum Entsetzen Ravels eine Lehrstunde des Sinnlichen.

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Happy-End für „Bolero“: Im Pariser Opernhaus gibt’s viel Applaus für Maurice Ravel und seine Ballettmusik.