Jahrhundertreform des Rechts
Napoleons persönlicher Code Civil für 395.000 Euro versteigert
Der von Napoleon Bonaparte im Jahr 1804 eingeführte Code Civil ist eines der bedeutendesten Gesetzeswerke der Geschichte. Jetzt ist das persönliche Exemplar des französischen Kaisers unter den Hammer gekommen.

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Exemplar des Code Civll von 1804: Napoleon Bonaparte, der nach der französischen Revolution 1799 an die Macht kam, machte die Ausarbeitung eines einheitlichen Gesetzbuches zu einer seiner Prioritäten.
Von Markus Brauer/AFP/dpa
Eine Ausgabe des einflussreichen französischen Gesetzeswerkes Code Civil aus dem Privatbesitz von Napoleon Bonaparte ist in Frankreich für 395.000 Euro versteigert worden. Das Exemplar auf großem Velinpapier sei nach dem Fall des Kaiserreichs durchgehend im Besitz derselben Familie gewesen, teilte das Aktionshaus Tajan mit.
Ersteigert wurde es von der Familie Frojal, Mehrheitsaktionär der Verlagsgesellschaft Lefebvre Dalloz, die sich auf Rechtsangelegenheiten spezialisiert hat. Der Preis für den Code Civil aus dem Besitz seines Initiators war zuvor auf eine Summe zwischen 100.000 und 200.000 Euro geschätzt worden.
Le volume du #CodeCivil ayant appartenu à #Napoléon, qui insista pour doter la France de cet ensemble de lois uniformisant les règles de vie, a été adjugé 395.000 euros (avec frais) aux #enchères jeudi à Paris, selon la maison @Tajan_Auction#AFPpic.twitter.com/1mDFaeC4xE — Jean-François Guyot (@JFGuyot) March 6, 2025
Eines der bedeutendsten Gesetzeswerke der Neuzeit
Das Exemplar stammt laut Tajan aus dem Besitz der Nachkommen von Étienne Charvet, einem Vertrauten Napoleons und Verwalter des Schlosses Saint-Cloud nahe Paris. Dort ließ der französische Kaiser das Buch demnach zurück, als er 1814 ins Exil auf die Insel Elba verbannt wurde. Ein Brief von Étienne Charvets Sohn, Jean-Pierre Charvet, wurde zusammen mit dem Code Civil versteigert und soll die Echtheit des Stücks belegen.
Napoleon Bonaparte, der nach der französischen Revolution 1799 an die Macht kam, machte die Ausarbeitung eines einheitlichen Gesetzbuches zu einer seiner Prioritäten. Im Jahr 1800 ernannte er Juristen, die sich an die Arbeit machen sollten. Die darin enthaltenen Gesetze wurden im März 1804 verkündet. Der Code Civil gehört zu den bedeutendsten Gesetzeswerken der Neuzeit.
Auch nach seiner vernichtenden Niederlage in Waterloo war Napoleon sicher, etwas Großes, Bleibendes errichtet zu haben: seine umfassende Reform des Rechts. „All die Siege werden durch die Niederlage von Waterloo zunichte gemacht“, sagte der gestürzte Kaiser. „Aber man wird niemals meinen Code Civil vergessen.“
Juristische Basis für Marktwirtschaft und bürgerliche Gesellschaft
Die drei Bücher mit 436 Seiten des Code Civil prägten das Rechtssystem einer ganzen Epoche – die des Bürgertums. Alle Adelsvorrechte wurden gestrichen, historisch gewachsene Sonderrechte gekappt.
Statt auf Stand und Rang baute der Code Civil auf das Individuum: Jeder erhielt alle Bürgerrechte. Feudale Abhängigkeiten wurden abgeschafft, die Kirche aus dem Familienrecht gedrängt. Das Eigentum erhielt obersten Rechtsschutz. Es verpflichtete nur zur Einhaltung der Gesetze. In der Wirtschaft gilt die Vertragsfreiheit.
Für Liberale wurde damit der Code Napoléon zur juristischen Basis für Marktwirtschaft und bürgerliche Gesellschaft. Den Marxisten galt er als Ausdruck des Wechsels vom Feudalismus zum Kapitalismus – also zur nächst höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung.
Napoleon machte Schluss mit Frankreichs Rechtschaos
Auch Napoleon selbst war der Systemwandel bewusst. „Wir haben den Roman der Revolution beendet“, erklärte er. Das „Wir“ ist dabei wörtlich zu nehmen: In 36 der 87 Sitzungen der Gesetzreformer formulierte der damalige Erste Konsul persönlich an dem Werk mit.
Bis zur Revolution 1789 war Frankreich ein Flickwerk regionaler, in sich widersprüchlicher Rechte aus den verschiedensten Epochen. Adelsvorrechte standen neben geschriebenen Gesetzen und königlichen Ordonnanzen, römisch-germanische Rechtstraditionen neben schlichtem Gewohnheitsrecht.
„Als wir durch das Königreich reisten, haben wir die Pferde so häufig gewechselt wie die Gesetzgebung“, erklärte der Philosoph und Schriftsteller Voltaire. Die Revolutionäre wollten das Rechtschaos beenden, schafften es aber nicht. Napoleon machte Schluss damit. Er sorgte dafür, dass zahlreiche Errungenschaften der Revolution über die Restauration der Monarchie hinaus weiterwirkten.
Das neue Gesetz galt nicht nur in Frankreich: Auch in Westfalen, Frankfurt oder Anhalt-Köthen wurde der Code Napoléon unverändert übernommen, in Baden und anderswo in abgewandelter Form. Mit Napoleons Machtzuwachs kam die Rechtsreform auch nach Polen (bis 1946), Genf (bis 1912) und Mailand, in die Niederlande und die Schweiz.
Nach der Schlacht von Waterloo wurde der Code in Deutschland fast nur im linksrheinischen Gebiet beibehalten. Ein Jahrhundert später brachte das Bürgerliche Gesetzbuch die gänzliche Ablösung. In Belgien gilt der Code wie in Frankreich noch heute. Außerhalb Europas war er Vorbild für Reformen in so unterschiedlichen Ländern wie Kanada und Bolivien, Senegal und Ägypten.
Von 2281 Artikeln sind noch 1200 unverändert in Kraft
Für Napoleon galt der Code Civil unverändert für alle Zeiten, weil er aus dem vernunftgeprägten Naturrecht abgeleitet war. Doch selbst in Frankreich sind nur noch 1200 seiner ursprünglich 2281 Artikel unverändert in Kraft.
Auch bei Prinzipientreue wandelt sich das Recht mit der Gesellschaft. Beispiel Eherecht: Bestand hat bis heute die Zivilehe in freier Entscheidung der Partner. Kein Priester ist mehr zur Hochzeit nötig oder kann eine Scheidung verhindern, kein Vater kann der Tochter eine Ehe verordnen oder untersagen.
Gott kommt im Code Napoléon nicht vor
Im Staub der Geschichte verschwand dagegen die Regelung, die dem Manne den „Schutz der Frau“ und der Gattin schlicht „Gehorsam“ auferlegt. Und in mindestens einem Punkt ist der Code völlig unmodern: Seine klare Sprache macht die Regeln auch für juristische Laien verständlich.
Gott kommt im Code Napoléon nicht vor. Die Gesellschaft des Code Civil baut auf Freiheit und Gleichheit, Natur und Vernunft. Eine Gott gegebene Ordnung mit dem Papst als Bezugspunkt oder auch nur die Ehrfurcht des Gesetzgebers vor dem Allerhöchsten haben da keinen Platz.
Als Bahnbrecher des Laizismus hat der Code Napoléon damit 200 Jahre nach seiner Erschaffung im Streit mit den Muslimen um islamische Kopftücher an den Schulen in Frankreich wieder brisante Aktualität gewonnen.