Nicht nur für Tüftler: Werkstätten zum Selbstmachen
Sägen, hobeln und etwas mit dem 3D-Drucker drucken: alles kein Problem in den offenen Werkstätten Stuttgarts, wie etwa dem Hobbyhimmel in Feuerbach. Das Teilen von Werkzeugen und Ausstattung ist günstiger und nachhaltiger.

© Lichtgut/Christoph Schmidt
Yun Xing will im Hobbyhimmel einen Gartentisch in einen Grill umbauen.
Von Carolin Aichholz
Stuttgart - Konzentriert beobachtet Klaus Rohrberg die Fräse, die ganz exakt Schicht für Schicht und Linie für Linie vom Holz abträgt. Der Senior trägt Kopfhörer, denn das Geräusch der CNC-Fräse erfüllt die ganze Werkstatt des „Hobbyhimmels“ in Feuerbach. Daneben in der Metallwerkstatt kreischt ein Winkelschleifer mit einer Fräse um die Wette. Jeder arbeitet geräuschvoll oder auch ganz lautlos an seinem eigenen Herzensprojekt.
Die offene Werkstatt in Feuerbach feiert in diesem Jahr ihren zehnten Jahrestag. In dem etwas versteckten Gebäude im Industriegebiet finden Hobbybastler und Tüftler Raum, um ihre kreative Ader auszuleben. Von der Planung bis zur Umsetzung finden die Werkstattbesucher Hilfe. Bezahlt wird nur die Zeit, die in der Werkstatt verbracht wird. Privatpersonen zahlen etwa drei Euro pro Stunde, Spezialgeräte kosten extra. „Wir stellen Wissen und Werkzeug bereit“, sagt Stefan Pfaff, einer der Vorstände des Hobbyhimmels. Holz- oder Metallbearbeitung, Goldschmieden, Schweißen oder 3D-Drucken, alles ist möglich und kann teilweise auch in Kursen erlernt werden.
Klaus Rohrberg bringt Besuchern das Konstruieren am Computer sowie die Bedienung der CNC-Fräse bei. Er kam vor einigen Jahren zum Hobbyhimmel, weil er Hilfe brauchte, um sich ein Ersatzteil für ein kaputtes Bein am Gartenstuhl drucken zu lassen. Geblieben ist die Faszination für die Fräse. „Und die vielen Möglichkeiten, was man alles mit ihr herstellen kann“, schwärmt er.
Aber in Stuttgart gibt es nicht nur den Hobbyhimmel. Nichts Neues zu schaffen, sondern das Alte zu bewahren, ist der Grundgedanke des Repaircafés im Stuttgarter Westen, das 2014 gegründet worden ist. „Am Anfang wurden wir regelrecht überrannt“, erzählt Matthias Bohling, ein Mitglied der ersten Stunde: „Die Menschen standen auf der Straße Schlange mit ihren kaputten Geräten.“ Er selbst fand die Idee anfangs ziemlich schräg. „Da helfen Menschen anderen Menschen, ihre kaputten Geräte zu reparieren. Und das ohne Bezahlung.“ Aber mittlerweile ist er sehr überzeugt von dieser guten Sache.
Seit der Gründung sei viel passiert und die Welt sei in gewisser Weise eine andere geworden, findet Bohling. Der Trend führe bei vielen Menschen inzwischen weg vom Überkonsum und dem Drang, immer etwas Neues kaufen zu wollen. An guten Tagen können die Experten bei der Reparatur von etwa 80 Prozent der mitgebrachten Geräte helfen. Das macht über 30 Geräte pro Veranstaltung, die nicht neu gekauft werden müssen.
Noch einmal einen ganz anderen Akzent setzt der Verein „teilbar“, den Tomislav Knassl 2019 nach Stuttgart-West gebracht hat. Dort wird nicht repariert, sondern die mittlerweile 80 Mitglieder können in einer „Bibliothek der Dinge“ statt Bücher Werkzeuge und andere Geräte ausleihen, die sie nur für eine begrenzte Zeit brauchen. „In den Regalen stehen Dinge, die sonst bei vielen sehr lange unbenutzt im Keller verstauben“, sagt Knassl. Gegen eine Jahresgebühr, die die Vereinsmitglieder selbst bestimmen, steht für sie das Gemeinschaftsgut zur Verfügung.
Tomislav Knassl verfolgt damit eine größere Vision: „Ich möchte den Leuten vermitteln, dass nicht jeder immer sein eigenes Ding braucht. Weder beim Auto noch eben beim Werkzeug. Man kann die Gesamtheit der Dinge auch einfach miteinander teilen.“ Sprich: Es geht auch ohne Verzicht und doch ressourcenschonend.
Aber zurück in den Hobbyhimmel nach Feuerbach. Yun Xing gehört dort zum Stammpublikum. Die 27-Jährige bearbeitet gerade einen metallenen Gartentisch mit der Flex. „Den habe ich auf einer Online-Plattform gefunden, und jetzt will ich daraus einen Grill bauen“, sagt die Cannstatterin. Sie strahlt dabei und wirft eifrig wieder den funkenwerfenden Winkelschleifer an.
Yun hat eine handwerkliche Ausbildung und besucht die Werkstatt unregelmäßig. „Wenn es auf der Arbeit stressig ist, komme ich öfters“, erzählt sie. Sie sieht das Umsetzen ihrer Projekte als Zeit, in der sie abschalten kann.