Missbrauch in der Familie

Pelicots Tochter geht gegen ihren Vater vor

Die Tochter des Serienvergewaltigers von Avignon reicht gegen ihn Klage ein. Der Fall offenbart auch ein schwieriges Verhältnis zur Mutter.

Giséle Pelicot (links) und ihre Tochter Caroline Darian verlassen im November 2024 das Gericht in Avignon; die beiden Frauen saßen getrennt im Saal, ohne sich zu begrüßen.

© imago//Dauphin Philippe

Giséle Pelicot (links) und ihre Tochter Caroline Darian verlassen im November 2024 das Gericht in Avignon; die beiden Frauen saßen getrennt im Saal, ohne sich zu begrüßen.

Von Stefan Brändle

Caroline Darian will endlich Klarheit haben. Die 46-jährige Französin reichte am Mittwoch im Pariser Vorort Versailles Anzeige gegen ihren Vater Dominique Pelicot (72) ein. Sie ist überzeugt, dass er sie in ihrer Jugend ebenfalls betäubt und missbraucht hatte. Polizei und Justiz seien diesem Vorwurf aber nie nachgegangen, erklärte Darians neue Anwältin. Bei dem historischen Prozess in Avignon im vergangenen Jahr erhielt ihr Vater wegen Betäubung und Vergewaltigung seiner Frau mit Hilfe von rund 70 Mitangeklagten eine Haftstrafe von zwanzig Jahren. Gisèle Pelicot (72) wurde eine Ikone im Kampf gegen sexuellen Missbrauch.

Caroline fühlte sich während des Prozesses im Schatten ihrer Mutter und war darüber aufgebracht, dass ihr eigener Vergewaltigungsvorwurf nie geprüft worden war. Als Beleg führt sie Fotos an, die ihr Vater erstellt hatte. Darauf trägt sie schlafend eine fremde Unterhose; auf dem Bett liegt sie – offensichtlich bewusstlos – in der gleichen Stellung, in der Dominique Pelicot jeweils auch seine Frau platziert hatte. Dass die Fotos mit Caroline aus verschiedenen Wohnorten der Familie stammen, ist für die Klägerin ein Beweis, dass ihr Missbrauch über eine längere Zeitspanne gedauert habe.

Gisèle Pelicot hat sich nie zu dem Verdacht ihrer Tochter geäußert

Im Prozess in Avignon erklärte Dominique Pelicot die Existenz dieser Bilder damit, dass ihn einer seiner Internetbekannten darum gebeten habe. Er bestritt, sich an seiner einzigen Tochter vergangen zu haben. Während der Gerichtsverhandlung schrie sie ihm in einem der dramatischsten Prozessmomente zu: „Du lügst!“

Am Mittwoch stellte Caroline Darian auch ihr zweites Buch vor, das die „chemische Unterwerfung“ – wie man in Frankreich die Betäubung von Sexualopfern nennt – thematisiert. Noch schmerzhafter werde die Ungewissheit, weil ihre eigene Mutter dazu in dem Prozess geschwiegen habe, meinte die Buchautorin. Gisèle Pelicot hat sich nie zu dem Verdacht ihrer Tochter geäußert. Die beiden Frauen saßen getrennt im Gerichtssaal, ohne sich zu begrüßen. Inzest zerstöre die Familie, führte Caroline in einem Radiointerview diese Woche aus. „Auch wenn meine Mutter wollte, sie kann den Inzest gar nicht anerkennen.“

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Erstellt:
6. März 2025, 15:42 Uhr

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