Schlag gegen organisierte Kriminalität

Polizist aus der Region Stuttgart unter Verdacht – Das sagt ein Mafia-Experte

Bei einer Razzia gehen Hunderte Polizisten gegen die Mafia und ihre Machenschaften vor - und verhaften auch einen Kollegen. Für den Mafia-Experten Sandro Mattioli ist das keine Überraschung.

Bei der Razzia gingen Hunderte Polizisten gegen die Mafia vor. (Symbolbild)

© dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Bei der Razzia gingen Hunderte Polizisten gegen die Mafia vor. (Symbolbild)

Von red/dpa

In Baden-Württemberg wird ein Polizeibeamter wegen möglicher Verbindungen zur Mafia festgenommen. Für den Mafia-Experten Sandro Mattioli ist das keine große Überraschung: „Es entspricht dem Wesen der ’Ndrangheta, Kontaktnetzwerke aufzubauen“, sagte der Journalist und Buchautor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. 

Ziel der Mafiosi sei es, die Ermittlungen gegen sie zu erschweren, erklärt Mattioli. „Wenn sie Teil eines Netzwerkes sind, wird es schwieriger, sie zu verfolgen.“ Insbesondere dann, wenn es sich um freundschaftliche Netzwerke handle. „Mafiosi sind Kriminelle und die wollen natürlich in Ruhe gelassen werden. Da hilft es zu wissen: Ist gerade etwas gegen mich im Busch?“, so der Journalist, der sich seit vielen Jahren mit der Mafia auch in Baden-Württemberg beschäftigt. 

Er gehe nicht davon aus, dass die ’Ndrangheta gezielt überlege, wen sie anspreche. „Das sind eher Verbindungen, die organisch gewachsen sind. Man schaut, wo ist jemand empfänglich für eine freundschaftliche Ansprache.“ So scheint es auch im konkreten Fall in Baden-Württemberg gewesen zu sein. Aalens Polizeipräsident Reiner Möller sagt: „Da gibt es langjährige Beziehungen zwischen dem beteiligten Polizeibeamten und den Mitgliedern aus dieser Organisation.“

Polizeibeamter war seit 2021 unter Verdacht

Beim koordinierten Einsatz der Polizei in Deutschland und Italien gegen die Mafia und organisierte Kriminalität waren am Dienstagmorgen Dutzende Verdächtige festgenommen worden. Es seien 34 Haftbefehle vollstreckt worden, darunter auch einer gegen einen Polizisten aus dem baden-württembergischen Aalen, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei in Waiblingen mit.

Dem 46 Jahre alten Polizeihauptmeister wird demnach Geheimnisverrat vorgeworfen. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Der Verdacht gegen den Polizeibeamten bestand nach Angaben der Ermittler seit 2021. Der Beamte sei danach intern versetzt worden. „So konnten wir sicherstellen, dass keine weiteren Informationen weitergegeben werden“, sagte Möller.

Ähnliche Fälle in Bonn und Hannover

Dass Beamte wegen Verbindungen zur organisierten Kriminalität ins Visier ihrer Kollegen geraten, ist selten - kommt aber vor. In Bonn geriet im August 2024 ein 25-jähriger Polizeikommissar unter Verdacht, Verbindungen zur niederländischen Mocro-Mafia zu haben. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelte gegen ihn wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt, des Verrats von Dienstgeheimnissen und der Bestechlichkeit. 

Im Januar erhob die Staatsanwaltschaft Osnabrück Anklage gegen einen mutmaßlich korrupten Staatsanwalt aus Hannover, der von einer internationalen Kokain-Bande bestochen worden sein soll. Er soll die Rauschgiftbande über Ermittlungsergebnisse informiert und vor einer bundesweiten Razzia im Jahr 2021 gewarnt haben. Für die Informationen soll er 65.000 Euro erhalten haben. 

Experte: Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert

Aus Sicht von Mafia-Experte Mattioli, der auch Vorsitzender des Vereins „mafianeindanke“ ist, gibt es in Deutschland kein ausreichendes Bewusstsein für die Machenschaften der organisierten Kriminalität. „Wir unterschätzen aus meiner Sicht in Deutschland die Mafia dramatisch“, so der Autor. 

Aus seiner Sicht braucht es mehr Strukturermittlungen sowie Gesetze, die es erleichtern, die Mitgliedschaft in der Mafia zu kriminalisieren. Zudem brauche es mehr Einsatz der Zivilgesellschaft. „Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert“, sagte Mattioli. Sie arbeiteten mit deutschen Unternehmen und bewirteten etwa in der Gastronomie deutsche Gäste.

Natürlich könne man nicht sicher erkennen, ob ein Restaurant Verbindungen zur Mafia habe, so Mattioli. „Wenn aber die Pasta acht Euro kostet und ich noch einen Espresso aufs Haus bekomme, kann ich davon ausgehen, dass das Lokal nicht nur auf Profit ausgelegt ist“, so der Experte. Im Umkehrschluss dürfe man aber auch nicht davon ausgehen, dass ein Restaurant keine Verbindungen zur Mafia habe, nur weil es teuer und immer ausgebucht sei.

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Erstellt:
2. April 2025, 08:54 Uhr

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