Region sucht Wege für Verkehr von morgen
Welche Verkehrsmittel nutzen die Menschen in der Region Stuttgart? Eine Befragung soll Aufschluss geben.
Von Christian Milankovic
Stuttgart - Wie bewegen sich die rund 2,8 Millionen Menschen, die in der Region Stuttgart leben? Der Verband Region Stuttgart (VRS) kennt die Zahlen und Daten: allerdings liegt die letzte Analyse, die ins Verkehrsmodell des VRS eingeflossen ist, 15 Jahre zurück. Deswegen will der Verband wieder genau hinsehen und erhebt in diesem Jahr Daten zum Verkehrsverhalten von 5000 Haushalten in der Landeshauptstadt Stuttgart und den Kreisen Ludwigsburg, Rems-Murr, Esslingen, Göppingen und Böblingen.
„Wir wollen die Verkehrsströme verstehen, unsere Planung optimieren und die Verkehrswende voranbringen“, sagt Regionaldirektor Alexander Lahl. Die Befragung sei „eine entscheidende Weichenstellung für den regionalen Nahverkehrsplan“.
Um eine valide Datenbasis zu bekommen, ist der Verband auf das Mitwirken der Bürger angewiesen. Ende März verschickt der VRS Briefe an zufällig ausgewählte Haushalte mit der Bitte, sich an der Erhebung zu beteiligen. „Wer mitmacht, muss eine Woche lang ein Wegetagebuch führen“, sagt Klaus Lönhard, Referent für Regionalverkehrsplanung beim Verband. Darin werden alle Wege protokolliert, die die Mitglieder eines Haushalts in einer Woche zurücklegen. Notiert werden sollen jeweils Start und Ziel der Wegstrecke, die Uhrzeit, der Grund fürs Unterwegssein und das genutzte Verkehrsmittel.
Die Rückmeldungen können online oder telefonisch abgegeben werden. „Wir prüfen die Daten, anonymisieren sie und vernichten die Originale“, sagt Nadine Müller, Referentin für Regionalverkehrsplanung. Der Datenschutz sei gewährleistet, die Teilnahme freiwillig. Wer mitmacht, kann Preise wie eine Erlebniscard der Region Stuttgart oder Gruppentickets für das Netz des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) gewinnen. Die Befragung erfolgt in zwei Zeiträumen zwischen April und Juni sowie zwischen September und November.
Der Ausbau von Schienenwegen und Straßen berge „großes Krawallpotenzial“, sagt Thomas Kiwitt, Planungschef der Region. „Verkehrsinfrastruktur ist sehr teuer. Wir haben es mit grotesk langen Realisierungszeiträumen zu tun, bei denen das Jahrzehnt schon fast die kleinste Einheit ist.“ Wenn man die betroffenen Kommunen, in deren Hoheit man eingreife, aber auch Geldgeber beim Land, Bund und der EU überzeugen wolle, sei eine valide Datenbasis nötig.
Es habe in den zurückliegenden Jahren Verschiebungen im Verkehrssektor gegeben. Dazu habe die Möglichkeit beigetragen, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber auch der demografische Wandel mache sich bemerkbar. Die Gruppe der unter 18-Jährigen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, schrumpfe. Dafür gebe es mehr noch sehr rege Menschen, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Frei von Verpflichtungen seien die in ihrem Mobilitätsverhalten „unberechenbar, weil hochgradig spontan“, sagt Kiwitt. Ob es auf die Alb zum Wandern oder in die nächste große Stadt zum Einkaufen, werde kurzfristig entschieden. Diese Art des Freizeitverkehrs summiere sich auf jährlich 5,2 Milliarden Personenkilometer.
600 000 Euro investiert die Region in die Befragung, das neue Verkehrsmodell, das im Frühjahr 2027 zur Verfügung stehen soll, wird rund 1,2 Millionen Euro kosten – für Kiwitt gut investiertes Geld. Denn das Modell erlaube, die Wirkung einzelner Aus- oder Neubaumaßnahmen präzise vorauszusagen.