Sensationsfund in Wien

Römisches Massengrab mit Soldaten aus dem Jahr 92. n. Chr. entdeckt

Ein seltenes Massengrab zeugt von einer Schlacht, die womöglich die Initialzündung des Legionslagers Vindobona war und damit am Beginn der Wiener Stadtgeschichte stand.

Vindobona: Legionslager und Lagervorstadt (canabae legionis), Ende 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr..

© Stadtarchäologie Wien/Martin Mosser

Vindobona: Legionslager und Lagervorstadt (canabae legionis), Ende 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr..

Von Markus Brauer/dpa

Bei der Renovierung eines Simmeringer Sportplatzes in der österreichischen Hauptstadt Wien stieß man im Herbst auf ein Massengrab aus römischer Zeit, wie sich herausstellte. Die eilig vergrabenen Überreste von rund 150 Männern weisen auf heftige Kampfhandlungen hin. Wahrscheinlichster Zeitpunkt: Das Jahr 92 n. Chr..

Wo heute Teile des Ersten Wiener Gemeindebezirks zu finden sind, befand sich zu jener Zeit das römische Militärlager Vindobona. Ausgerechnet weit vor den Toren des Stützpunktes, der als Kern der späteren Stadtentwicklung gilt, eröffneten sich im Nachgang von Baggerarbeiten bei der Sanierung des „Ostbahn-XI“-Sportplatzes in der Simmeringer Hasenleitengasse in der Nähe des Zentralfriedhofes ganz neue Perspektiven auf die Stadtgeschichte, erklärt der Wiener Museum-Direktor Matti Bunzl.

Erstaunlicher und „gruseliger“ Fund

Die Skelette der einstigen Soldaten weisen allesamt deutlich sichtbare Kampfverletzungen auf, die ihnen mit Geschossbolzen und allerlei Hieb- und Stichwaffen beigebracht wurden auf, erklären die Archäologin Michaela Kronberger vom Wien Museum und die Leiterin der Stadtarchäologie Kristina Adler-Wölfl.

Nie hätte man dort mit einem römischen Fund gerechnet, vor allem weil zur damaligen Zeit eigentlich Brandbestattung betrieben wurde. Daher liegt der Schluss nahe, dass die Auffindesituation auf große Eile und Furcht vor weiteren Angriffen bei den hastigen Bestattern schließen lässt.

Das Bild, das sich bot, wirkt auch rund 2000 Jahre später schauderhaft, meint Michaela Binder von der an der „Rettungsgrabung“ beteiligten Novetus GmbH: Ihr habe „total gegruselt“.

Junge, gesunde Soldaten mit Gardemaß

Man dürfe nicht vergessen, dass der „unglaubliche Fund“ aus den Überresten von großteils zwischen 20- und 30-jährigen Männern in vergleichsweise gutem allgemeinen Gesundheitszustand bestehe, die „auf grausamste Weise hingeschlachtet wurden“. Man müsse daher auch bei der Bergung und Aufarbeitung möglichst pietätvoll vorgehen, betont Binder.

Für Martin Mosser von der Wiener Stadtarchäologie liegt der wahrscheinlichste Grund für den Gewaltausbruch unter den für damalige Zeit mit den Gardemaß vom im Schnitt 1,70 Metern ausgestatteten Soldaten in den „Donaukriegen“ unter dem römischen Kaiser Domitian, der vom Jahr 81 bis 96 n. Chr. herrschte.

Viel ist nicht überliefert von den auch von Einfällen von Germanenstämmen jenseits der Grenze – des „Donaulimes“ – gekennzeichneten Kämpfen. Der Kaiser habe Informationen dazu vermutlich unterdrückt.

Spärliche historische Informationen

In einer historischen Quelle ist vom Verlust einer ganzen Legion um das Jahr 92 n. Chr. zu lesen, wenn auch nur in einem einzigen Satz, wie Mosser erläutert. Das nun entdeckte Massengrab, das für Mitteleuropa einzigartig sei, „dürfte damit in Zusammenhang stehen“.

Solche dramatischen Vorfälle könnten letztlich dazu geführt haben, dass das zuvor eher untergeordnete Lager Vindobona unter Kaiser Trajan später massiv ausgebaut wurde und zum Keim für die heutige Millionenstadt werden konnte, betonen die Experten.

Funde mit „militärischem Kontext“

Zum „Aha-Erlebnis“, dass man es hier tatsächlich mit römischen Soldaten zu tun hat, kam man beim Betrachten einer Röntgenaufnahme eines Dolchs inklusive Dolchscheide – einem der wenigen Bei-Funde vor Ort, wie der stellvertretende Leiter der Stadtarchäologie, Christoph Öllerer, darlegt.

Die Verzierungen des stark verrosteten Artefakts weisen eindeutig auf das späte erste Jahrhundert hin. Neben dem Dolch fand man etwa auch zwei Lanzenspitzen, Teile eines Schuppenpanzers, Schuhnägel der charakteristischen Sandalen oder eine Helmklappe, die alle „militärischen Kontext“ aufweisen und „schwer römisch“ aussehen, sagt Öllerer.

Zum Artikel

Erstellt:
2. April 2025, 15:56 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2025, 16:06 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen