„Wilde Ökologie“ in der Rampe
Pickt kaputt, was euch kaputt macht!
Das Live-Hörspiel „Wilde Ökologie“ des Performancekollektivs Apokalyptische Tänzerin*nen entwirft in der Stuttgarter Rampe eine Utopie von Mensch und Natur – und klärt die Frage, ob Putin eine Papaya heiraten darf.

© Theater Rampe/Dominique Brewing
Revolutionäre Meisen: Das Performancekollektiv Apokalyptische Tänzerin*nen verkleidet sich im Theater Rampe kurz mal als Punkband.
Von Swantje Kubillus
Wie wäre die Welt, wenn Kapitalismus und Klimakrise eines Tages überwunden wären? Wohin mit den Politikern, gäbe es keine Regierungen und die Natur würde neue gesellschaftliche Lebensrealitäten schaffen? Wie könnte sich die Zivilisation weiterentwickeln? Fragen, denen am Donnerstagabend das Performancekollektiv Apokalyptische Tänzerin*nen im Theater Rampe zur Uraufführung von „Wilde Ökologie“ nachgegangen ist.
Mona Hempel, Jasmin Schädler und Calendal haben ein performatives Live-Hörspiel konzipiert, bei dem Natur und Mensch in neue und alte Rollen schlüpfen. Ein immersives Erlebnis, das sich feinfühlig zwischen Gemeinschaftssinn, Popkultur und Zukunftsfragen bewegt. Die Marseillaise klingt hier ebenso an, wie „I Like to Move It“ und die „Internationale“. Visuelle Kunst und auditive Elemente gehen ineinander über und schaffen vor einer live inszenierten Geräuschkulisse ein Theatererlebnis, das zum Nachdenken anregt.
Katsching! Arrr! Diuiu!
Feuer, Luft und Vogelzwitschern umrahmen die Comic-Erzählung „Kleiner Auszug aus der wilden Ökologie“ (2023), die dem Stück zugrunde liegt, und aus der Feder des Kognitionswissenschaftlers Alessandro Pignocchi stammt. Natur und Kultur zusammen zu denken, lehnt hier an den französischen Anthropologen Philippe Descola an. Wie in einer Pressekonferenz kommt die Schau der munteren Tier- und Menschverbindungen daher und berichtet aus einer utopischen Welt, in der Neoliberalismus und Klimakrise überwunden sind und die Idee einer neuen solidarischen Gesellschaftsordnung entsteht. Wir befinden uns im Jahr 2028. Katsching! Arrr! Diuiu! Das Publikum entscheidet mit beim demokratischen Prozess, per Klopfzeichen auf Stein, Gehölz und Nuss.
Der gut sechs Meter lange Ast eines Baumes zieht sich durch den Saal, er kommt aus Büsnau, unterhalb des Bärensees, erzählen sie. Die Natur, sie ist bereits eingekehrt. Dann erzählen sie vom Animismus und geben Schweinen, Fröschen und Kühen eine Stimme. „Schön, so ein Baum im Theater!“, heißt es da.
Macron, Merkel, Trump und Putin kommen zu Wort, wie auch eine Gruppe anarchistischer Meisen, die sich neben der philosophischen Gesellschaftsanalyse auch mal zur Punk-Band formatiert und an den Klassiker der Band Ton Steine Scherben angelehnt, singt: „Pickt kaputt, was euch kaputt macht!“
Publikum wird Teil einer neuen Gemeinschaft
„Wilde Ökologie“ wird zum eindringlichen Erlebnis, bei dem das Publikum Teil einer neuen Gemeinschaft ist. Mal ist es hell, mal andächtig grün-gold-warm im Raum. Das Tempo bewegt sich zwischen rasant und flapsig langsam, dabei präzise auf den Punkt. Eine Lotusflöte, deren Ton man auch aus Trickfilmen kennt, leitet den Wechsel zwischen Geräuscherei und Comic-Lesung ein. Und die Frage, ob Putin auch eine Papaya heiraten dürfe, stellt sich dieser Tage vielleicht auch noch mal ganz neu. Es ist keine Weltflucht im Wechselspiel der Rollen, vielmehr ist es die Begegnung in einem Theater der Möglichkeiten.
Die Apokalyptischen Tänzerin*nen: Wilde Ökologie. Weitere Vorstellungen am 7. und 8. März, jeweils um 20 Uhr im Theater Rampe