Mannheim
Schreckschusspistolen sind kein Spielzeug
Gas- und Signalwaffen haben es in sich: Der Amokfahrer von Mannheim hat einen Schuss in den eigenen Mund überlebt, obwohl sie auch den Schädelknochen durchdringen können.

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Schreckschusswaffen sind in Sachen Durchschlagskraft näher an Waffen mit scharfer Munition, als viele denken .
Von Michael Maier
Wie gefährlich sind Schreckschusspistolen? Handelt es sich nur um eine Art Silvester-Gadget für Böller-Begeisterte oder um ein handfestes Risiko für die Allgemeinheit? Von Faschingspistolen für Kinder unterscheiden sich die heutzutage für Selbtsverteidigungszwecke relativ weit verbreiteten Gaspistolen jedenfalls ganz erheblich.
Die Ereignisse von Mannheim führen die potenzielle Gefahr durch Schreckschusswaffen vor Augen: Amokfahrer Alexander S. bedrohte mit einer solchen Waffe nicht nur einen couragierten Taxifahrer, der ihn stoppen wollte, sondern richtete sie auch gegen sich selbst - ohne aber im Besitz des erforderlichen Kleinen Waffenscheins zu sein.
Der Vorfall wirft erneut die Frage auf, wie der Umgang mit diesen vermeintlich harmlosen Waffen reguliert werden kann. In Baden-Württemberg steigt die Zahl der Menschen mit Kleinem Waffenschein kontinuierlich an. Im Jahr 2023 waren erstmals über 100 000 solcher Waffenscheine registriert – mehr als doppelt so viele wie noch 2014.
Großer Waffenschein verliert an Bedeutung
Diese Entwicklung beobachten Innenministerium und Polizei mit Sorge, während die Zahl der Großen Waffenscheine – etwa für Profis oder besonders gefährdete Personen – in den letzten Jahren laut Recherchen unserer Zeitung von mehr als 2000 auf unter 400 gesunken ist. Nicht mitgerechnet sind dabei Jagdwaffen, die entsprechend spezieller Vorschriften mit Jagdschein erlaubt sein können.
Potenziell tödliche Schreckschusswaffen
Obwohl Schreckschusswaffen keine echten Projektile verschießen, können sie durchaus gefährlich sein. Der bei der Detonation austretende Gasstrahl kann auf kurze Distanz schwere Verletzungen verursachen und sogar tödlich sein.
Experten warnen daher vor einem falschen Sicherheitsgefühl durch diese Waffen, die im Fachjargon als „Schreckschuss-, Gas- und Signalwaffen“ bezeichnet werden. Der Gasstrahl könne sogar Knochen durchdringen – etwa den Schädel, erläutert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf ihrer Seite.
Schreckschusswaffen nur mit Kleinem Waffenschein
Der Besitz von Schreckschusswaffen ist ab 18 Jahren erlaubt, sofern sie ein PTB-Prüfsiegel tragen. Zum Führen außerhalb des eigenen Grundstücks ist jedoch ein Kleiner Waffenschein erforderlich. Dieser kostet etwa 150 Euro und wird nur nach einer Zuverlässigkeitsprüfung erteilt. Die Behörden prüfen dabei unter anderem die persönliche Eignung und kontrollieren diese mindestens alle drei Jahre erneut.
Fakten zum Kleinen Waffenschein
- Schießen nur auf eigenem Grundstück oder Schießstand erlaubt
- Auch zum Mitführen von Patronen ein Waffenschein nötig
- Regelmäßige behördliche Kontrollen vorgeschrieben
Polizei skeptisch bei Schreckschusswaffen
Die Polizei rät grundsätzlich vom Tragen von Waffen ab. In Konfliktsituationen führen diese oft zu einer gefährlichen Eskalation statt zu mehr Sicherheit, heißt es. Auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring kritisiert die leichte Verfügbarkeit von Schreckschusswaffen und fordert strengere Regelungen.
Das Üben mit Schreckschusswaffen ist nur auf dem Schießstand erlaubt. An Silvester darf damit auch auf dem eigenen Grundstück geschossen werden. Dabei geht es vor allem um das Thema Lärmbelästigung, doch die Polizei hat ein strenges Auge darauf. So gab es wegen „Ballern im Garten“ 2023 sogar einmal einen SEK-Einsatz im Rems-Murr-Kreis. Auch in der „Reichsbürger“-Szene sollen Schreckschusspistolen zirkulieren – teils legal, teils illegal.