Polizistenmord in Mannheim

Sulaiman A.: „Ich wollte Menschen töten“

Im Prozess um den Mannheimer Polizistenmord beschreibt der Angeklagte, wie er sich radikalisierte und schließlich den Polizisten Rouven Laur ermordete.

Der Angeklagte Sulaiman A. beim Prozessauftakt vor zwei Wochen

© dpa/Marijan Murat

Der Angeklagte Sulaiman A. beim Prozessauftakt vor zwei Wochen

Von Franz Feyder

Sie sind alle gekommen: Eine Schulklasse, aktive und pensionierte Polizisten, Islamkritiker, Neugierige. Die Journalisten, die sonst nur am ersten und letzten Tag eines Prozesses den Weg ins Gericht finden. In der Stammheimer Außenstelle des Oberlandesgerichtes Stuttgart war also Wichtiges zu erwarten.

Sulaiman A., 1999 im west-afghanischen Herat geboren, wollte zu der Bluttat aussagen, derer er seit dem 31. Mai 2024 beschuldigt wird. Einen Menschen, den Polizisten Rouven Laur, soll er auf dem Mannheimer Marktplatz so schwer verletzt haben, dass der zwei Tage später verstarb. Er soll zudem versucht haben, fünf weitere mit einem Messer zu ermorden. Diese Männer wurden bei der Tat auf dem Mannheimer Marktplatz zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Jetzt sitzt Sulaiman A. im hellen Sitzungssaal 1 des Gerichts vor der Richterbank. Schwarzes Haar, gepflegter Bart, der bis aufs Schlüsselbein fällt. Runde, goldene Brille. Schwarze Jacke und Hose, weiße Sneaker. Er erzählt mit ruhiger Stimme. Schaut dabei das Mikrofon an, hebt nur ab und an den Blick zu Herbert Anderer, dem Vorsitzenden Richter des 5. Strafsenats.

Er habe 2023, 2024 viele Nachrichten und Videos aus dem Gaza-Streifen angeschaut. Die Bilder Verstümmelter, Zerfetzter, Toter, von weinenden Eltern und Kinder, „da habe ich mit geweint. Ich habe nie soviel geweint.“ Er habe sich immer stärker für die islamische Religion interessiert und im Internet den Rat muslimischer Gelehrter gesucht. Und sei so an „OR“ geraten, einem Online-Prediger, dessen wahre Identität die Polizei nie klären konnte. Der, so A., sei „sehr, sehr radikal gewesen“.

Den mysteriösen IS-Prediger verortet der Angeklagte in Afghanistan

Ihn verortet A. in Afghanistan oder Pakistan. Denn: Im Hintergrund sei bei seinen Gesprächen immer „tiet, tiet“ zu hören gewesen. A. imitiert das in Städten am Hindukusch Tag und Nacht zu hörende Hupgeräusch von Motorrädern.

„OR“ habe ihn bestärkt, wie ein Mudschahid gewaltsam den Islam zu verteidigen. „Man darf Menschen töten, man darf einen Polizisten töten, man bekommt eine Belohnung dafür. Es ist Gottes Wille“, habe OR gepredigt - und ihn fasziniert. So sei die Idee entstanden, Michael Stürzenberger töten zu wollen.

Stürzenberger, 60 Jahre alt, früherer Pressesprecher der CSU München, kritisiert seit Jahren öffentlich auch mit Informationsständen der Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) den politischen Islam. Das bayrische Landesamt für Verfassungsschutz wirft der Gruppe „verfassungsschutzrelevante Islamfeindlichkeit“ vor.

„Mache Deine Gegend zu Gaza“

„Mache Deine Gegend zu Gaza“, habe „OR“ ihm geraten, als Sulaiman A. ihn fragte, ob man in Deutschland und den USA Ungläubige töten dürfe. Weil die doch Israel unterstützten, das nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 Krieg im Gazastreifen führte. „Ab da war ich entschlossen, Herrn Stürzenberger zu töten - leider“, erzählt A.

Er habe sich „Tag und Nacht über Religion informiert“. Zweifel an seinem Vorhaben habe OR zerstreut: „Jeder, der [ungläubige - die Red] Menschen tötet, ist ein Mudschahid.“ A. schildert, wie er sich in der virtuellen Welt radikalisierte – ab Frühjahr 2024 wie er behauptet. Anderer kontert: „Sie neigen dazu, ein paar Ereignisse nach hinten zu legen.“ So leitete A. im April 2023 Sprachnachrichten mit IS-Propaganda an seine Cousine weiter, in denen den Taliban vorgeworfen wird, wegen ihrer Verträge mit den USA „gegen den Islam“ zu sein.

Länger radikalisiert, als der Angeklagte einräumt

Im gleichen Jahr im August habe er ein Youtube-Video mit dem Satz unterschrieben: „Ich hoffe, dass Gott uns zu Märtyrern macht.“ Daran könne er sich nicht erinnern, sagt A. Und beharrt, es nur auf Stürzenberger abgesehen zu haben. Was sein Plan gewesen sei, wenn er den nicht alleine antreffen würde, sich ihm andere in den Weg stellen würden, will Anderer wissen. „Daran habe ich nicht gedacht.“

Als er gesehen habe, dass Stürzenberger nicht alleine gewesen sei, dass gar Polizisten am Marktplatz waren, habe er einen anderen Prediger anrufen wollen. „Ich wollte fragen, da ist der Islamhasser und Polizisten, soll ich stechen.“ Aber es sei niemand ans Telefon gegangen.

Zustechen, am besten am Kopf

Er sei auf den Stand losgegangen. „Ich wollte ihn stechen.“ Das habe er dann getan, mehrere Male, „am besten am Kopf.“ Mit seinem Opfer ging er zu Boden. Er sei überrascht gewesen, dass der Angegriffene sich später noch habe aufrappeln können. Andere eilten herbei. Schwarze Beine, „ich habe alle gestochen“, beschreibt Sulaiman A.. Er könne sich nicht erinnern, ob er darüber nachdachte, zu fliehen. Die ihm gezeigten Fotos der Bluttat riefen keine Erinnerung in ihm hervor. Auch nicht, wie oft er auf wie viele Menschen wohin einstach. „Ich habe einfach gestochen.“

Wieder auf Stürzenberger. Keine Erinnerung, ob er noch fliehen wollte. Wieder sei er mit seinem Opfer zu Boden gegangen. Irgendwann kam er auf die Beine. Gerade als sich Laur in der unklaren Lage auf einen späteren Zeugen stürzt. Er ignoriert die anderen herbeieilenden Polizisten, wendet sich Rouven Laur zu – und sticht zu: „Ich habe etwas Schwarzes gesehen und gedacht, jetzt muss er sterben.“

Sulaiman A. sagt im Wesentlichen das aus, was die Ermittler des Landeskriminalamtes bereits herausgefunden hatten. Der für die Ermittlungen verantwortliche Kriminalist sagte bereits aus, A. habe mit großer Akribie versucht, die Spuren seiner Tat zu verwischen. Das Mobiltelefon, das der 26-jährige vor der Bluttat nutzte, fand die Polizei bis heute nicht. Jenes, das er kurz vor der Tat in Betrieb genommen habe, sei weitestgehend gelöscht gewesen. Die Sim-Karte sei ebenfalls bis heute nicht gefunden worden.

Gottes Gesetz steht über dem der Menschen

Er habe, sagt A., sein eigentliches Handy in Papier gewickelt und auf seinem Weg nach Mannheim in einem Altpapiercontainer versteckt. Das andere Telefon sei das Spieltelefon seiner kleiner Tochter gewesen. In das habe er die Sim-Karte gelegt, später habe er die in Mannheim vor der Tat am Marktplatz zerbrochen und weggeworfen.

Anderer ließ nicht locker, drängte fragend nach. Warum A. seit 2022 Videos des IS speicherte, wo er doch berichtete, er habe die Gewaltfilme eigentlich verabscheut. Er habe sie aufheben wollen. Was ihm am IS gefalle? „Am IS gefällt mir, ist dass er Gottes Gesetze befolgt.“ Dessen Gesetze stünden über denen, die von Menschen gemacht werden.

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Erstellt:
25. März 2025, 17:04 Uhr
Aktualisiert:
25. März 2025, 18:36 Uhr

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