Konzert in Stuttgart
Umarmende Bardin in kontrollierter Ekstase
Die frankokanadische Sängerin Dominique Fils-Aimé hat mit ihrer betörenden Stimme den Jazzclub Bix verzaubert.

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Dominique Fils-Aimé bei einem Konzert im vergangenen Sommer in Berlin.
Von Bernd Haasis
Es dauert nicht lange, da fliegen Dominique Fils-Aimé die Herzen nur so zu: Wie eine Magierin beschwört sie mit den Händen die Klänge, während sie in allen Stimmlagen eindringliche Botschaften variiert. Um Liebe unter den Menschen geht es der Sängerin aus Montreal, viel Liebe, und um die Freiheit, man selbst sein zu dürfen.
Im Pailettenkleid mit langen geflochtenen Zöpfchen und allerlei Schmuck, der den friedvollen Geist von 1968 reflektiert, hält sie ihre betörende Stimme, ihre Arme, ihre Hände permanent in Bewegung. Sie interpretiert ihre Postulate auf vielerlei unterschiedliche Arten – „My love will grow!“, „Our roots run deep!“ oder einfach nur „Freedom!“.
Als wollte sie diktatorische Intoleranz wegsingen
Immer wieder arbeitet sie sich beim Konzert im Bix am Mittwochabend in eine Art kontrollierte Ekstase hinein. Um noch mehr Nachdruck zu entfalten, nimmt sie manchmal ihre Stimme live mit einem Looper auf und schichtet immer neue Melodien zu einem großen Chor auf. Auf angenehme Art aus der Zeit gefallen wirken ihre hohepriesterlichen Verkündigungen der Menschlichkeit – als wollte sie diktatorische Intoleranz und darwinistische Anarchie einfach wegsingen.
Soul, Blues, Gospel und Folk mischen sich bei Dominique Fils-Aimé auf organische, kaum zu greifende Weise – sie nehmen eine erhabene neue Form an. Die Musik ist dramaturgisch arrangiert und erscheint dabei spontan improvisiert. Die vierköpfige Begleitband – Gitarre, Keyboards, Bass und Schlagzeug – errichtet eine hypnotisch pulsierende Klangkulisse um die über allem schwebende Stimme und sorgt mit virtuosen Soli für Abwechslung.
„Seid kreativ“, mahnt sie das Publikum
In „Home“ flicht Dominique Fils-Aimé ein wenig französische Pop-Poesie in ihre englischsprachige Musik mit ein: Während sie sich so beschwingt fühlt, als könne sie über Wasser gehen, erkennt sie „la couleur de ton âme“ (die Farbe deiner Seele).
Ein veritables Chanson hat sie komplett in ihrer Muttersprache geschrieben, und sie verwandelt sich in eine Flaneurin auf den Straßen von Paris, während sie „Moi, je t’aime“ intoniert.
Die frankokanadische Bardin umarmt ihre Zuhörerinnen und Zuhörer mit jeder Note, sie umspinnt sie mit einem wärmenden musikalischen Kokon, in dem eine jede und ein jeder sich ganz in die Musik fallen lassen kann. „Seid kreativ!“, ruft sie zum Abschied den begeistert applaudierenden Menschen im ausverkauften Stuttgarter Bix zu – „und wenn euch jemand sagt, ihr hättet einen Ton nicht getroffen, behauptet ihr einfach, das wäre Jazz!“