Fotoausstellung Volker Hinz in Stuttgart

Unvergessene Bilder der Bonner Republik

Die Stuttgarter Galerie Hartmann Projects präsentiert in „Volker Hinz – EinBlick“ politische Porträts des Hamburger „stern“-Fotografen. Besonders spannend ist, was die Fotos über das Verhältnis von Medien und Politik erzählen.

Helmut Kohl auf Wahlkampftour in Schleswig-Holstein im Legoland Sierksdorf, 1976

© BSB Bildarchiv Volker Hinz

Helmut Kohl auf Wahlkampftour in Schleswig-Holstein im Legoland Sierksdorf, 1976

Von Ulla Hanselmann

Vor der Bundestagswahl 2025 waren die Topvertreter der Parteien bei fast einem Dutzend Fernsehdebatten zu erleben. Noch nie gab es so viele TV-Events zur Wahl in einem so kurzen Zeitraum. Man sah sie reden, argumentieren, fachsimpeln, lächeln, weiterreden.

Ist man ihnen dadurch nah gekommen? Hat man besser verstanden, was für ein Mensch sich hinter dem Politiker, der Politikerin verbirgt? Wohl eher nein.

Ganz anders, wenn man die neue Fotoausstellung der Galerie Hartmann Projects in Stuttgart besucht: 33 Fotografien sind dort in der Schau „Volker Hinz – EinBlick“ versammelt. Die Schwarz-Weiß-Bilder des „stern“-Fotografen zeigen prominente Vertreter der Politik, vielfach aus der Zeit der Bonner Republik. Ein paar wenige Aufnahmen jüngeren Datums sind darunter, Angela Merkel, 2004; Olaf Scholz als Hamburger OB, 2015. Doch egal, wie viel Zeit seit der Aufnahme vergangen, wie fern das Fotografierte geografisch ist: Der Betrachter rückt ganz nah heran an die Personen, meint, sie beinahe fühlen, einen Zipfel von ihrem Wesen erhaschen zu können.

Privater geht es kaum

Der Hamburger Fotograf Volker Hinz (1947–2019), der knapp vier Jahrzehnte für das Magazin „stern“ fotografierte, erhellte das Politikbusiness und dessen Protagonisten aus der Binnenperspektive. Man sieht pfeifequalmende (Herbert Wehner) und kungelnde (Willy Brandt, Helmut Schmidt) Köpfe, man sieht einen Helmut Kohl, wie er im Regenmäntelchen durchs Legoland in Schleswig-Holstein stapft – was man als Wahlkämpfer alles so mitmacht. Man sieht, wie Helmut Kohl und Helmut Schmidt, diese grimmigen Gegenspieler, bei einem Bundespresseball richtig Spaß miteinander haben. Wie Joschka Fischer 1987 mit der Tochter auf dem Knie auf dem Sofa Fußball guckt. Privater geht es kaum.

Aus Hinz’ Fotos spricht manchmal Komik, manchmal Tragik, oft leise Ironie, immer Wahrheit. Übergriffig, verletzend sind sie nie. Es sind „Zeugnisse aus einer Zeit, in der Medien wie der ,stern’ einen dezidiert aufklärerisch-kritischen Anspruch vertraten und dies nicht nur mit Text, sondern vor allem auch mit Bildern“ wie Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek München im Grußwort des Begleitbands zur Ausstellung schreibt. Die Galerie Hartmann Projects, die bei der Auswahl ihrer Fotoschauen ein feines Händchen hat, hat die Ausstellung aus München übernommen. Henriette Väth-Hinz hatte 2021 das Fotoarchiv ihres Mannes nach dessen Tod 2019 an die Bayerische Staatsbibliothek übergeben. Das Haus verfügt über das analoge Fotoarchiv des „stern“ mit 15 Millionen Bildern.

In der Schau findet man Aufnahmen, die ins visuelle Gedächtnis der Nation eingesickert sind. Ein solches ist das Porträt von Willy Brandt beim SPD-Parteitag 1983 in Hamburg, bei dem die Genossen um die Position zum Nato-Doppelbeschluss rangen: Brandts Gesicht zerfurcht, der geneigte Kopf beschwert von der Bürde der Tragweiten und der Last der Widersprüche, der Blick nach innen gekehrt. Der Fotoreporter Volker Hinz verstand sich auf die Verdichtung von Charakterzügen, erspürte oft symbolhafte Momente, adelte seine Kamera zum „Auge der Geschichte“, eine Umschreibung der US-Fotografen-Legende Mathew Brady.

Hinz’ Aufnahmen – er fotografierte ausschließlich mit der Hasselblad auf Farb- oder Schwarz-Weiß-Negativmaterial – dringen bis zum Kern des Objekts vor, geben Einblick – auf einen Blick. Insofern ist der Ausstellungstitel klug gewählt; aus dem Untertitel „Als Willy Brandt Bundeskanzler war . . .“ wiederum spricht ein Augenzwinkern, er zitiert einen Song von Funny van Dannen. Volker Hinz selbst hatte für seine Fähigkeit, im richtigen Augenblick zur Stelle zu sein, selbst einen Begriff geprägt: „hinznah“.

Was die Bilder immer miterzählen, ist das Verhältnis von Medien und Politik und wie dramatisch es sich gewandelt hat. In den Jahren der Bonner Republik war es geprägt von Nähe, von ungeschriebenen Regeln, an die sich beide Seiten hielten. Eine vertrauensbildende Maßnahme, die Hinz nutzte, um mit den Kameras, die stets vor seiner Brust baumelten, ins Private vorzudringen, bis ins Eigenheim, in familiäre Kreise. Loki Schmidt pinnt im Urlaub am Brahmsee die Wäsche an die Wäschespinne. Helmut Schmidt scherzt herzhaft lachend mit seinem Vater in dessen Zimmer im Seniorenheim, hält ihn dabei an der Hand.

In der heutigen Medienwelt sind solche Bilder unvorstellbar. Galerist Markus Hartmann: „Heute werden die Auftritte und das öffentliche Bild von Politikern und Politikerinnen von einem Heer an Beratern und Assistenten minutiös geplant.“

Vom Amateur zum „stern“-Reporter

Unvorstellbar auch, wie Hinz’ Karriere begann: Für den gelernten Elektromechaniker war die Fotografie zunächst Hobby. Als junger Mann verkaufte er seine Fotos, die er ohne Auftrag schoss, an Zeitungen und Magazine. Dann vertraute ihm 1971 Sven Simon, der Sohn des Verlegers Axel Springer, die Leitung einer neu gegründeten Bildagentur in Bonn an – es war die Eintrittskarte zu einer phänomenalen Fotografenkarriere. 1974 wechselte Hinz zum „stern“, dem er bis 2012 treu blieb. In seiner Zeit als New Yorker Fotokorrespondent des Magazins war er für große Reportagen in den USA und anderen Ländern unterwegs, auch aus dieser Phase sind etliche Fotos zu sehen. Das einzige Farbbild in der Schau zeigt einen einsam telefonierenden Michail Gorbatschow, 2004 hinter den Kulissen des Hamburger Congress Centrums. Wer durch die 33 Fotos auf den Geschmack gekommen ist, wird mit dem begleitenden, im Verlag Hartmann Books erschienenen Fotoband glücklich werden.

Infos und Termin

Ausstellung „Volker Hinz – EinBlick. Als Willy Brandt Bundeskanzler war... Bis 28. März. Galerie Hartmann Projects, Liststraße 28/1, Stuttgart. Geöffnet Di–Fr 14–18 Uhr, samstags variabel.

GesprächAm Samstag, 22. März, 16 Uhr, spricht Henriette Väth-Hinz mit Sarah Dahme über Volker Hinz und die Pressefotografie während der Bonner Republik. Anmeldung per Mail an info@hartmannprojects.com.

Zum Artikel

Erstellt:
4. März 2025, 16:43 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen