Verdi: Gut 4000 Streikende allein in Stuttgart
Die womöglich entscheidenden Tarifverhandlungen könnten sich bis Anfang nächster Woche hinziehen.

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Lautstarker Protest auf dem Schlossplatz: Trommeln für mehr Lohn.
Von Matthias Schiermeyer
Stuttgart - Nichts geht mehr in der Stadtbahnhaltestelle. „Die SSB wird bestreikt!“, heißt es auch hier auf den Anzeigedisplays. Und die Taube auf dem SOS-Kasten mag auch nicht mehr auf eine Bahn warten. Oben hingegen, auf dem Schlossplatz, bieten Tausende Protestteilnehmer ein lebhaftes Bild mitsamt großer Geräuschkulisse – es sind Streikende aus allen möglichen Bereichen des öffentlichen Dienstes in der Stadt.
Es geht auf die entscheidende Phase des Tarifkonflikts im öffentlichen Dienst zu. Mit zwei Streiktagen will die Gewerkschaft noch einmal ihre ganze Organisationskraft beweisen. Deutlich mehr als 4000 Streikende zählt Verdi am ersten Tag allein in Stuttgart – gut 10 000 landesweit. Am Freitag geht es weiter, wobei die Bahnen und Busse der SSB dann wieder fahren sollen.
Vielleicht ist es auch noch gar nicht das Ende der Konfrontation. Christine Behle, als stellvertretende Vorsitzende von Verdi auch Co-Verhandlungsführerin, stimmt die Menge darauf ein, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber am Wochenende in Potsdam uneins bleiben könnten. „Wir werden alles dafür tun, dass wir zu einem Ergebnis kommen“, sagt Behle. „Doch möglicherweise wird es kein Ergebnis geben.“ Zumindest richten sich die Unterhändler beider Seiten schon darauf ein, dass auch am Montag noch verhandelt wird und zwar „open end“, also bis in die Nacht zu Dienstag hinein. Die Hotelbuchungen wurden schon verlängert.
Immer lauter ist auch von einer Schlichtung die Rede, was bei Verdi keine Begeisterung auslöst, weil die Gegenseite den früheren Ministerpräsidenten von Hessen, Roland Koch (CDU), dafür nominiert haben – derweil für die Gewerkschaft wieder der frühere Bremer Finanz-Staatsrat Hans-Henning Lühr (SPD) moderieren soll. „Wir scheuen keine Schlichtung“, betont Behle. „Wenn es nötig ist, werden wir diesen Weg gehen.“
Skeptisch macht die Verdi-Vize, dass die Arbeitgeber nicht nur kein Lohnangebot vorgelegt hätten. Anders als früher üblich würden sie in den Verhandlungen auch keinen Lösungspfad aufzeigen und sich nicht auf die wichtigen Forderungselemente wie das sogenannte Meine-Zeit-Konto einlassen. Insofern würden sich die Arbeitgeber „komplett verweigern“, kritisiert Behle am Rande der Kundgebung. Dies könnte ein Versuch von Bund und Kommunen sein, die Gewerkschaften unter Druck zu setzen.
Acht Prozent mehr Lohn, mindestens 350 Euro im Monat, fordert Verdi – dies sei „absolut berechtigt“, betont Behle. Besonders empört sie sich bei ihrem Redeauftritt über das Argument der Arbeitgeber, eine hohe Tariferhöhung im öffentlichen Dienst würde nicht auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, während die Beschäftigten der Automobilindustrie um ihre Jobs fürchten müssen. Warum „soll ein Beschäftigter der Automobilindustrie, dessen Arbeitsplatz wegen der Transformation vielleicht verloren geht, freiwillig im öffentlichen Dienst anfangen – wenn gleichzeitig klar ist, dass er bis zu 900 Euro im Monat weniger verdient und noch mal vier bis fünf Stunden in der Woche mehr dafür arbeiten muss?“, meint sie. „Bescheuert sind die Kollegen auch nicht.“