80. Geburtstag von Anselm Kiefer
Von Donaueschingen an die Weltspitze
Er hat den Deutschen mit seiner Kunst immer wieder die eigene Vergangenheit vor Augen geführt. Aber auch zur Gegenwart können Anselm Kiefers Werke einen Beitrag leisten. Am 8. März wird der internationale Kunststar 80 Jahre alt.

© dpa/Marijan Murat
Deutschlands Vorzeigekünstler: Anselm Kiefer
Von Adrienne Braun
Die meisten haben geschwiegen, wollten vergessen und endlich wieder Normalität. Er nicht. Anselm Kiefer reiste durch Europa und malte und fotografierte sich immer wieder beim Hitlergruß. Das war eine Provokation. Für den jungen Künstler ging es aber um mehr, als die Vergangenheit wach zu halten. Für Kiefer war es ein Versuch, sich in die politische Haltung der Elterngeneration hineinzufühlen und die Verehrung für den „Führer“ als körperlichen Akt nachzuerleben.
Intensive Auseinandersetzung mit Gewalt, Krieg und Zerstörung
Die Zeiten der Skandale sind längst vorbei, aber die Art und Weise, wie sich Anselm Kiefer an der eigenen Geschichte von Beginn an abarbeitete, hat ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Künstler seiner Generation gemacht. An diesem Samstag wird er 80 Jahre alt und belegt seit Jahren selbstverständlich einen der vorderen Plätze im internationalen Kunstranking. Deshalb wird er nun auch in Amsterdam mit einem Doppelschlag gewürdigt: im Van Gogh Museum und im Stedelijk Museum. Im Anschluss wird er in der Royal Academy in London ausgestellt. Keine Frage: Kiefer, der aus Donaueschingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) stammt und heute in Frankreich lebt, ist ein internationaler Star.
Den Krieg hat Kiefer nicht mehr miterlebt. Und doch hat er sich wie kaum ein Künstler so intensiv mit Gewalt, Krieg und Zerstörung befasst, weshalb er 2008 denn auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Inzwischen liefern ihm nicht mehr der Nationalsozialismus und die deutsche Geschichte die Themen, sondern auch die jüngeren Katastrophen – wie der Krieg in der Ukraine. Es ist beredt, dass die Amsterdamer Ausstellung den Titel „Sag mir, wo die Blumen sind“ trägt – in Anlehnung an das Antikriegslied.
Kiefer wollte stets aufrütteln mit seinen Arbeiten und nutzte dazu schon früh Materialien, die durch ihre starke sinnliche Kraft unmittelbar berühren. Häufig setzte er Blei und Asche ein – wie auf seinem berühmten Bild „Die große Fracht“ (1981/1996), vor das er ein Flugzeug aus Blei hängte. Kiefer versteht es, allein durch die Haptik des Materials, durch rostigen Stahl oder krustige Farben von Gewalt zu erzählen, von Einsamkeit, Leere und der tragischen Ruhe nach einem martialischen Sturm.
Dabei hatte er immer einen Hang zum Monumentalen. Seine Skulpturen sind tonnenschwer und die Gemälde wecken mit ihren oft gigantischen Formaten oft das Gefühl, dass man in Landschaften oder Räume förmlich hineinläuft.
Hang zum Monumentalen
Bei aller unmittelbaren Wirkung ist für Anselm Kiefer aber auch die Geistesgeschichte eine wichtige Grundlage. In den vergangenen Jahren hat er sich verstärkt mit der jüdischen und christlichen Religion befasst, mit Mythen, Alchemie und Kosmologie – wobei er seine Arbeiten mit Anspielungen mitunter auch überfrachtet und die Symbole und Bezüge hermetisch bleiben. Auch sein Hang zum Pathos wurde immer wieder kritisiert und als Kitsch bezeichnet.
Seinem Erfolg tut das keinen Abbruch – zumal er als ewiger Mahner mit seiner Kunst die Deutschen zwang, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Und auch heute ist es gut, sein Werk in großem Stil zu zeigen, weil es auf schmerzliche Weise daran erinnert, dass aus Gewalt und Zerstörung keineswegs Glück und Erfolg hervorgehen, sondern nur karge, schroffe Landschaften mit verbrannter Erde.