Ur-Angst des Menschen
Warum sich Kinder vor „Monstern“ unter dem Bett ängstigen
Gerade noch war alles gut, und plötzlich will das Kind nicht mehr schlafen. Es hat Angst vor Monstern unterm Bett oder im Schrank. Soll man nun erklären, dass es die gar nicht gibt?

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„Was das Kind als Ursache der Angst benennt, mag für andere nicht nachvollziehbar sein, aber die Angst des Kindes ist real.“
Von Markus Brauer/dpa
Eine Babysitterin in Greta Bend im US-Bundesstaat Kansas will die Angst eines von ihr betreuten Kindes vor einem „Monster“ unter dem Bett zerstreuen. Doch die erlebt eine böse Überraschung: Zwar befindet sich in dem Versteck kein Ungeheuer, aber ein echter Mann. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen der Babysitterin und dem 27-jährigen Eindringling.
Der Mann flüchtet, bevor die von der Frau alarmierte Polizei im Haus eintrifft. Am Tag darauf wird der Verdächtige in der Nähe des Hauses festgenommen. Er hatte früher dort gewohnt. Doch wurde ihm später aufgrund von Gewaltvorwürfen per einstweiliger Verfügung das Betreten des Hauses verboten.
Facetten der Angst
Angst ist ein Grundgefühl, ein Primäraffekt, eine Basisemotion, die untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden ist. Die Besorgnis vor als bedrohlich empfundenen Situationen, das Herzklopfen infolge innerer Erregung vor dem Unbekannten sind Ausdruck einer teils massiven Verunsicherung des Gefühlslebens, deren Spektrum enorm ist.
Angst hat viele Facetten:
- die unbestimmte Angst
- die Angst vor etwas (auch Furcht genannt)
- die situationsbedingte emotionale Angst
- die Ängstlichkeit, die die Seele in Gestalt von Phobien und Zwängen dauerhaft lähmt
- Der Begriff Angst leitet sich ab vom lateinischen „angustia“, Enge, Bedrängnis. Wer sich ängstigt, dessen Inneres zieht sich zusammen, verhärtet sich, geht in den Verteidigungshabitus über. Auch „angor“, das Würgen, ist damit verwandt. Der sich Ängstigende wird von einem beklemmenden Gefühl gewürgt, das sich wie eine eiskalte Hand um seinen Hals legt, ihm das Atmen und klare Denken schwer, ja fast unmöglich macht.
Angst vor „Monstern“: Was soll man machen?
Zum Glück sind die meisten „Monster“, die im Schrank, unterm Bett oder im Keller verstecken nicht so real wie der Mann in Great Bend. Doch was macht man als Eltern, wenn das Kind Angst vor „Monstern“ hat?
Der erste Impuls bei irrationalen Ängsten ist wohl, dem Kind erklären zu wollen, dass es ja gar keinen Grund für diese Angst gibt. Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) erklärt, dass dies in den seltensten Fällen von Erfolg gekrönt ist: „Sicherlich ist das der kürzeste und schnellste Weg sich als Erwachsener dem Thema zu nähern. Aber es kann sein, dass sich das Kind dann nicht ernst genommen fühlt. Ängste vor ‚Monstern‘ sind eben irrational, und irrationale Ängste kann man nicht immer mit rationalen Argumenten überwinden.“
Magische Gedankenwelt: Mit den Kindern das „Monster“ besiegen
Daher solle man sich lieber auf die magische Gedankenwelt des Kindes einlassen und versuchen, dass das Kind selbst daran beteiligt ist, das „Monster“ zu bekämpfen. Das bedeutet, man solle mit dem Kind gemeinsam überlegen, wie man das „Monster“ am besten besiegen, es vertreiben oder es in ein gutes „Monster“ umwandeln könne, erklärt der Psychiater.
Die Angst vor „Monstern“ sollte dabei in einen spielerischen Kontext gebracht werden, der besser kontrollierbar und weniger angstbesetzt ist. Man könne dazu zum Beispiel auch ein Schwert aus Pappe bauen oder dem „Monster“ einen Namen geben. Bei Angst vor der Dunkelheit könne ein simples Nachtlicht oft schon helfen.
Ängste der Kinder ernst nehmen
Auch Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, ist der Ansicht, dass man die Ängste von Kindern immer ernst nehmen müsse: „Was das Kind als Ursache der Angst benennt, mag für andere nicht nachvollziehbar sein, aber die Angst des Kindes ist real.“ Das Wichtigste sei, dass man Kinder mit ihrer Angst nicht allein lasse.
Das sicherste Mittel, damit Kinder Ängste abbauen könnten, sei die körperliche Nähe und Zuwendung der Eltern. Ganz schwierig sei es für Kinder, wenn sie für ihre Angst beschämt oder gar ausgelacht würden. Daher solle man lieber das Kind auf den Schoß nehmen und wenn es sich beruhigt hat, erkunden, ob das Kind mehr über dieses „Monster“ erzählen kann: „Wie sieht es aus und was macht dir da Angst?“ Kinder mit ihren Ängsten ernst nehmen, bedeute, Kinder mit ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen.
Angst vor „Monstern“: In bestimmter Entwicklungsphase normal
Hanna Christiansen, Leiterin der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg, erklärt, dass die Angst vor „Monstern“ in einem bestimmten Entwicklungsalter für Kinder ganz normal sei.
Es könne helfen, wenn die Kinder etwa die Dinge aufmalen, die ihnen Angst einjagen. Abends könne man dann Monsterfallen aufbauen und etwa einen Stapel schwere Bücher auf die Zeichnungen legen und die Monster somit einsperren: „Dadurch konfrontieren sich die Kinder selbst mit ihren Ängsten, indem sie diese malen, sich damit auseinandersetzen, ihnen ein Gesicht geben und sie dann aktiv einsperren.“
In der Regel seien diese Ängste vor „Monstern“nur kurze Phasen im Entwicklungsverlauf, die dann auch wieder vorbeigingen. Bedenklich werde es erst, wenn sich diese Ängste hielten und ausweiteten.
Kinderängste in Entwicklungsstadien unterteilt
Christiansen berichtet, dass Kinder klassischerweise zunächst Angst vor fremden Menschen und Gegenständen, vor lauten Geräuschen und Höhen hätten.
Bis vier Jahre kämen dann Ängste vor Tieren, der Dunkelheit und dem Alleinsein hinzu.
Im Vorschulalter seien dann Ängste vor Fantasiegestalten, wie Monstern, Geistern und Hexen verbreitet, genauso wie Ängste vor Gewitter, Trennung und davor, nachts alleine zu sein.
Ab dem Schulalter dominierten Ängste vor der Schule, vor Versagen, vor Bewertungen, Verletzungen, Krankheit, Tod, medizinischen Eingriffen, Katastrophen, Entführungen, Umweltereignissen und Kriegen.
Manchmal, so Christiansen, führe jedoch auch das Verhalten und die eigenen Ängste und Phobien der Eltern dazu, dass Kinder Angststörungen durch Modell-Lernen entwickelten: „Auf dem Spielplatz gibt es häufig Eltern, die unter ihrem Kind mit ausgestreckten Armen stehen und dem Kind damit signalisieren, dass sie ihm nichts zutrauen und dass bestimmt gleich etwas schief geht.“
Kindliche Ängste haben ihre Berechtigung
Experten sind sich jedoch darin einig, dass Ängste an sich ihre Berechtigung haben und sogar notwendig zum Überleben sind. Gerade sehr intelligente Kinder seien häufig vorsichtiger, da sie bereits früh mögliche Gefahren erkennen könnten.
Wenn Ängste jedoch größer werden, bei den Kindern ein Leidensdruck herrscht und sie durch ihre Ängste im alltäglichen Leben eingeschränkt sind, sollten sich Eltern professionelle Hilfe bei Beratungsstellen und Therapeuten suchen. Denn Angststörungen sind mit bis zu 10 Prozent im Kinder- und Jugendalter die häufigste psychische Belastungsstörung, die jedoch in den meisten Fällen gut und schnell therapierbar ist.