Illegale Autorennen

Was soll der Raser-Wahnsinn auf deutschen Straßen?

Ohne Rücksicht auf Verluste rasen PS-Protzer durch Deutschlands Innenstädte und gefährden das Leben anderer und ihr eigenes – wie jetzt in Ludwigsburg. Die Raser nehmen den Tod anderer zumindest billigend in Kauf. Auf Warnungen hören sie meist nicht.

Auf Deutschlands Straßen wächst die Zahl der Raser und Rennfahrer. Seitdem die Bundesregierung das Rasen im Jahr 2017 zum Straftatbestand gemacht hat, sind die Fallzahlen in vielen Bundesländern zum Teil dramatisch gestiegen.

© dpa/Frank Rumpenhorst

Auf Deutschlands Straßen wächst die Zahl der Raser und Rennfahrer. Seitdem die Bundesregierung das Rasen im Jahr 2017 zum Straftatbestand gemacht hat, sind die Fallzahlen in vielen Bundesländern zum Teil dramatisch gestiegen.

Von Markus Brauer/dpa

Nach dem mutmaßlichen Autorennen am Donnerstagabend (20.März) in Ludwigsburg mit zwei toten Frauen ist der Fahrer des zweiten beteiligten Fahrzeugs weiter flüchtig. „Er wurde noch nicht festgenommen“, sagte ein Sprecher der Polizei. Ein beteiligter Fahrer war schon am Abend festgenommen worden.

Die beiden Fahrzeuge fuhren laut Polizei mit mutmaßlich überhöhter Geschwindigkeit auf einer Straße in Richtung der Autobahnanschlussstelle Ludwigsburg-Süd. Als zwei unbeteiligte Frauen mit ihrem Pkw von einer Tankstelle fuhren, kam es demnach zum Zusammenprall mit einem der beiden Autos.

Durch die Kollision sei das Fahrzeug der Frauen von der Fahrbahn geschleudert und zwischen zwei Bäumen eingeklemmt worden, teilte die Polizei mit. Die beiden jungen Insassinnen starben laut Polizei an der Unfallstelle.

PS-Wahnsinn auf den Straßen

Auf Deutschlands Straßen wächst die Zahl der Raser und Rennfahrer. Seitdem die Bundesregierung das Rasen im Jahr 2017 zum Straftatbestand gemacht hat, sind die Fallzahlen in vielen Bundesländern zum Teil dramatisch gestiegen.

Das Phänomen Rasen hat viele Facetten: Früher gab es organisierte illegale Rennen, häufig langfristig geplant, oft mit internationalen Teilnehmern. „Diese Art der illegalen Autorennen wird seit mehreren Jahren nicht mehr festgestellt“, sagt ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums in München. Häufig sind dagegen kurzfristige Rennen oder spontane Aufeinandertreffen. „Es kann auch einer allein sein, der quasi gegen die Stoppuhr fährt“, ergänzt der Sprecher.

Zunehmende Rücksichtslosigkeit im Verkehr

„Unfälle mit Rasern enden oft tödlich, und sie sind häufig auch auf Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit anderer zurückzuführen“, erklärt der Verkehrssicherheitsforscher Jörg Kubitzki. Er sieht das Raser-Phänomen als extreme Ausprägung allgemein zunehmender Rücksichtslosigkeit im Verkehr. „Die Mehrheit der Autofahrer verhält sich vernünftig, dennoch muss man bei einer wachsenden Zahl von Menschen einen Verfall der Verkehrsmoral beklagen, der sich auch noch durch eine ganze Reihe anderer Gefährdungen im Straßenverkehr ausdrückt.“

Warum Fahrer um die Wette rasen

„Niemand von den Rasern hat Angst zu sterben. Vielmehr achten sie sogar noch darauf, besonders schnell zu sein. Sie wollen lieber sterben denn als Krüppel zu enden“, unterstreicht Andrè Bresges.

Der Professor für Physik-Didaktik an der Universität Köln befasst sich seit Jahren intensiv mit der Raserszene in Deutschland und hat bereits mehrere wissenschaftliche Studien über die illegalen Autorennen in Deutschland verfasst.

Meist seien die Raser junge Männer, die sich beweisen wollten und das nur auf der Asphaltpiste schafften, so Bresges. Die auch im Internet eng vernetzte Raser-Szene treffe sich eher außerhalb größerer Städte, erläutert Bresges. Dabei würden auch Menschenleben bewusst aufs Spiel gesetzt oder der Tod Unbeteiligter zumindest billigend in Kauf genommen.

Drei Formen verbotener Rennen

  • Organisierte illegale Rennen mit häufig internationalem Streckenverlauf und zum Teil mehrtägiger Dauer.
  • Private illegale Rennen, die häufig sehr kurzfristig abgesprochen werden oder sich spontan durch das Aufeinandertreffen Gleichgesinnter im Straßenverkehr ergeben.
  • Sogenannte Einzelrennen, bei denen der Kraftfahrzeugführer zu schnell, grob verkehrswidrig und rücksichtslos unterwegs ist, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.

Vorsatz und Fahrlässigkeit

Der Paragraf 315d StGB (Strafgesetzbuch/Verbotene Kraftfahrzeugrennen) sieht einen Strafrahmen von bis zu zehn Jahren vor, wenn bei einem solchen Rennen ein Mensch zu Tode kommt – allerdings nur, wenn der Täter vorsätzlich handelte. In der Praxis der Strafverfolgung ist es kaum möglich, Vorsatz und Fahrlässigkeit auseinander zu halten.

Der neue Bußgeldkatalog 2025 sieht für illegale Autorennen folgende Strafen vor:

  • Sie veranstalteten oder nahmen als Kraftfahrer an einem verbotenen Autorennen teil: 3 Punkte im Fahreignungsregister („Verkehrssündenkartei“) des Kraftfahrtzeug-Bundesamtes in Flensburg / Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe / Fahrerlaubnisentzug
  • . . . mit Gefährdung: 3 Punkte / Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe / Fahrerlaubnisentzug
  • . . . . mit Personenschaden: 3 Punkte / Freiheitsstrafe von 1 bis zu 10 Jahren / in minder schweren Fällen von 6 Monaten bis zu 5 Jahren / Fahrerlaubnisentzug

Raser sind immun gegen Kritik und Ratschläge

Spontane Rennen beginnen oft an einer Ampelkreuzung. Die Raser drücken das Gaspedal im Leerlauf durch, die Motoren heulen auf, die Fahrer erleben einen Adrenalin-Kick. Der endet immer wieder im Krankenhaus oder auf dem Friedhof. „Die Gefahr solcher Rennen ist oft ungleich höher, da sie sich mitten im städtischen Raum abspielen“, warnt Verkehrsexperte Bresges.

Was kann man gegen den Raser-Wahnsinn tun? Die Fahrer seien in der Regel gegen Kritik und gute Ratschläge immun, betont Bresges. Selbst Schockvideos nützten wenig. „Die jungen Menschen sind das vom Kino gewohnt. Es entspricht der Sehgewohnheit der Raser“, erklärt der Unfallforscher. Die Raser seien tatsächlich der Meinung, dass ihnen so etwas nicht passieren würde. „Sie glauben, sich besser mit ihren Autos auszukennen, es besser im Griff zu haben.“

Bodenschweller bremsen Raser aus

Neben Prävention, Information und harten Strafen haben sich Boden- und Bremsschweller bewährt. Dabei handelt es sich um quer zur Fahrtrichtung angeordnete bauliche Erhebungen auf der Fahrbahn. Sie sollen zur Verringerung der Geschwindigkeit und damit zur Verkehrsberuhigung und Unfallvermeidung beitragen.

Da Raser oft tiefer gelegte Autos und Sportwagen besitzen, müssen sie noch langsamer über die Schwellen fahren als andere, um sich nicht die Stoßdämpfer ihrer Karossen zu ruinieren. André Bresges: „Die Raser haben zwar keine Angst um ihr Leben, aber um ihr Auto schon.“

Info: Wie lässt sich ein illegales Autorennen erkennen?

Tipps der Polizei Illegale Autorennen sind riskant, verboten und bringen nicht selten Unschuldige in Lebensgefahr. Aber wie lässt sich ein solches Rennen erkennen und dann melden? Die Polizei gibt Tipps:

Beteiligte An einem Rennen sind demnach meist mehr als zwei Autos beteiligt, weil sich hinter den beiden Kontrahenten zunächst eine Art „Fahrzeugpulk“ bildet. Dieser warnt oft zunächst durch die Warnblinker, dann reduziert er das Tempo teils fast bis zum Stillstand und blockiert dadurch den Verkehr.

Ausgebremst „Vor den Fahrzeugen, die den rückwärtigen Verkehr ausbremsen, sind zwei bis drei Fahrzeuge erkennbar, die sich positionieren“, erklärt die Polizei weiter. „Ist nach vorne freie Bahn geschaffen, erfolgt das Hochgeschwindigkeitsrennen.“

Einzelrennen Neben den oft auch spontanen Rennen verfolgen die Beamten auch Fluchten vor der Polizei und „Rennen gegen sich selbst“ – sogenannten Einzelrennen.

Unbeteiligte Unbeteiligten raten die Beamten, besonnen und aufmerksam zu reagieren und sich vor allem nicht provozieren zu lassen. „Halten Sie unbedingt ausreichend Abstand zu allen Beteiligten, seien Sie jederzeit bremsbereit.“

Daten Wichtig für die Polizei ist nach solch einem beobachteten Rennen neben dem Datum und der Uhrzeit natürlich das Nummernschild, vielleicht lassen sich auch Fahrzeugtypen und Farben der Autos notieren. „Machen Sie sich eine Gedächtnisnotiz über den Gesamtablauf“, rät die Polizei weiter.

Raser Einen „typischen“ Raser gibt es laut bayerischem Innenministerium nicht. „Die Täter rekrutieren sich aus verschiedenen Altersklassen quer durch die Bevölkerung.“ Männer sitzen bei den Rennen allerdings deutlich häufiger hinter dem Steuer als Frauen.

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Erstellt:
21. März 2025, 09:28 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2025, 10:44 Uhr

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