Kunstmuseum Stuttgart feiert doppelt

Was taugt die „Doppelkäseplatte“?

Chöre singen Ständchen, Kinder und Erwachsene malen auf dem Kleinen Schlossplatz – die Jubiläumsschau „Doppelkäseplatte“ im Kunstmuseum Stuttgart wartet aber mit noch mehr Überraschungen auf.

Das Kunstmuseum Stuttgart feiert

© Lichtgut/Leif Piechowski

Das Kunstmuseum Stuttgart feiert

Von Nikolai B. Forstbauer

Leidenschaftlich warb der Schweizer Ausstellungsmacher Jean-Christophe Ammann (1939-2015) in den Debatten um die inhaltliche Ausgestaltung eines Neubaus für die Städtische Kunstsammlung für die Beibehaltung des eingeführten Namens. „Städtische Galerie“, sagte Ammann, „das klingt doch wunderbar“. Ammann wurde überstimmt, mit dem von Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (1997 bis 2013) forcierten und 2005 eröffneten Neubau von Rainer Hascher und Sebastian Jehle sollte ein Neuanfang verbunden sein. So sind nun 20 Jahre Kunstmuseum Stuttgart zu feiern. Und zugleich 100 Jahre Städtische Kunstsammlung, fußt doch Stuttgarts Blick auf die Kunst auf einer Schenkung des Marchese Silvio della Valle di Casanova im Jahr 1924.

Die Kunst sorgt auch dafür, dass das Doppeljubiläum vom Start weg überraschend daherkommt. „Doppelkäseplatte“ ist das Ganze überschrieben – und zitiert das im ersten Ausstellungsraum zu sehende gleichnamige Werk von Dieter Roth. Seit 1968 arbeiten verschiedene Käsesorten zwischen zwei Glasscheiben an sich selbst – und das Sinnbild ständiger Veränderung dient nun zugleich als Selbstverpflichtung der Kunstmuseums-Mannschaft um Direktorin Ulrike Groos. Seit 2010 ist sie im Amt – da wäre ein den eigenen Themenlinien folgender Rückblick durchaus denkbar gewesen. Groos aber hat sich anders entschieden, tritt zurück und wie selbstverständlich als eine von sechs Kuratorinnen und Kuratoren auf, die auf den drei Stockwerken des Kunstmuseumskubus’ jeweils eigene Themenräume erarbeitet haben.

Erste Ausstellungen in der Villa Berg

Kai Artinger macht den Anfang. Der Provenienzforscher des Kunstmuseums tritt aktuell mit der in den Sammlungsräumen gezeigten Ausstellung „Grafik für die Diktatur“ hervor und übernimmt für die „Doppelkäseplatte“ den weiten Blick zurück zu den Anfängen der Sammlungspräsentation in der Villa Berg. Unscheinbar fast thront über dem räumlich gegenübergestellten Doppel von Kunstmuseum Stuttgart und Villa Berg ein im Aquarell vollzogener Namenswechsel. Die Objekt- und Konzeptkünstlerin Simone Westerwinter schuf das Doppel „Galerie der Stadt Stuttgart“ und „Kunstmuseum Stuttgart“ für die Eröffnung 2005. Weiße Schrift auf Grün – eine klare Sache. Nun kann es also endlich losgehen.

Aus Groos’ Team aus Kunstwissenschaftlerinnen und Kunstwissenschaftlern lädt Dierk Höhne zum ersten Schritt. Blumen von Fritz Lang und Christian Jankowskis Videoarbeit „Herzlichen Glückwunsch“ signalisieren mit Dieter Roths „Doppelkäseplatte“ im Hinterkopf: Hier wird nicht duldsam gefeiert, es geht um frische Dialoge und um Wiederentdeckungen im besten Sinn.

Offenbar mit einem Paukenschlag will Eva-Marina Froitzheim die Bildwelt des Malers und Gestalters Anton Stankowski (1906-1998) auf die große Bühne holen, verwandelt sie doch den mehrstöckigen Oberlichtsaal in ein Stankowski-Panorama mit zahlreichen, mit Hilfe der Wüstenrot-Stiftung restaurierten Werken. Das sieht gut aus, übertönt aber die Eigenintensität einzelner Arbeiten.

Feinnervig wird es hernach mit Porträts von Gerda Brodbeck und Andrea Büttner. Beide wunderbar überraschend und ein feiner Gegenpart zu Spiegelarbeiten von Kunststar Josephine Meckseper. K.R.H. Sonderborgs Maschinenpistole deutet an, was im ersten Kubus-Stockwerk folgt: ein kluger Blick in die alles collagierenden Politkunst-Welten von Albrecht/d. (1944-2013) und Dietrich Fricker (1928-2011). Spätestens in diesem Themenraum „Politische Untiefen“ befreit sich die Ausstellung davon, Erwartungen abzuarbeiten. Es geht um bewusst subjektiv provozierte Überraschungen.

Ulrike Groos ruft „Böse Geister“

Das zweite Obergeschoss und der von Stefanie Ufrecht gestaltete Eröffnungsraum „Kalte Körper“ unterstreichen dies nachdrücklich. Hier gibt der Maler Lambert Maria Wintersberger (1941-2013) eine ungemein aktuelle Antwort zur Fragestellung digitaler und analoger Malerei – und im Gegenüber zu digital entstandenen Bildwelten von Tim Berresheim gewinnt auch ein Tiefenraum von Ben Willikens neue Schärfe. Der Blick von der „Brücke“ in das Stankowski-Panorama lässt noch einmal durchatmen, dann geht es mit „Böse Geister“ hinein in die Abgründe von Otto Dix. Ulrike Groos gelingt Außergewöhnliches: In den Dialogen mit Yael Bartanas 16-mm-Filminstallation „Entartete Kunst lebt“, in der die Israelin mit den Figuren aus Otto Dix’ verschollenem „Kriegskrüppel“ ein eigenes Widerstandsszenario schafft, sowie mit Zeichnungen und der von den Freunden des Kunstmuseums erworbenen Scherenschnitt-Projektion der US-amerikanischen Künstlerin Kara Walker wird Dix’ Bildwelt auf bedrängende Weise in die Gegenwart katapultiert.

Eine der Entdeckungen der Jubiläumsschau ist die 1956 geborene Susanne Hofmann. Ungemein präzise analysiert sie die Fragen geschlechtlicher Identität und damit verbundener Wahrnehmungen von Rollen.

Und das dritte Kubus-Obergeschoss? Hier, wo 2005 zur Eröffnung die Malerei ihren Platz fand? Sabine Gruber lässt Werke von Adolf Hölzel (1853-1934), Ida Kerkovius (1879-1970), Markus Oehlen, Frank Ahlgrimm und des Kollektivs atelier JAK um eine Installation von Dana Greiner kreisen. 1988 geboren, summiert sie die Farbmalerei-Positionen der Moderne zu einer Anordnung, die gleichermaßen als höfliche Begrüßung wie auch als Befragung zu verstehen ist.

Haben wir nun tatsächlich alle Positionen gültig bewertet? Die Wandteppiche und ein Glasfenster von Ida Kerkovius drängt dem Betrachter diese Frage förmlich auf. Zu feiern ist im Kunstmuseum – ganz aus der Kunst heraus – ein großartiges Comeback einer ungemein durchdachten Kunst, die dabei doch das Tänzeln nicht vergisst.

Jubiläumsschau und Sammlung verschränken sich

Keineswegs aber hat man mit dem dritten Kubus-Geschoss die „Doppelkäseplatte“ geschafft. Natürlich steht die Jubiläumsschau für sich, doch provoziert sie zugleich neue Blicke auf die ständigen Sammlungsräume im Erdgeschoss und im Untergeschoss des Kunstmuseums – bis hin zu Nevin Aladags „Traces“ ganz eigener filmischer Annäherung an ein gültiges Porträt von Stuttgart.

Ganz im Sinn der Gründungsdirektorin des Kunstmuseums, Marion Ackermann, wird wie 2005 die Eröffnung an diesem Samstag und Sonntag auch der Start der „Doppelkäseplatte“ als Bürgerfest gefeiert. Die Botschaft: Das Kunstmuseum macht Spaß. Stimmt. Und wie!

Bürgerfest zur Eröffnung

Freier Eintritt Für die gesamte Laufzeit der Jubiläumsausstellung „Doppelkäseplatte“ bis zum 12. Oktober ist der Eintritt in das Kunstmuseum Stuttgart frei. Möglich ist dies durch Sonderzuschüsse der Stadt Stuttgart, der Landesbank Baden-Württemberg sowie zahlreicher Spenden.

Der Auftakt An diesem Samstag bringen Stuttgarter Chöre im Kunstmuseum von 11 bis 17 Uhr Geburtstagsständchen. An diesem Sonntag werden das Kunstmuseum und der Kleine Schlossplatz von 11 bis 17 Uhr zur Bühne für Mitmachaktionen für Menschen ab fünf Jahren.

Die Ausstellung Die Schau „Doppelkäseplatte“ ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Freitag von 10 bis 21 Uhr. Für Kinder bis 12 Jahre gibt es über QR-Codes einen eigenen Mediaguide mit der Figur Krixel. Erwachsene erfahren mit dem Mediaguide spannende Hintergründe.

Ulrike Groos ist seit 2010 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart

© Kunstmuseum Stuttgart/Gerald Ulmann

Ulrike Groos ist seit 2010 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart

Titelgebend für die Jubiläumsschau: Dieter Roths „Doppelläseplatte“

© Kunstmuseum Stuttgart /© Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth

Titelgebend für die Jubiläumsschau: Dieter Roths „Doppelläseplatte“

Im Oberlichtsaal zeigt „Doppelkäseplatte“ ein Panorama zu Anton Stankowski

© Forstbauer /Forstbauer

Im Oberlichtsaal zeigt „Doppelkäseplatte“ ein Panorama zu Anton Stankowski

Malerei dominiert das dritte Obergeschoss

© Forstbauer/Forstbauer

Malerei dominiert das dritte Obergeschoss

Peter Granser, Paar im Pool (Sun City)

© Kunstmuseum Stuttgart/© Peter Granser

Peter Granser, Paar im Pool (Sun City)

Ida KerkoviusBlühender Garten, 1960

© © Kerkovius Archiv Wendelstein/Frank Kleinbach

Ida KerkoviusBlühender Garten, 1960

Markus Oehlen, Ohne Titel, 2005 (Ausschnitt)

© Fotografie Frank Kleinbach /Fotografie Frank Kleinbach

Markus Oehlen, Ohne Titel, 2005 (Ausschnitt)

Haegue Yang, Sonic Rotating Triovular Geometric Triplets –  Copper and Silver #17

© © Haegue Yang/Nick Ash

Haegue Yang, Sonic Rotating Triovular Geometric Triplets – Copper and Silver #17

Kara Walker, For the Benefit of all the Races of Mankind (Mosʼ Specially the Master One, Boss) An Exhibition of Artifacts, Remnants, and Effluvia EXCAVATED from the Black Heart of a Negress IV, 2002

© Dauerleihgabe der Freunde des Kunstmuseums Stuttgart/© Kara Walker, Courtesy Sprüth Magers and Sikkema Jenkins & Co. / Foto: Raimund Zakowski

Kara Walker, For the Benefit of all the Races of Mankind (Mosʼ Specially the Master One, Boss) An Exhibition of Artifacts, Remnants, and Effluvia EXCAVATED from the Black Heart of a Negress IV, 2002

Tim Berresheim, Rot Blau III, 2007 (Ausschnitt)

© Fotografie Frank Kleinbach/Fotografie Frank Kleinbach

Tim Berresheim, Rot Blau III, 2007 (Ausschnitt)

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Erstellt:
7. März 2025, 15:48 Uhr

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