Spieleklassiker aus Stuttgart
Weltweites Erfolgsspiel „Catan“ wird 30 Jahre alt
„Catan“ ist ein weltweiter Spieleklassiker. Der Stuttgarter Kosmos Verlag hat inzwischen rund 45 Millionen Spiele verkauft. Warum fasziniert das Spiel so viele Menschen?

© dpa/Britta Pedersen
Das Brettspiel „Catan“ begeister Millionen Menschen weltweit.
Von red/dpa
Die Mickey-Mouse-Hefte waren für Klaus Teuber so etwas wie ein Gradmesser. Griff sein Sohn Benjamin zum Comic, war das Brettspiel vor ihm wohl zu langweilig. Bei „Catan“, das früher „Siedler von Catan“ hieß, dürften die Hefte in der Ecke liegen geblieben sein. Schon beim Prototyp war der Junior gepackt.
Dabei wird dort niemand rausgeschmissen, es werden keine Länder erobert oder Drachen besiegt. Nein, „Catan“ spielt in einer friedlichen Welt aus Handel, Holz und Schafen, Weizen, Lehm und Erz. Man kauft, man baut, tauscht, feilscht und gewinnt - oder eben auch nicht. Das war’s. Vier Jahre tüftelte Teuber, bevor er endlich einen Verlag überzeugte und das Spiel seinen Siegeszug um die Welt antrat.
Millionenfaches Tauschgeschäft
30 Jahre ist das jetzt her. Und nach wie vor tauschen Millionen Menschen eifrig Lehm gegen Erz, sie bauen Straßen und Siedlungen, vertreiben Räuber und errichten die größte Rittermacht mit dem Ziel, möglichst viele Dörfer und Städte zu gründen oder die größte Handelsstraße zu erfeilschen. Rund 45 Millionen „Catan“-Spiele sind inzwischen nach Angaben des Stuttgarter Kosmos Verlags verkauft worden.
„Catan“ ist inzwischen mehr als nur das Brettspiel aus dem Regal. Es ist ein Marken-Universum, zu dem Erweiterungen, Karten-, Würfel- und Computerspiele und sogar zwei Romane gehören. In mehr als 100 Ländern wird auf den sechseckigen Hexfeldern gespielt, das Spiel ist in über 45 Sprachen übersetzt und es gibt etliche Versionen und Erweiterungen vom Energie-Spiel über die Computerausgabe bis zur „Star Trek“-Version. Gesiedelt werden kann in der „Game of Thrones“-Welt und im Inkareich, in den Länderszenario-Puzzles Rhein Main Neckar und in Baden-Württemberg.
Im Silicon Valley hat „Catan“ Kultstatus, Hollywoodstars gehören ebenso zu den erklärten Fans wie Bill Gates - und vor allem in den USA trifft man an Halloween auf den einen oder anderen, der als Rohstoff verkleidet von Haus zu Haus zieht.
Klassisches Brettspiel boomt auch im Handy-Zeitalter
„Catan“-Erfinder Teuber, ein Spielkind bis zum Schluss, hatte eigentlich zunächst Chemie studiert und war dann in das Dentallabor seines Vaters eingestiegen. Als Ausgleich zum stressigen Berufsalltag begann er Anfang der 80er Jahre, Spiele zu entwickeln - das Kosmos-Angebot und der anschließende Erfolg retteten ihn aus einer finanziellen Zwangslage. Mehrfach wurden seine Ideen als „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet, 1995 ging der Titel an „Die Siedler von Catan“, das spätere „Catan“. Seit seinem Tod führen seine Söhne die Catan GmbH zu zweit weiter, mit der sie gemeinsam mit Kosmos die entwickelten Spiele vermarkten.
Für Benjamin Teuber ist noch viel Platz in der „Catan“-Welt. „Ich bin mehr denn je überzeugt davon, dass es das klassische Brettspiel auch in 20 Jahren noch geben wird“, sagt der Sohn des Erfinders. „Es ist doch jeder müde, immer auf Bildschirme zu schauen.“ Beim Spielen sitze man ohne Handys, aber mit Freunden am Tisch, man bekomme Emotionen ungefiltert präsentiert und es gebe nur Konflikte, die gewaltfrei gelöst würden. „Da wird nichts erobert oder verteidigt, es wird nur gehandelt, geerntet, gebaut.“
„German Game“ als inoffizielles Gütesiegel
Mit seinem Durchbruch zu einem der erfolgreichsten Brettspiele aller Zeiten hat „Catan“ auch Maßstäbe gesetzt für eine ganze Spielebranche und das, was danach international mit dem Erfolgs-Etikett „German Game“ versehen wurde. Belächelte man das Spiel bis dahin noch als Kinderkram, kamen nach Teubers Idee immer mehr anspruchsvolle Gesellschaftsspiele auf den Markt. Und der boomt seitdem und soll laut dem Marktforschungsinstitut Fortune Business Insights bis 2032 weltweit von aktuell 13 auf 28 Milliarden Euro wachsen.
Auch für den deutschen Markt stehen die Zeichen demnach auf Wachstum. Vor zehn Jahren gaben acht Prozent der Deutschen an, mindestens einmal pro Woche zu spielen, heute sind es 13 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Online-Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag der Stiftung für Zukunftsfragen.
Hunderte von neuen Ideen im Jahr
Die weltgrößte Publikumsmesse der Branche, die Messe SPIEL in Essen, wächst und Jahr für Jahr spülen die Verlage Hunderte neuer Brettspiel-Ideen auf den Markt. Es gibt Ausleihstätten, Spieleclubs und Events, auf denen gewürfelt, kombiniert und gezockt wird. „Wir haben einen Riesenrun“, sagt Martin Brock-Konzen vom Ali Baba Spieleclub in Köln. „Catan“ war der Startschuss für eine neue Art des Spielens. Ohne „Catan“ hätten wir nicht das, was wir heute haben.“
Für Kosmos-Sprecherin Silke Ruoff hat „Catan“ auch einen Wert abseits des Spielbretts: „Es entsteht ein starkes verbindendes Erlebnis, wenn gemeinsam gehandelt, getauscht und strategisch gedacht wird“, sagt sie. „Außerdem vermittelt das Spiel ganz nebenbei Social Skills, man misst sich, lernt auch mal zu verlieren und erfährt, dass jeder eine Chance hat.“
Im „Catan“-Team ihres Kosmos-Verlags, einem Büro ganz im Zeichen der aufgehenden Sonne sozusagen, ist das Universum der Teuber-Idee noch lange nicht an seine Grenzen gelangt. Die nächsten Editionen stapeln sich bereits im Regal. Hier wird der Weltrekord im Synchron-„Catan“-Spielen organisiert, den Kosmos bei der Spielemesse Ende Oktober gerne zurückgewinnen will mit deutlich mehr als 1.000 Teilnehmern. Und hier wird der rote Faden gelegt für die Weltmeisterschaft, bei der sich Anfang April in Stuttgart rund 90 Teilnehmende aus 60 Ländern an die Hexfelder setzen und bauen, siedeln und tauschen.