Neu im Kino: „Sisterqueens“

Wenn aus Mädchen Rapperinnen werden

Der Film „Sisterqueens“ über die Selbstermächtigung von Mädchen mithilfe von HipHop ist für den Grimme-Preis nominiert. Für ihre Doku hat die Regisseurin von der Filmakademie Ludwigsburg vier Jahre lang Mädchen bei einem Rap-Projekt in Berlin begleitet.

Jamila entwickelt sich während des Filmprojekts am Mikrofon und auch als Jugendliche immer weiter.

© Filmakademie Baden-Württemberg GmbH

Jamila entwickelt sich während des Filmprojekts am Mikrofon und auch als Jugendliche immer weiter.

Von Kathrin Waldow

Mit ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg hat die Regisseurin und Autorin Clara Stelle Hüneke gleich eine Grimme-Preis-Nominierung gelandet. Ihr Dokumentarfilm „Sisterqueens“ begleitet drei Mädchen in Berlin-Wedding, die an einem Rap-Projekt teilnehmen. Hier werden sie von Mentorinnen und Rapperinnen gecoacht, gefördert und dabei unterstützt, eigene Songs zu schreiben und Videoclips zu drehen. Melodik und Rhythmus, Ausdruck und Bewegung üben sie, genauso wie der Kraft ihrer eigenen Stimme zu vertrauen – samt Bühnen- und Studioerfahrung. Doch geht es um mehr als um HipHop. Jamila, Rachel und Faseeha, die drei Protagonistinnen, die zu Beginn der Dreharbeiten 9, 11 und 12 Jahre alt sind, reflektieren über große Gesellschaftsthemen: Rassismus, soziale Gerechtigkeit, Feminismus, Gleichberechtigung, Vertrauen, Zukunft, Gemeinschaft und Freundschaft.

Der Film schafft es, durch unmittelbare Nähe echte Einblicke zu vermitteln

Besondere Qualität beweist Hünekes Film, der durchaus Längen hat, durch die unmittelbare Nähe zu den Mädchen, die ihr zwischen Schule, Spielplatz, Familie und Songwriting tiefe Einblicke in ihre Gedankenwelten erlauben. Wenn etwa Jamila, danach gefragt, was sie der Welt sagen würde, wenn ihr alle Menschen zuhören würden, antwortet: „Die Leute sollen aufhören mit Ausdrücken und so. Und an sich selbst glauben, sich in ihrem Körper wohlfühlen und nicht auf andere hören“, klingt das schon ziemlich erwachsen. Wenn sie beim Picknick im Park von ihrer Mutter wissen will, wie die eigentlich nochmal ihren Vater kennengelernt hat, sind es auch ganz alltägliche Gespräche zwischen Eltern und Kindern, die der Film zeigt. Wenn Jamila beim Spaziergang mit einer Mentorin erzählt, dass Rassismus bereits in der Tierwelt herrsche – „...bei Tauben. Die weißen sind auf Hochzeiten, die schwarzen leben auf der Straße“ – wird deutlich, was sie trotz aller Kindlichkeit beschäftigt. Diskriminierung treibt auch Rachel um. Sie diskutiert mit ihrer Mutter etwa über rassistische Sprache und erklärt ihr, welche kritischen Formulierungen man vermeiden sollte. Nah dabei ist immer die Kamera ohne dass es die Gefilmten zu beeinflussen scheint.

Die talentierte Faseeha schreibt Songtexte über die Gemeinschaft. Zeilen wie „Alle werden feiern, Community wird gesteigert“ – rappt sie mit Inbrunst und entsprechender Gestik. „Wir sind ein Mosaik, das Ergebnis ist ne Krone“ – schmettert sie als Sinnbild der Kraft der Vielfalt ins Mikro. Mit Freundin Rachel albert sie herum und tauscht sich aus – über das Rap-Projekt, Jungs, und ihre ersten Auftritte, die Rachel und Faseehas Bruder begeistert verfolgen. Zu den stärksten Momenten der Doku gehören genau diese Momente, in denen die Protagonistinnen vor dem Studio-Mikrofon stehen oder auf der Bühne, umjubelt von Familie, Freunden und den Projektinitiatoren.

Clara Stella Hüneke hat die Mädchen über vier Jahre lang für ihren künstlerischen Dokumentarfilm begleitet. So sei es ihr gelungen, dieses besondere, respektvolle Vertrauensverhältnis zu den Heranwachsenden zu entwickeln, erzählt die Regisseurin. 70 Drehtage zwischen 2019 und 2023 habe sie dafür gebraucht, eineinhalb Jahre lang geschnitten. Dieser Aufwand sei nur möglich gewesen, weil das kleine Fernsehspiel des ZDF, eine Rubrik des Senders, die junge Filmemacher unterstützt, relativ früh mit einer Förderung eingestiegen sei, erzählt sie. Und: „Solche großen Gesellschaftsfragen, wie sie die Mädchen gestellt haben, lassen sich nicht in kurzer Zeit beantworten. Außerdem bin ich ein großer Fan von Langzeitdokus, dafür eignen sich Coming-of-Age-Geschichten besonders gut.“ Und: „So klug und lustig wie die drei Mädchen sind, hätte ich sie auch gar nicht erfinden können“, sagt sie noch über die rappenden Sisterqueens.

Wie wichtig die Themen Selbstermächtigung, Ermutigung und Unterstützung für Frauen und Mädchen sind, zeigt nicht nur die Grimme-Preis-Nominierung des Films. Schulen zeigen ihn vor Klassen, Hüneke geht zu Vorführungen mit Workshops und Diskussionsrunden, stellt begleitendes Filmmaterial für Schulen zusammen und erfährt viel Zuspruch für ihre Arbeit. Auch von männlicher Seite, erzählt sie.

Die Zukunft des Mädchenprojekts ist ungewiss

Das Sisterqueens-Projekt in Berlin, nach dem der Film benannt ist, stehe jedoch vor Finanzierungsschwierigkeiten, erzählt Hüneke: „Wegen der Kürzungen im Kulturbereich ist es derzeit sehr schwierig, eine Zukunft für das Mädchenprojekt, das es seit 2016 gibt, zu sehen“, so die 33-Jährige.

Ihr jedenfalls schwebt als nächstes Projekt ein Spielfilm vor – über den Rechtsruck in Deutschland. „Ich wünsche mir, dass ich trotz des Themas irgendwie einen hoffnungsvollen Film machen kann“, sagt sie.

Und was ist aus Jamila, heute 15, Faseeha (19) und Rachel (18) geworden? „Die Jüngste geht noch zur Schule, Rachel hat gerade einen Abschluss gemacht, Faseeha hat einen Studienplatz für Soziale Arbeit und gibt jetzt selbst Workshops für Mädchen in Berlin“, weiß Hüneke. Im Film sagt Faseeha nach einem ihrer Auftritte einmal: „Ich hätte sowas nie gemacht, hätte es das Projekt nicht gegeben.“ Deshalb wolle sie nun etwas an die Gemeinschaft weitergeben und andere unterstützen, sagt Hüneke. Ganz nach dem alten Empowerment- und HipHop-Motto ‚each one teach one’.

Autorin und Kino

Regisseurin Clara Stella Hüneke (33) kommt aus Frankfurt und Main und lebt in Berlin. Studiert hat sie an der Hochschule in Darmstadt und der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg

Film„Sisterqueens“, 97 Minuten, startet am 6. 3. im Kino. An diesem Tag werden auch die Preisträger des diesjährigen Grimme-Preises bekannt gegeben.

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Erstellt:
5. März 2025, 12:18 Uhr

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