US-Außenpolitik

Wir sollten Trumps Dummheit nutzen

Der amerikanische Präsident will Amerika wieder „great“ machen und zertrümmert dafür die US-Entwicklungshilfe. Das ist einerseits fürchterlich – aber es bietet andererseits auch Chancen für uns Europäer, kommentiert Rainer Pörtner.

Präsident Donald Trump streicht die US-Gelder für internationale Organisationen und Hilfen radikal zusammen.

© dpa /Carl Court

Präsident Donald Trump streicht die US-Gelder für internationale Organisationen und Hilfen radikal zusammen.

Von Rainer Pörtner

Die Aufregung in der indischen Politik war riesengroß. US-Präsident Donald Trump hatte behauptet, unter der Regierung von Joe Biden seien 21 Millionen amerikanische Dollar „zur Stärkung der Wahlbeteiligung in Indien“ geflossen. Biden habe das Geld wohl bezahlt, damit „jemand anderes“ als der stockkonservative Premier Narendra Modi gewählt würde.

Modis Regierungspartei warf daraufhin der indischen Opposition vor, mit geheimer US-Hilfe die Wahl manipuliert zu haben. Als Trump wenig später erklärte, das Geld sei an seinen „Freund“ Modi gegangen, empörte sich ihrerseits die indische Opposition über die bisher unbekannte Wahlhilfe. Am Ende war die ganze Erregung überflüssig. Donald Trump hatte mal wieder Blödsinn erzählt – und das mehrfach. Tatsächlich gab es Zahlungen über 21 Millionen Dollar zur Wahlunterstützung. Aber die gingen nach Bangladesch, das Nachbarland Indiens.

„Ein Schlangennest radikal-linker Marxisten, die Amerika hassen“

Trump ist das egal. Ihm geht es nur darum, die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID in Verruf zu bringen, deren bisherige Leitung er als „Haufen radikaler Verrückter“ beschimpft. Noch übler zieht sein Mann fürs Grobe, der Tech-Milliardär Elon Musk, über die amerikanischen Entwicklungshelfer her: Er nannte USAID „ein Schlangennest radikal-linker Marxisten, die Amerika hassen“ und eine „kriminelle Organisation“. Belege? Keine.

Entwicklungshilfe hat in der Außenpolitik der USA über Jahrzehnte eine wichtige Rolle gespielt – unabhängig davon, welche Partei gerade in Washington das Sagen hatte. Im Jahr 2024 waren die Amerikaner die größten globalen Geber: sie finanzierten 47 Prozent der humanitären Hilfsleistungen weltweit.

Es wird zu viel Leid führen, es werden deshalb Menschen sterben

Damit ist es jetzt vorbei. Trump schlägt die US-Auslandshilfe kurz und klein. 5800 Verträge der USAID im Wert von 52 Milliarden Euro werden gestrichen, das ist eine Reduzierung von 92 Prozent. Allein in den USA verlieren 1600 Beschäftigte der Behörde ihren Job. Die Amerikaner steigen aus der Weltgesundheitsbehörde aus, auch aus dem Klimaabkommen. Sie werden voraussichtlich ihre Mittel für die Weltbank, für die Asiatische Entwicklungsbank und viele andere Institutionen zusammenstreichen, die sich um bedürftige Menschen und Länder vor allem im globalen Süden kümmern.

Das abrupte Aus, das Streichen von Geldern über Nacht, ist nicht nur ein Schock für viele Helfer und die Staaten, in denen sie arbeiten. Es wird zu viel Leid führen, es werden deshalb Menschen sterben. Auch das ist Donald Trump egal. Er macht Außenpolitik wie ein Mafiaboss, der Schutzgelder erpresst und nur ein einziges Interesse hat: Geld verdienen. Wer von ihm Hilfe will, muss dafür zahlen. Mitgefühl ist für ihn Schwäche – außer es geht um die eigene „Familie“.

Merz will „wirklich Unabhängigkeit erreichen von den USA“

Das ist, man darf es sagen, dumm. Der Einfluss einer Nation auf die Welt ergibt sich nicht nur aus ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht, also aus der Fähigkeit, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Neben der „Hard Power“ geht es immer auch um „Soft Power“: um die Strahlkraft ihres eigenen politischen Systems, ihrer Kultur, ihrer tatsächlich gelebten Werte. Trumps Kahlschlag in der amerikanischen Entwicklungshilfe, sein Frontalangriff auf die regelbasierte internationale Ordnung und die globalen Institutionen wird Amerikas Einfluss auf die Welt auf längere Sicht nicht größer, sondern kleiner machen.

Schon jetzt ist zu beobachten, wie sich viele Länder und Regionen neu aufstellen angesichts des Trumpschen „Make-America-Great-Again“-Getöses. Sie schauen, wie sie auch ohne die USA gut klar kommen können. Am Abend der Bundestagswahl hat der vermutlich künftige Kanzler Friedrich Merz gesagt: „Für mich wird absolute Priorität haben, so schnell wie möglich Europa so zu stärken, dass wir Schritt für Schritt auch wirklich Unabhängigkeit erreichen von den USA.“ Das war ein bemerkenswerter Satz aus dem Mund eines Mannes, den man bisher als einen der größten deutschen Transatlantiker kannte.

Der Rückzug der USA aus der globalen Entwicklungshilfe ist nicht nur ein Drama, sondern für die Europäer auch eine Chance. Wir werden die amerikanischen Gelder nicht vollständig ersetzen können. Nicht jede bisher geleistete Hilfe, da hat Trump tatsächlich einen Punkt, ist sinnvoll gewesen.

Aber die Europäer sollten jetzt nicht den Fehler machen, nur noch – wie Trump – auf kurzfristige wirtschaftliche Vorteile und auf militärische Hochrüstung zu setzen. Europa sollte in diesem historischen Moment auch seine „Soft Power“ pflegen – und dazu gehört die Entwicklungshilfe.

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Erstellt:
10. März 2025, 11:56 Uhr

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