Neue Studie zeigt Einkommensgrenzen
Ab wann gehört man zur Mittelschicht?
Die meisten Menschen in Deutschland zählen sich selbst zur Mittelschicht – doch wer gehört laut Statistik wirklich dazu? Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, wo die Grenzen zwischen Armut, Mitte und Reichtum verlaufen.

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Viele Menschen zählen sich selbst zur Mittelschicht. Doch wer gehört tatsächlich dazu?
Von Katrin Jokic
Im politischen Diskurs ist oft von der Mittelschicht die Rede – sei es bei Steuerplänen, Sozialpolitik oder Rentendebatten. Denn die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ gilt als wirtschaftliches Rückgrat des Landes. Viele Menschen zählen sich instinktiv selbst zu dieser Gruppe. Doch wer gehört laut Statistik tatsächlich zur Mittelschicht?
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat nun eine aktuelle Studie vorgelegt. Die Studie zeigt nicht nur, ab wann man zur Mitte zählt, sondern auch, ab welchem Einkommen man als „reich“ oder „arm“ gilt.
Wann gehört man zur Mittelschicht?
Zur Mittelschicht zählt laut IW-Definition, wer über ein bedarfsgewichtetetes Haushaltsnettoeinkommen zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens (Median) verfügt. Entscheidend ist dabei nicht das reine Einkommen, sondern wie viele Personen davon leben und welchen Bedarf sie haben.
Singles gehören zur Mittelschicht, wenn sie mindestens 1.850 Euro netto im Monat zur Verfügung haben. Eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zählt ab einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.880 Euro zur Mitte. Wie in der Vergangenheit auch, zählt etwa jeder Zweite in Deutschland zur Mittelschicht.
Dass eine Familie nicht das vierfache Einkommen eines Singles benötigt, um zur Mittelschicht zu gehören, liegt an der sogenannten Bedarfsgewichtung. Sie stellt sicher, dass das Einkommen mit Blick auf die Haushaltsgröße fair eingeschätzt wird, denn das Leben wird günstiger, wenn mehrere Menschen zusammenleben. So ergibt sich ein einheitlicher Maßstab für die Zugehörigkeit zur Mittelschicht – unabhängig davon, ob jemand allein lebt oder mit Familie.
bis 1.390 €
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft
Zwischen der Gruppe der relativ Armen und der Mittelschicht liegt noch die sogenannte Untere Mitte. Zwischen der Mittelschicht bzw. der „Mitte im engeren Sinne“ und den relativ Reichen liegt die obere Mittelschicht.
Wer gilt als reich?
Wer ein Einkommen über 250 Prozent des Medianwerts erzielt, gehört zu den einkommensreichen Haushalten – also zur Oberschicht im Sinne der IW-Studie. Für Alleinstehende liegt diese Schwelle bei 5.780 Euro netto im Monat, für Paare ohne Kinder bei rund 8.670 Euro.
Eine vierköpfige Familie gilt ab einem Haushaltsnettoeinkommen von 12.140 Euro als reich. Nur etwa vier Prozent der Bevölkerung erreichen diesen relativen Einkommensreichtum.
Interessant: In der öffentlichen Wahrnehmung gelten deutlich mehr Menschen als „reich“, als es statistisch der Fall ist. Umfragen zeigen, dass viele Bürger glauben, rund ein Viertel der Bevölkerung zähle zur Oberschicht. „Reich sind in der eigenen Wahrnehmung zumeist die anderen“, sagt Judith Niehues, Autorin der IW-Studie.
Wer gilt als arm?
Am unteren Ende der Einkommensskala wird von „Armutsgefährdung“ gesprochen, wenn das Einkommen unter 60 Prozent des Medianwerts liegt. Diese Schwelle liegt auf Basis der aktuellen IW-Zahlen für Alleinstehende bei 1.390 Euro monatlich.
Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren liegt diese Grenze bei 2.910 Euro.
Die Armutsgefährdung bezieht sich dabei auf das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen – also das Haushaltsnettoeinkommen, gewichtet nach der Haushaltsgröße und dem Bedarf der einzelnen Mitglieder. Neben monetären Aspekten spielt auch die materielle und soziale Lebenslage eine Rolle. Menschen, die beispielsweise ihre Miete nicht regelmäßig zahlen können, keinen Urlaub machen oder sich selten Freizeitaktivitäten leisten können, gelten ebenfalls als armutsgefährdet.
Gehöre ich zur Mittelschicht?
Wer herausfinden möchte, wo das eigene Einkommen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung steht, kann dies auf der Website des Instituts der deutschen Wirtschaft selbst überprüfen. Mit dem interaktiven Einkommensrechner lässt sich das monatliche Haushaltsnettoeinkommen eingeben – das Tool zeigt anschließend an, wie viele Menschen in Deutschland ein höheres oder niedrigeres Einkommen haben.
Darüber hinaus können Nutzerinnen und Nutzer gezielt Vergleichsgruppen auswählen, etwa nach Geschlecht, Alter oder Region. So lässt sich noch genauer einordnen, ob man zur Mittelschicht gehört – oder ob man im Vergleich zur eigenen Altersgruppe oder Region über- oder unterdurchschnittlich verdient.
So kam die Studie zustande
Die Zahlen in der Studie beruhen auf Daten aus dem Jahr 2023, die Einkommen aus dem Jahr 2022 abbilden. Dabei wird das Einkommen eines Haushalts nach Abzug von Steuern und Abgaben betrachtet – also das, was tatsächlich zum Leben bleibt.
Neben Löhnen und Gehältern fließen auch Renten, Kapital- und Vermögenseinkommen sowie Vorteile aus selbstgenutztem Wohneigentum mit ein. Um Haushalte fair vergleichen zu können – etwa Singles mit Familien – wird das Einkommen mit der sogenannten modifizierten OECD-Skala angepasst.
Diese berücksichtigt, dass mehrere Personen in einem Haushalt gemeinsam wirtschaften.
Fazit
Die neue IW-Studie zeigt deutlich: Die Grenzen zwischen Arm, Mitte und Reich verlaufen klar definiert entlang des verfügbaren Einkommens – angepasst an die Lebensrealität unterschiedlich großer Haushalte. Während sich viele selbst als Teil der Mittelschicht sehen, gehören statistisch nur wenige zur Oberschicht. Und auch die Armut betrifft mehr Menschen, als oft angenommen wird. Die Studie liefert damit eine wichtige Grundlage für politische und gesellschaftliche Diskussionen.