Wie schlägt sich Regina Halmich als Model?
„Mir ist egal, was gerade angesagt ist“
Deutschlands größte Boxerin Regina Halmich ist Ausnahmesportlerin und Showtalent. Aber wie schlägt sie sich als Fashionmodel? Die garantiert letzte Boxmetapher: Bei so viel Eleganz sind wir k. o.

© Jens Schmidt, Styling: Lale Aktay, Haare und Make-up: Constanze Wendt
Zeitlos elegant: Regina Halmich trägt eine Jacke von Marc Cain, eine Bluse von Max Mara und eine Hose Marc Cain
Von Susanne Hamann
Frauen und Boxen? Als im April 1995 die Bilder der blutverschmierten Regina Halmich um die Welt gingen, war der Aufschrei groß. Die Karlsruherin hatte in Las Vegas ihren WM-Kampf gegen die US-Amerikanerin Yvonne Trevino spektakulär verloren – und erntete entsetzte bis hämische Reaktionen. Allerdings: Es blieb das einzige Duell, in dem die gelernte Anwaltsfachangestellte im Lauf ihrer Profikarriere unterlag. Zielstrebig und zäh setzte sie sich gegen alle Widerstände durch, wurde 24-mal Weltmeisterin. Heute wirkt Halmich unter anderem als Trainerin, Moderatorin, Charity-Engel – oder, wie zuletzt im vergangenen September, als Schaukampfalbtraum für Stefan Raab. Wir treffen Regina Halmich beim Mode-Shooting für das Stuttgarter Zeitung Magazin in der Galerie Better Go South in Berlin.
Frau Halmich, für viele sind Sie das Sinnbild einer starken Frau. Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?
Regina Halmich: Zahnärzte! Tatsächlich bin ich ein Schisser, wenn es um Zahnarztbesuche geht. Schon eine Zahnreinigung finde ich schwierig. Aber ich gehe natürlich zweimal im Jahr hin, es gehört einfach dazu.
Als Kind landeten Sie via Judo und Karate beim Boxen. Warum musste es Kampfsport sein und nicht Ballett?
Das kann ich selbst nicht genau sagen. Ich habe vieles ausprobiert, habe mal Basketball gespielt, war im Schwimmverein oder beim Malteser Hilfsdienst, weil mein Vater da Stadtbeauftragter war. Das war alles schön und gut. Aber mich hat nie etwas so fasziniert wie der Kampfsport. Die anderen Sachen waren mir alle zu langweilig. Aber als ich zum ersten Mal die Boxhandschuhe anhatte, da merkte ich: Das ist es.
Und Sie mussten sich wirklich durchboxen.
So ist es. Der Kampf ging dann erst los. Ich musste es ständig meiner Umwelt erklären, mich dafür rechtfertigen. Am Anfang dachte ich, ich mache etwas Unanständiges.
Sie waren dann unfassbar erfolgreich. Von 48 Kämpfen um eine Weltmeisterschaft haben Sie nur einmal verloren, einmal gab es ein Unentschieden. Im Rückblick betrachtet: müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu begreifen, wie Ihre Karriere gelaufen ist?
Ja, absolut. Es wurde alles besser, als ich es mir jemals erträumt hatte. Wenn mir, als ich 15 oder 16 Jahre alt war, jemand erzählt hätte, dass ich im Durchschnitt sechs Millionen Zuschauer pro Auftritt haben würde, bei meinem Abschiedskampf sogar neun Millionen, und dass ich einmal in die International Boxing Hall of Fame kommen würde, als zweite deutsche Person nach Max Schmeling – das hätte ich demjenigen nie geglaubt. Aber es passierte. Mir wurde erst im Laufe der Zeit bewusst, welche Rolle mein Beispiel speziell für Frauen spielt. Das sehe ich an meiner Post. Bis heute bekomme ich viele Fanbriefe, vor allem schreiben mir Frauen, für die ich ein Vorbild bin.
Ohne Sie wäre das Frauenboxen nicht da, wo es heute ist.
In Deutschland ist das so, ja. Ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen, dass der Sport olympisch wurde. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass es am Ende gar nicht so wichtig ist, welches Geschlecht man hat. Es kommt auf die Qualitäten an, die man in einem Sport mitbringt.
Apropos: Was ist Ihrer Ansicht nach wichtiger: Qualität oder Mentalität? Talent oder Fleiß?
Talent ist gar nicht so wichtig. Natürlich muss man beim Boxen ein paar Kriterien erfüllen, zum Beispiel, dass man nicht zu zimperlich sein darf. Ein paar Eigenschaften müssen einem in die Wiege gelegt worden sein, aber ohne Training geht es nicht. Ich habe viele Boxer erlebt, die hatten ein begnadetes Talent, waren aber nicht so fleißig im Training. Die waren überhaupt nicht erfolgreich. Daher würde ich sagen: Arbeit schlägt Talent. Ich war kein Naturtalent und musste mir viel erarbeiten.
Was ist Ihr Rat an die weibliche Jugend?
Ihr müsst einen langen Atem haben, auf Langstrecke gehen. Vergesst die kurzzeitigen Erfolge. Es dauert. Lasst euch von eurem Umfeld keine Grenzen setzen. Ich habe auch schnell gemerkt: Die Grenzen der anderen sind nicht unbedingt meine. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Ich hatte diesen großen Traum, und den wollte ich mir einfach nicht nehmen lassen. Das ist, glaube ich, das Entscheidende.
Wie schafft man es, sich nie entmutigen zu lassen?
Indem man kontinuierlich seine Leistung erbringt und einfach nicht an sich zweifelt. Wer zweifelt, der verliert.
Seit einiger Zeit wohnen Sie in Berlin. Ist Ihnen Karlsruhe zu klein geworden?
Na ja, Karlsruhe wird immer meine Heimatstadt bleiben, hier bin ich geboren. In Berlin habe ich trotzdem viel mehr Möglichkeiten. Am Anfang habe ich es gehasst, dann geliebt. Seit 2002 bin ich jetzt dort, und es hat mich nicht mehr losgelassen. Es ist einfach eine aufregende Stadt. Inzwischen lebe ich zusammengenommen schon länger in Berlin und vorher in Hamburg, als ich jemals am Stück in Karlsruhe war.
Vor 17 Jahren verabschiedeten Sie sich aus dem Profisport. Fehlt Ihnen das Boxen?
Einmal Kämpfer, immer Kämpfer. Das ist so. Ich verfolge immer noch täglich das Boxgeschehen, ich kommentiere auch Kämpfe für Fernsehsender und bin da noch voll im Bilde. Und für den Showkampf im September 2024 (gegen Stefan Raab, Anm. d. Red.) habe ich auch wirklich trainiert, bin seither auch wieder mit meinem alten Trainer in Kontakt. Das ist das Schöne: 17 Jahre lang habe ich gar nicht geboxt, auch weil die Gefahr zu groß war, die ein Comeback bedeutet hätte. Jetzt, mit 48 Jahren, bin ich in einem Alter, in dem ich ganz sicher bin, dass ich nicht zurück in den Ring möchte. Und dadurch kann ich jetzt wieder unbeschwert boxen. Das ist das beste Training überhaupt.
Sie halten sich mit Boxen fit?
Wenn dieser Showkampf ein Gutes hatte, dann, dass ich jetzt wieder mit meinem alten Trainer Kontakt habe. Und dass das alles dadurch wieder so aufgeblüht ist. Das möchte ich auch nicht mehr missen.
Kurz vor dem 50. Geburtstag machen sich viele Menschen Gedanken über das Leben: War’s das jetzt? Was kommt nun? Geht Ihnen das auch so?
Ich bin demütig und dankbar für alles, was ich erreicht habe, egal, wie schwer es war. Ich weiß inzwischen, dass man sich nicht immer wieder selbst toppen kann. Ich versuche daher, mich an kleineren Dingen zu erfreuen, und bin davon sehr erfüllt.
Was meinen Sie mit den kleineren Dingen?
Mit Freunden übers Wochenende zu verreisen. Mehr Urlaub zu machen, was früher nicht möglich war. Da zählten nur Leistung und Disziplin. Lockerheit ins Leben zu bringen. Denn ich bin insgesamt sehr strukturiert. Was auch immer ich mache – ich mache es zu 100 Prozent. Egal ob Vorträge, Kommentieren, Moderieren. Da steckt immer Herzblut drin. Ich bin immer super vorbereitet und überlasse nichts dem Zufall. Aber privat lasse ich nun Dinge auch mal auf mich zukommen. Ich frage mich daher nicht: Was kommt noch? Sondern ich warte ab. Dinge entwickeln sich. Projekte, Aufgaben, sie ergeben sich.
Wie viel Wert legen Sie privat auf Mode? Gehen Sie auch mal in der Jogginghose aus dem Haus?
Sicher. Ich habe einen Sponsor, der mich mit Sportklamotten ausstattet, und die Sachen sind inzwischen richtig schick. Mit denen kann man durchaus das Haus verlassen. Aber abends und am Wochenende hübsche ich mich gern auf. Deshalb war dieses Modeshooting toll für mich. Ich habe Lust, in Rollen zu schlüpfen, mir ist wichtig, was ich trage. Aber es ist nicht das Wichtigste. Es muss stimmig sein, man muss sich wohlfühlen – und dann ist es mir auch egal, was gerade angesagt ist. Was einem steht, muss natürlich jeder selbst herausfinden. Privat trage ich eher einen coolen Look, und hier beim Shooting waren auch ein paar lieblichere Outfits dabei, die ich nicht sofort präferieren würde, die mich aber positiv überrascht haben. Manchmal muss man modisch etwas mutiger sein und die Komfortzone verlassen.
Zur Person
Regina Halmich wurde 1976 in Karlsruhe geboren und lernte den Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten. Als 14-Jährige begann sie mit dem Boxsport, wurde ab 1992 dreimal in Folge deutsche Meisterin, 1994 auch Europameisterin. Insgesamt