„Beide Clubs lechzen doch nach dem Aufstieg“
Hans-Jürgen Boysen, einst Trainer der Stuttgarter Kickers und heute Aufsichtsrat von Kickers Offenbach, spricht über das Duell.
Von Jürgen Frey
Stuttgart - Mehr Tradition und Fankultur geht in der Fußball-Regionalliga Südwest nicht: Am Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) treffen die Stuttgarter Kickers auf Kickers Offenbach. Hans-Jürgen Boysen kennt beide Clubs und gibt seine Einschätzung zum Aufstiegsrennen ab.
Herr Boysen, werden wir Sie am Samstag im Gazi-Stadion sehen?
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ich wohne ja seit 25 Jahren in Großaspach, schaue mir alle OFC-Spiele live an. Wenn ich mal nicht im Stadion sein kann, dann verfolge ich die Spiele via Stream.
Was erwarten Sie für ein Spiel?
Ein Topduell, ein absolutes Highlight für die Regionalliga in einer großartigen Atmosphäre.
Wie viele Fans kommen aus Offenbach mit?
Wir hatten in Fulda 2000 Anhänger dabei, in Hoffenheim waren es über 3000, ähnlich viele OFC-Fans erwarte ich auch in Degerloch.
Zuletzt gegen Eintracht Trier strömten 9723 Zuschauer auf den Bieberer Berg.
Ja, das ist überragend. Leider hat es nach zweimaliger Führung nur zu einem 2:2 gereicht, weshalb wir die Tabellenführung wieder an die TSG Hoffenheim II abgeben mussten. Auch der FSV Frankfurt hat uns überflügelt.
Wie schätzen Sie die Lage an der Spitze ein?
Es geht sehr, sehr eng zu. Es sind noch 30 Punkte zu vergeben, von daher haben auch die Stuttgarter Kickers noch alle Chancen – trotz ihrer beiden Auswärtsniederlagen.
Bei einer Heimpleite am Samstag könnten die Stuttgarter Kickers aber ihre Aufstiegshoffnungen abhaken.
Das mag sein und macht die Aufgabe für uns mit Sicherheit nicht leichter. Letztendlich war es für die Blauen schon sehr traurig, dass sie ihren großen Vorsprung in der vergangenen Saison nicht ins Ziel retten konnten.
Weil man, um aus dieser starken Liga herauszukommen, auch mal die Gunst der Stunde nutzen muss?
Finde ich schon, ja. Wenn man als Neuling zunächst einmal unter dem Radar schwirrt, Euphorie da ist, man in einen Flow kommt, sich ein Punktepolster erarbeitet, dann ist das schon eine Riesenchance. Das zeigen ja auch die Beispiele SV Elversberg oder SSV Ulm 1846, die dann sogar in die zweite Liga durchmarschiert sind.
Eine Liga, von der beide Kickers-Teams träumen.
Klar, die Tradition, die Fankultur, das Stadion geben das ja auch her. Beide Clubs lechzen doch nach dem Aufstieg. Aber wie schwer es ist, erst einmal aus der Regionalliga rauszukommen, zeigt ja das Beispiel OFC, der jetzt schon in der zwölften Saison versucht, wieder in die dritte Liga aufzusteigen.
Was macht es denn so schwer?
Du musst unter Profibedingungen arbeiten, bekommst aber so gut wie keine TV-Gelder. Der Spagat zwischen wirtschaftlichen Möglichkeiten und sportlichem Anspruch ist riesig. Dann hast du noch die zweiten Mannschaften von Hoffenheim, Freiburg, Mainz, Eintracht Frankfurt, letztes Jahr den VfB Stuttgart II, als Konkurrenz. Wenn die aufsteigen wollen, dann steigen die auf. Und es gibt eben nur einen Aufstiegsplatz für den Meister und keine Relegation.
Wie geht es aus am Samstag?
Es wird knapp. Ich hoffe auf ein 2:1 für den OFC.
Der dann am Ende aufsteigt?
Der Glaube ist auf jeden Fall vorhanden. Aber es wird eine sehr enge Kiste, und auch den FSV Frankfurt sollte man beachten. Den hat irgendwie keiner so richtig auf dem Zettel gehabt, sie halten sich aber verdient und hartnäckig da oben.