Geschäftszahlen von VW

Braucht Deutschlands Wirtschaft noch den Standort Deutschland?

Trotz Sparprogrammen verlagern Autohersteller Jobs – das ist ein Warnsignal, dessen Bedeutung unterschätzt wird, meint unser Kommentator.

Volkswagen-Chef Oliver Blume präsentiert in Wolfsburg die Geschäftszahlen des Konzerns.

© AFP/RONNY HARTMANN

Volkswagen-Chef Oliver Blume präsentiert in Wolfsburg die Geschäftszahlen des Konzerns.

Von Klaus Köster

Gemessen daran, wie es auf den Weltmärkten zugeht, ist der Volkswagen-Konzern bisher ziemlich ungeschoren durch die Krise gekommen. Gewiss, ein Gewinnrückgang um knapp ein Drittel, wie ihn auch schon Mercedes hinnehmen musste, ist kein Pappenstiel. Doch in Zeiten, da mit China und den USA die wichtigsten Absatzmärkte zugleich die am meisten gefährdeten sind, die Investitionen in die E-Mobilität noch hohe Verluste bereiten und neue Wettbewerber aus China die hergebrachten Geschäftsmodelle von Grund auf bedrohen, erscheinen solche Zahlen geradezu erfreulich. So schlimm wie oft behauptet wird, ist die Lage nun auch wieder nicht – könnte man meinen.

So schön es auch wäre, Entwarnung geben und wieder zur Tagesordnung übergehen zu können: Die eigentlichen Herausforderungen stehen den deutschen Autobauern erst noch bevor. In China tobt derzeit ein brutaler Verdrängungswettbewerb mit mehr als hundert Herstellern, der neben extrem niedrigeren Kosten auch sprunghafte technologische Verbesserungen hervorbringt.

Die chinesischen Firmen, die diesen höllischen Konkurrenzkampf überstehen, werden zu deutschen Herstellern in einen Wettbewerb treten, auf den sich diese gar nicht intensiv genug vorbereiten können.

Wie viele Jobs sind wettbewerbsfähig?

Richtigerweise sucht Volkswagen wie auch Mercedes Partnerschaften, um sich durch bahnbrechende Innovationen, durch völlig neu konzipierte Modelle und durch eine breitere technologische Aufstellung auf den neuen Märkten zu behaupten – und hat zugleich massive Sparprogramme in die Wege geleitet. Denn ohne wettbewerbsfähige Kosten bleiben auch die besten Produkte unverkäuflich. Die aus deutscher Sicht entscheidende Frage ist dabei: Wie viele Jobs werden auf dem Weg zu mehr Wettbewerbsfähigkeit übrig bleiben?

Volkswagen wie auch Mercedes spart massiv auch bei den deutschen Personalkosten – und verlagert trotzdem verstärkt Stellen ins Ausland: VW produziert den Golf künftig in Mexiko statt in Wolfsburg; und Mercedes verlagert substanziell Kapazität von Deutschland nach Ungarn.

Substanzverlust versteckt in Statistiken

Die Zeichen, dass Deutschlands Wirtschaft vom Abstieg bedroht ist, stehen also deutlich an die Wand geschrieben. Das zeigt sich schon an der hartnäckigen Rezession, die in deutlichem Gegensatz zur Entwicklung in der übrigen EU steht. Aus Deutschland heraus fließen Jahr für Jahr lautlos Investitionsmittel in elf- bis zwölfstelliger Höhe ab – ein wuchtiger Verlust industrieller Substanz, der sich in amtlichen Statistiken versteckt und von der Öffentlichkeit kaum beachtet wird.

Gemessen daran relativieren sich selbst die heftigen Kostensenkungsprogramme, die für Wolfsburg und Untertürkheim ein großer Schritt sind, aber mitnichten bedeuten, dass Deutschlands Belegschaften sich damit auf die sichere Seite begeben haben. Gewiss lassen sich Besitzstände, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, nicht über Nacht abbauen – doch andererseits wird die Konkurrenz aus China, aber auch US-Präsident Donald Trump, gewiss nicht zuwarten, bis Deutschland sich in Politik und Wirtschaft neu aufgestellt hat.

Robuste Zahlen als Entwarnung?

Der Abbau vollzieht sich schleichend – das bietet die realistische Chance zum Umsteuern. Es birgt aber auch das Risiko, dass die tektonischen Verschiebungen unterschätzt werden, die dem Geschäftsmodell Deutschlands den Boden unter den Füßen wegziehen können. Dass Mercedes und Volkswagen nun mit erstaunlich robusten Geschäftszahlen aufwarten, sollte daher nicht als Entwarnung verstanden werden, sondern eher als Zeichen dafür, dass es für Bemühungen um den Anschluss auf den Weltmärkten noch immer nicht zu spät ist.

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Erstellt:
11. März 2025, 15:20 Uhr

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