Buchtipp „Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder

Das kurze, wilde Leben der Anita Berber

Jeder kennt das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von Otto Dix. Der Autor Steffen Schroeder zeichnet in seinem neuen Buch ein früh verglühtes Leben nach, das getanzt werden wollte.

Autor Steffen Schroeder.

© Anne Heinlein/Rowohlt

Autor Steffen Schroeder.

Von Theresa Schäfer

Einem Stuttgarter Publikum ist sie gut bekannt. Vor ein paar Jahren hing Anita Berber überall in der Stadt. Mit dem berühmten „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von Otto Dix warb das Kunstmuseum für die Sammlung der LBBW. Ein weiß geschminktes, verlebtes Gesicht, ein herzförmiger blutroter Mund, Hände, die mehr wie Krallen wirken. So alt wie Dix sie malte, wurde Anita Berber nicht. Nicht einmal 30 war die Tänzerin, als sie 1928 an Tuberkulose starb.

In Steffen Schroeders Buch „Der ewige Tanz“ liegt die schwindsüchtige Berber im Berliner Bethanien-Krankenhaus, hustet Blut, sehnt die nächste Morphingabe herbei und blickt auf ihr Leben zurück. Als Kind wird sie zur Großmutter abgeschoben, während ihre Mutter auf den Bühnen der Hauptstadt Chansons trällert, und ihr Vater – der Violinenvirtuose Felix Berber – die Konzertsäle Europas bespielt. Die Gene sind stark, auch Anita zieht es vors Publikum, denn „tanzen, dachte sie, tanzen konnte man alles“.

Berber, das ist nicht zu hoch gegriffen, hat den Tanz neu erfunden. Sie tanzte Emotionen – Liebe, Wut, Trauer, Rausch – , akrobatisch, impulsiv, hemmungslos, erotisch. Sie war das It-Girl der jungen Weimarer Republik, bald auch ein Stummfilm-Star, der gefeierte Mittelpunkt der vielen ausschweifenden Partys, die im Berlin der 1920er Jahre gegeben wurden. Damen gingen „à la Berber“, im Damensmoking und mit Monokel. Sie verführte Männer wie Frauen – und richtete sich mit Drogen selbst zugrunde.

Steffen Schroeder, selbst Schauspieler, hat sich daran gemacht, das kurze, wilde Leben der Anita Berber literarisch einzufangen. Vor fünf Jahren gab er mit der Coming-of-Age-Geschichte „Mein Sommer mit Anja“ sein Romandebüt, zwei Jahre später bearbeitete er mit „Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“ auch schon eine historische Figur: Den Physik-Nobelpreisträger Max Planck. Schroeder erzählt Berbers früh verglühtes Leben mit großer Kenntnis des Kulturbetriebs der Weimarer Republik, plastisch und historisch sehr genau. Manchmal klingt er dabei vielleicht ein bisschen brav; angesichts des schillernden Faszinosums, der Naturgewalt Anita Berber, die sich rauschhaft durch Berlin, Wien und sogar den Nahen Osten tanzt – und eine Stadt oft fluchtartig verlassen muss, wenn die Affären, Skandale und geplatzten Schecks drohen sie einzuholen.

Das „Who is Who“ Berlins der 1920er Jahre gibt sich auf 300 Seiten die Klinke in die Hand: Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Der Regisseur Fritz Lang. Eine junge Ingénue auf dem Weg nach oben: Marlene Dietrich. Und eine ehrgeizige Tänzerin mit Knieproblemen: Leni Riefenstahl. Ab und zu wirkt das ein bisschen zu sehr wie Pflichterfüllung, als habe der Autor eine lange Liste an großen Namen abzuarbeiten.

Im Bethanien-Krankenhaus haben sie sie fast alle verlassen. Da liegt sie, die einst begehrte Berber, und „sehnt sich danach, gehalten zu werden“. Die ehrbaren Krankenschwestern schauen auf die gefallene Sünderin herab, kaum einer der alten Freunde findet den Weg auf die Tbc-Station. Einer, der sie nicht vergessen hat, ist Dix, der ihr – gemalt in Aquarellfarben – einen Strauß roter Mohnblumen mitbringt. Rot wie das feurige Gemälde, das der Künstler 1925 von ihr malte und das emblematisch für seine Zeit steht. „Wie eine Morphinistin sah sie aus. Und alt. Sehr alt.“ Dix bannte Berber für die Ewigkeit als Alte. Mit seinem literarischen Porträt gibt Steffen Schroeder ihr hundert Jahre später ein Stück Leben zurück. Ein Leben, das getanzt werden wollte – und das nur darauf gewartet hat, erzählt zu werden.

Steffen Schroeder: Der ewige Tanz. Rowohlt. 304 Seiten, 24 Euro.

Der Autor und seine Hauptperson

Steffen SchroederDer 1974 geborene Schroeder ist Schauspieler und Schriftsteller. Er war Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater und spielte bei Claus Peymann beim Berliner Ensemble. Viele Jahre spielte er in der ZDF-Krimiserie „Soko Leipzig“ den Kommissar Tom Kowalski. 2020 schrieb er seinen Debütroman „Mein Sommer mit Anja“, 2022 folgte „Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“. 2023 hatte er ein Aufenthaltsstipendium im Stuttgarter Schriftstellerhaus.

Anita Berber im KunstmuseumDas bekannte Berber-Gemälde von Otto Dix hängt im Stuttgarter Kunstmuseum. Dort gibt es vom 9. April an die Präsentation „Orchideen“ zu sehen, eine Art Mini-Ausstellung zu der berühmt-berüchtigten Tänzerin. Am 23. Mai gibt es um 19 Uhr eine „Lecture Performance“ des Berliner Tanzensembles MS Schrittmacher, die sich mit dem choreografischen Wirken Anita Berbers auseinandersetzt.

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Erstellt:
11. März 2025, 14:56 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2025, 09:57 Uhr

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